Richterswil

«Der Vergleich mit Ken Follett ist zu hoch gegriffen»

Heinz Lüthi, vielen vom Cabaret Rotstift und von den Schlieremer Chind her bekannt, hat mit 77 Jahren seinen ersten Roman geschrieben: ein Sittengemälde des Limmattals.

In Heinz Lüttes Buch kommt unter anderem das Jahrhunderthochwasser von 1910, bei dem auch die Sihl überschwemmte, zur Sprache.

In Heinz Lüttes Buch kommt unter anderem das Jahrhunderthochwasser von 1910, bei dem auch die Sihl überschwemmte, zur Sprache. Bild: Sabine Rock

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Heinz Lüthi, in Ihrem Roman «Strömungen» bieten Sie Einblick in den Alltag von Familien im Limmattal zwischen 1909 und 1929. Das erinnert an die gross angelegten Historischen Romane eines Ken Follett. ­Verstehen Sie sich als solcher?
Heinz Lüthi:(lacht) Der Vergleich ist zu hoch gegriffen, Folletts Bücher verkaufen sich weltweit millionenfach. Mir geht es darum, mit meiner Limmattaler Saga einem breiten Publikum die Schweizer Geschichte näherzubringen. Zwei der bedeutendsten Schweizer Autoren des letzten Jahrhunderts möchte ich in diesem Zusammenhang erwähnen: Kurt Guggenheim und Meinrad Inglin. Ob ich mit ihnen verglichen werden darf, sollen die Kritiker entscheiden.

Sie sprechen von Schweizer ­Geschichte. Das Buch spielt aber vor allem im Limmattal.
Schauplatz sind verschiedene Ortschaften im Limmattal wie Dietikon oder Weiningen, das stimmt. Ich bin aber entschieden der Ansicht, dass sich die Geschichte unseres Landes in den Agglomerationen widerspiegelt. Eine solche ist das Limmattal. Ich glaube, es ist exemplarisch, wie die Bewohner des Limmattals den Ersten Weltkrieg, die Mobilmachung, die Spanische Grippe, den Börsencrash von 1929 erlebt haben. Und 1909, mit der Ballonwettfahrt Gordon Bennetts, ist das Limmattal erstmals in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt. Sind doch damals Ballonfahrer aus ganz Europa, zum Teil sogar aus Übersee, nach Schlieren angereist.

Warum haben Sie sich als Autor dem Limmattal verschrieben? Dort haben Sie lange als Lehrer gearbeitet, aber Sie leben schon bald 20 Jahre in Richterswil.
Ich bin in der Stadt aufgewachsen und als blutjunger Lehrer nach Weiningen gekommen. Dabei habe ich eine völlig neue Welt kennen gelernt, nämlich jene des Dorfes. Sie hat mich tief beeindruckt, aber auch geprägt als eine kluge Form des Zusammenlebens. Diese kleine, überschaubare Welt und Schicksalsgemeinschaft ist denn auch Ausgangspunkt meines Werks.

Gerüst des Romans sind die Historischen Fakten. Entstanden ist aber kein trockenes Geschichtsbuch, sondern ein anschauliches Sittengemälde. Die Leser nehmen teil am Schicksal von Arbeitern, Bauern, Fabrikanten und ihren Familien. Wie viel ist ­Geschichte, wie viel Fiktion?
Was die Historischen Fakten anbelangt, habe ich mir wenig künstlerische Freiheiten herausgenommen. Der Ballonwettbewerb, der Besuch des deutschen Kaisers Wilhelm im September 1912, die Mobilmachung – das alles hat stattgefunden. Aber wie die Menschen das erlebt haben, wie sie reden, was sie denken, wie sie sich verhalten – da kommt die Fiktion ins Spiel.

Eines der Historischen Ereignisse ist auch das Jahrhunderthochwasser von 1910. Die Schilderungen, wie sich das Sihleis durch die Limmat wälzte, sind eindrücklich.
Wir sollten nicht vergessen, welch ungebändigter, wilder Fluss die Sihl damals war. Den Sihlsee gab es noch nicht. Und mit der Schneeschmelze kam eben das Sihleis. Es führte nicht nur in Adliswil und der Stadt Zürich zu Überschwemmungen, sondern auch im Limmattal. Das können wir uns heute gar nicht mehr vorstellen.

Wie haben Sie es sich ­vorgestellt?
Es gibt einen Zeitungsartikel von Jakob Grau, «Das Sihleis kommt», der die Ereignisse und auch die Stimmung gut beschreibt. Der Rest ist Fantasie. Das Bild mit dem «Lindwurm mit einem beweglichen Schuppenpanzer aus Eisschollen» hat sich mir aber gleichsam aufgedrängt, nicht zuletzt aufgrund der Filme, die im Internet abrufbar sind. Einige Figuren, etwa der ­genannte Jakob Grau, sind ebenfalls historisch. Ja, er war ein alteingesessener Dietiker Bürger, Redaktor beim «Volksrecht» und Kantonsrat. Er hat viele heimatliche Betrachtungen geschrieben. Die sind sehr anschaulich. Wenn ich Mühe hatte, mich in die damalige Zeit zu versetzen, habe ich seine Schriften wieder zur Hand genommen.

Und wie haben Sie Figuren wie ihn belebt?
Jakob Graus Wesen konnte ich zum Teil aus seinen Texten extrapolieren. Er hat einen ganz eigenen Humor. Ich habe aber auch seine Witwe getroffen. So hat er für mich langsam Konturen erhalten.

Zentrale Figuren des Romans, wie der Fuhrmann Emil «Miggel» Ehrsam oder Gustav Ungricht, Betriebsleiter einer Weberei, sind aber frei erfunden. Wie sind Sie da vorgegangen?
Die Figuren müssen sich ja bewegen und interagieren mit anderen Figuren, so erhalten sie ein Umfeld. Ein Mosaiksteinchen ums andere kommt hinzu, die Figuren erhalten langsam Fleisch am Knochen. Wichtig war mir auch, dass aus heutiger Sicht als randständig wahrgenommene Figuren ihren Platz haben. Wie der Holzer und Junggeselle Jakob Haug. Inspiriert dazu hat mich eine alte Fotografie der Holzkorporation Weiningen, auf der eine Gruppe Waldarbeiter zu sehen ist. Einer davon ist etwas untersetzt, mit charakteristischem Kopf und Vollbart. Niemand wusste etwas über ihn, und so habe ich ihm jene Wesenszüge verliehen, die mir zu seinem Bild zu passen schienen.

Während der Arbeit an Ihrer «Limmattaler Chronik 1903–1999» haben Sie ein umfangreiches Archiv angelegt.
Ja, für die Chronik habe ich insgesamt sicher zwei Jahre nur recherchiert.

Wie sind Sie dazu gekommen, nach der Chronik noch einen ­Roman über diese Gegend zu schreiben?
Das war für mich die logische Konsequenz. Die erwähnte Chronik beruht ja auf der Sichtung von beinahe 100 Jahrgängen des «Limmattaler Tagblatts». Mit der Sammlung der alten Inserate, amtlichen Verlautbarungen und Zeitungsartikel stand mir eine reichhaltige Quellensammlung zur Verfügung, die wesentlich zur Faktizität des Romans beiträgt. Und mit dem Roman hoffe ich, ein breites Publikum anzusprechen.

Der erste Band endet 1929 – das 20. Jahrhundert ist noch reich an brisanten Vorkommnissen. Wie viele Bände folgen noch?
Mal schauen, wie lange ich noch in der gleichen Kadenz weiterarbeiten kann. Einen zweiten Teil gibt es sicher noch. Dieser wird die Jahre 1930 bis 1950 abdecken.

Folgt irgendwann auch eine umfassende Arbeit zum ­Zürichsee?
Im zweiten Band öffne ich den Blick übers Limmattal hinaus, so gesehen wird auch der Raum Zürichsee vermehrt vorkommen, zum Beispiel mit der Landi von 1939. (zsz.ch)

Erstellt: 16.03.2018, 18:53 Uhr

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