Kilchberg

«Wir geben noch nicht auf»

Die Solidarität mit der tschetschenischen Familie, die am 9. Juni 2016 ausgeschafft wurde, kennt keine Grenzen. Noch immer kämpft das Unterstützungskomitee «Hierzuhause» für die Rechte der sechsköpfigen Familie. Am Sonntag wird der Familie in einem Benefizgottesdienst gedacht.

Nach wie vor hat man in Kilchberg – namentlich bei den Mitgliedern des Komitees «Hierzuhause» (Bild) – die nach Tschetschenien ausgeschaffte Familie nicht vergessen.

Nach wie vor hat man in Kilchberg – namentlich bei den Mitgliedern des Komitees «Hierzuhause» (Bild) – die nach Tschetschenien ausgeschaffte Familie nicht vergessen. Bild: Screenshot srf.ch

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Fast ein Jahr ist vergangen, seit die Familie M., die nach ihrer Flucht aus Tschetschenien viereinhalb Jahre in Kilchberg lebte, in ihre ursprüngliche Heimat zurückkehren musste. Das Eingewöhnen in der autonomen russischen Republik fiel der Familie schwer. Aus Angst vor Verfolgung durch die Schergen des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow, vor denen der Vater 2008 flüchtete, versteckte sich die Familie in einer kleinen Stadtwohnung. Der Vater fand lange Zeit keine Arbeit. Vor einigen Wochen hat er daher begonnen, als Tagelöhner auf Baustellen anzuheuern. Die Mutter der Familie zieht sich im patriarchalischen System Tschetscheniens immer weiter in das häusliche ­Leben zurück.

Besonders einschneidend war die Ausschaffung aber für die vier Kinder, allen voran für die beiden Mädchen Marha und Linda, die in der Schweiz als perfekt integriert galten. Während die Mädchen in Kilchberg zu den besten Schülerinnen zählten, haben sie aufgrund der fehlenden Russischkenntnisse in Tschetschenien Schwierigkeiten, mitzuhalten. Mittlerweile beherrschen die Mädchen die Amtssprache Russisch zwar, untereinander sprechen sie aber nach wie vor Deutsch. Noch schlimmer traf es den älteren Bruder der Mädchen, Anvar. Die Behörden weigerten sich bis im März dieses Jahres, ihn einzuschulen.

In Gedenken an die Familie

«Es bricht uns das Herz, zu sehen wie die Kinder leiden», sagt Ronie Bürgin, der im Sommer 2015 gemeinsam mit Eltern der Mitschüler von Marha und Linda das Unterstützungskomitee «Hierzuhause» aufbaute, welches die Ausschaffung der Familie M. verhindern wollte. Mehrere Aufenthaltsgesuche wurden eingereicht, es folgte ein gut einjähriger Kampf mit den Behörden: Unterschriften gegen die geplante Ausschaffung wurden gesammelt, Eingaben geschrieben, zuletzt mischte sich gar die Kirche mit ein, indem sie der Familie Kirchenasyl gewährte. Es half alles nichts, die Familie musste die Schweiz verlassen.

«In unseren Köpfen ist die ­Familie jedoch nach wie vor präsent», sagt Bürgin. Um der Verbundenheit mit der Familie Ausdruck zu verleihen, habe das ­Komitee von «Hierzuhause» gemeinsam mit der reformierten Kirche Kilchberg einen Benefizgottesdienst organisiert. Die Mitschüler der tschetschenischen Mädchen haben sich zu diesem Anlass zu einem Kinderchor ­zusammengeschlossen, Bürgin selbst wird über die derzeitige Situation der Familie erzählen. «Einerseits geht es uns darum, die Gedanken an die Familie hochzuhalten und unsere Solidarität zu zeigen», sagt er. Andererseits werde mit einer Kollekte Geld gesammelt, das der Familie zukommen solle. «Da die Rückkehrhilfe aus der Schweiz bald ausläuft, wird es für die Familie zunehmend schwieriger, den Lebensunterhalt zu finanzieren», sagt Bürgin.

Warten auf eine Antwort

Obwohl das Komitee zahlreiche Rückschläge verzeichnen musste, sagt Bürgin: «Wir geben noch nicht auf.» Gegen den letzten negativen Bescheid des Zürcher Migrationsamtes über eine Aufenthaltsbewilligung für die Familie wurde ein Rekurs eingereicht. Dieser wird derzeit vom Regierungsrat behandelt. Eine Antwort steht noch aus. Bürgin könnte sich jedoch vorstellen, den Fall bis an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Strassburg weiterzuziehen. «Der Kampf mag aussichtslos scheinen», sagt Bürgin, «aber wir sind schon so weit gegangen, es wäre nicht richtig, jetzt den Bettel hinzuwerfen und die Familie im Stich zu lassen.»

Benefizgottesdienst: Sonntag, 21. Mai, 10 Uhr, ref. Kirche, ­Kilchberg. Kollekte zuhanden der Familie. Anschliessend Apéro im Kirchgemeindehaus. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 19.05.2017, 17:05 Uhr

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