Horgen

Chugelibirne: Alles andere ist Beilage

Die Chugelibirne ist zum Obst des Jahres gekürt worden. Ein Besuch in einem Hühnergehege und einer Bauernstube offenbart, wieso diese alte Delikatesse vom Aussterben bewahrt werden muss.

Die Chugelibirne aus dem Ofen: Sie ist weich im Biss und schmeckt süss, mit einer feinen Karamellnote.

Die Chugelibirne aus dem Ofen: Sie ist weich im Biss und schmeckt süss, mit einer feinen Karamellnote. Bild: Sabine Rock

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Hier auf dem Esstisch in der Bauernstube liegt sie, die Bratbirne, die so rar geworden ist wie Schnee in diesem Winter. Bäuerin Maya Läubli vom Hof zur Matte im Horgner Ortsteil Arn hat sieben Stück der Bratbirnen, die auch Chugelibirnen genannt werden, aus dem Keller geholt.

Sie hat sie auf einem weissen Teller angeordnet, die grösste Frucht in der Mitte, die kleinen rundherum. Die Birnen sind chugelirund, wie es der Name schon sagt, schimmern grün-bräunlich und zeigen erste Anzeichen von Schrumpligkeit.«Esst, sie schmecken gut», fordert Maya Läubli die Tischrunde auf.

Die Birnen sind chugelirund – was ihren Namen erklärt.

Zu Besuch bei den Läublis im Arn ist der 90-jährige Peter Vetterli, Kenner und grosser Förderer der Chugelibirne, die zum Obst des Jahres ausgezeichnet worden ist. Die Chugelibirne erinnert ihn an seine Kindheit. Weil er sie vermisste, liess er vor etwa sechs Jahren fünfzig Birnbäume veredeln und zu Bauern in Horgen, Wädenswil und Schönenberg bringen. Den Überblick über die Bäume hat niemand mehr.

Landwirt Otto Läubli erhielt zwei Exemplare. Er pflanzte sie mitten ins weitläufige Hühnergehege des Hofs, der hoch über dem Zürichsee liegt. Der Zaun schützt nicht nur das Federvieh, sondern auch die seltenen Bäume vor möglichen Eindringlingen. Die 180 Hennen und drei Güggel liefern mit ihrem Mist gleich noch den Dünger. Ein weiterer Standortvorteil: Ins Hühnergehege getrauen sich kaum Mäuse, die die Wurzeln fressen und so den Baum zerstören würden.

Erinnerungen an Schulweg

Knapp drei Meter hoch sind die beiden Bäume heute. Der Stamm ist so dick wie ein Kinderarm, die Äste ragen dünn in die Winterluft. «Der eine Baum hat schöne Blütenknospen, das gibt eine schöne Ernte», sagt Otto Läubli. Der andere hingegen macht einen müden Eindruck mit seinen hängenden Ästchen. Er erholt sich ein Jahr lang, nachdem er letztes Jahr viele Früchte trug.

Eine dieser Birnen nimmt Chugelibirnen-Pionier Peter Vetterli nun vom Teller. Vor dem ersten Bissen erzählt er von seinen Kindheitserinnerungen. Er wuchs im Horgner Ortsteil Käpfnach auf und pflückte auf dem Schulweg manchmal eine Chugelibirne. Diese wickelte er in Butterpapier und brachte sie einer Bäuerin. Sie steckte sie ins Ofenrohr. Nach der Schule verputzte Peter Vetterli die gegarte Chugelibirne. Sie ist seither seine Lieblingsfrucht.

Bratbirnen-Pionier Peter Vetterli liess viele Birnbäume veredeln.

Roh kann man die Birne auch essen. Beim Kauen entwickelt sich ein kräftiger Birnengeschmack. Sie ist eher hart im Biss und leicht körnig auf der Zunge. Die Tischrunde ist sich bei der Degustation der rohen Chugelibirne nicht einig. Während einzelne eine zweite verzehren, verzieht Otto Läublis Tochter Doris Blank, die den Bio-Hof zur Matte heute führt, das Gesicht. Sie findet die Birne eher bitter worauf ihre Mutter Maya Läubli ankündigt, dass die Bratbirnen im Ofen in etwa zehn Minuten fertig sind.

Die Chugelibirne oder Bratbirne ist eine typische Winterfrucht, erklärt Otto Läubli beim Warten auf die zweite Degustationsrunde. Der Baum blüht spät, von April bis Ende Mai. Die Früchte sind im Herbst reif und bleiben bis November am Baum hängen. Otto Läubli erntet sie vor dem ersten Frost. Er sagt zu Peter Vetterli, den er schon lange kennt: «Dank dir habe ich diese Bratbirne wieder.»

Die Birnen-Bäume auf Otto Läublis Hof zur Matte stehen mitten im Hühnergehege.

Auf dem Hof zur Matte gab es einen Chugelibirnbaum, bevor Otto Läubli heiratete. Damals habe er sie gebraten als Dessert gegessen, «oder als Beilage zum Habermus, das ich aber nicht mag.» Bekannt sind auch Rezepte, in denen die Birnen zusammen mit Speck und Kartoffeln gebraten werden. Maya Läubli lernte die Sorte kennen, nachdem die Bäume im Hühnergehege gepflanzt wurden.

Etwas Butter und Wasser

Die Bäuerin holt nun die gebratenen Birnen aus dem Ofen. Sie brutzeln noch in der Gratinform, als sie sie auf den Holztisch stellt. «Es braucht nur etwas Butter und einen Gutsch Wasser und eine halbe Stunde im Ofen garen», erklärt sie das Rezept.

Andächtig nehmen wir die Glasschale mit der gebratenen Birne entgegen. Es wird ruhig in der Bauernstube. Der grüne Kachelofen verströmt Wärme an diesem kalten Winterabend, der Hofhund sitzt draussen vor der Tür und bewacht den Hof. Wir stechen mit dem Löffel die kleine, bräunliche Kugel an, die knapp grösser als ein Golfball ist, und führen einen ersten Löffel dampfende Bratbirne zum Mund. Sie ist weich, zergeht auf der Zunge und hinterlässt einen intensiven, süssen und unvergesslichen Birnengeschmack.

Unvergesslicher Birnengeschmack – nach einer halben Stunde im Backofen ist die Bratbirne servierbereit.

Dass die Chugelibirne Peter Vetterlis Lieblingsfrucht ist, ist nun nachvollziehbar. Schön, dass der 90-Jährige noch Pläne mit ihnen hat. 70 weitere Bäume wolle er veredeln lassen, kündigt er in der Horgner Bauernstube an. Sein wacher Blick aus den hellblauen Augen lassen keine Zweifel an diesem Versprechen aufkommen.

Erstellt: 27.01.2020, 15:55 Uhr

Typisch für die Zürichsee-Region

Der alte Schweizer Bratbirnbaum soll laut historischen Überlieferungen am rechten Ufer des Zürichsees entstanden sein. Ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war er dort wie auch im übrigen Kanton verbreitet. Damals wurde zu fast jeder Mahlzeit Obst in gekochter Form aufgetischt: Beeren, Kirschen, Zwetschgen, Äpfel und Birnen wurden auf vielfältige Weise haltbar gemacht und später in Mahlzeiten weiterverarbeitet.

Der Siegeszug von Gemüse und Salaten verdrängte geschnitzte Apfelschnitze und Kompotte vom Esstisch. Fructus, die Vereinigung zur Förderung alter Obstsorten, hat die Bratbirne zur Schweizer Obstsorte des Jahres 2020 gekürt und aus diesem Anlass im Bezirk Meilen Birnbäume setzen lassen. Auf einen Aufruf von Fructus gingen Meldungen zu einzelnen Bäumen vom linken Zürichseeufer ein.Ein äusserliches Merkmal der Schweizer Bratbirne ist ihre runde Form, die ihr den Namen Chugelibirne verlieh. Typisch ist auch die bauchförmige Form der Kerne.

Die kulinarische Qualität der Bratbirne offenbart sich erst, wenn sie gebraten, gebacken oder gegart wird. Dabei entwickelt sich ein kräftiges Aroma mit einer Karamellnote. Sie eignet sich speziell als Dessert- oder Winterbirne. Da kaum Rezepte überliefert sind, ist anzunehmen, dass jede Bäuerin die Bratbirne nach ihren persönlichen Vorlieben verarbeitet hat. Häufig werden Birnen kombiniert mit geräuchtem Speck, Fleischgerichten, Wild oder Käse. (dh)

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