Wädenswil/Au

Wie eine Familie im Kleinsthaus durch den Winter kommt

Zwei Erwachsene, ein Baby und ein Hund auf 33 energieautarken Quadratmetern. Nach fast fünf Monaten hat sich die junge Familie auf dem engen Raum gut eingelebt. Nur die Wäsche waschen sie in der alten WG.

In der Au steht ein spezielles, kleines Häuschen: Die Tilla. Seit Dezember erproben Amelie Böing und René Reist hier am Zürichsee zusammen mit ihrem knapp 1-jährigen Sohn und einer Wolfshündin ein energieautarkes Leben auf kleinstem Raum.
Video: Paul Steffen

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Anfang Oktober haben René Reist und seine Partnerin Amelie Böing zusammen mit Sohn Nuori und Wolfshündin Elu ihre Tiny Villa – kurz Tilla – bezogen, eine kleine, energieautarke Villa auf Rädern, unweit vom Schulhaus Ort in der Au. Im Kanton Zürich gibt es eine Handvoll solcher Häuser, die wie die Tilla ohne externen Stromanschluss auskommen und alle benötigte Energie vor Ort herstellen. Die Tilla ist jedoch das erste Projekt im Kanton Zürich, welches Energieautarkie und platzsparendes Wohnen in einer mobilen Form kombiniert.

Bereits vor dem Umzug in die Tilla lebte die kleine Familie in der Au, allerdings in einer Gross-Wohngemeinschaft (WG). Dort verbringen sie noch immer zwei bis drei Tage pro Woche. «In der WG mache ich unsere Wäsche, denn die Tilla hat keine Waschmaschine», sagt die junge Mutter lachend.

Den Winter haben sie bis jetzt gut gemeistert. «Wir waren gespannt zu sehen, wie die Systeme in den kalten Monaten funktionieren», sagt der 33-jährige René Reist, der für die Energiegenossenschaft Zimmerberg arbeitet. Vor allem die Frage, ob die Solaranlage der Tilla auch im Winter genügend Strom für Kühlschrank, Haustechnik, Licht und Internet produzieren könne, habe ihnen Sorge bereitet. Die Tilla hat die Feuerprobe Winter bestanden. «Nur wenn wir ein paar Tage nicht da sind und die Tilla auskühlt, dauert es ein paar Stunden, bis es wieder warm ist», sagt Böing. Dann komme jeweils auch der wasserführende Holzofen zum Einsatz, mit dem der Wohnraum zusätzlich erwärmt werden kann.

Es ist gemütlich in der Tilla; das grosse Fenster zum Aussensitzplatz lässt nicht nur viel Sonnenlicht in den gut 33 Quadratmeter grossen Raum, es dient auch als Eingangstür. Ein Bett zur Linken, rechts eine kleine Küche und ein separates Bad. Im bergseits gelegenen Erker mit Bullaugen steht ein kleiner Tisch mit Stühlen. Nuoris Schaukel für den Mittagsschlaf baumelt daneben von der Decke. Darunter sitzt Elu und beäugt die Besucher argwöhnisch.

«Unser Rückzugsort»

Die junge Mutter geniesst die Ruhe ihres kleinen Reiches. Im Gegensatz zum WG-Leben mit einem Dutzend Mitbewohnern habe sie in der Tilla einen Rückzugsort für ihre kleine Familie. «Natürlich ist es eng und nicht immer kuschelig», sagt sie. Doch man lerne unglaublich viel über sich selbst. Gleichzeitig ist die 32-Jährige, die im Juni ihr zweites Kind erwartet, froh, dass es bald Frühling wird und sie dann den Aussenbereich der Tilla wieder mehr nutzen können. Das werde auch dem bald einjährigen Nuori guttun.

Das Paar möchte mit seinem Experiment einerseits demonstrieren, dass es möglich ist, viele Kreisläufe vor Ort zu schliessen. Andererseits zeige die Tilla, dass es neben dem klassischen Einfamilienheim oder der Mietwohnung durchaus noch andere Wohnformen gibt. Die Vermutung, das energieautarke Leben funktioniere nur mit grossen Komforteinbussen und Verzicht, bestätige sich nicht. «Wir haben gestaunt, wie lange der Strom reicht», sagt Reist. Der Dezember habe gezeigt, dass sie energetisch sogar dann gut über die Runden kommen, wenn es zehn Tage lang bewölkt sei.

Um interessierten Menschen einen Einblick in das Leben in der Tilla zu geben, hat das Paar schon zu Besuchstagen eingeladen. «Wir wollen die Besucher dazu anregen, darüber nachzudenken, wie sie in Zukunft leben wollen», sagt Reist. «Gleichzeitig können wir sie über das Leben in einem energieautarken Haus informieren.» Zur Überraschung des Paares waren alle fünf Termine für jeweils zehn Personen im Nu ausgebucht.

«Wir wollen die Besucher dazu anregen, darüber nachzudenken, wie sie in Zukunft leben wollen.»René Reist

Eindrücklich sei jeweils nicht nur das grosse Altersspektrum der Besucher, sondern auch die unterschiedlichen Motivationen, an den Besuchstagen teilzunehmen, erklärt Reist. «Die Nachbarn wollten wohl primär ein Gefühl dafür bekommen, was wir für Menschen sind. Daneben kommen Personen, die sich speziell dafür interessieren, wie es ist, energieautark zu leben.» Anderen gehe es mehr um die Frage, wie man auf kleinem Raum komfortabel wohnen könne. Auch das Thema Alterswohnsitz komme bei den Besuchstagen regelmässig aufs Tapet. «Es scheint ein Bedürfnis da zu sein, im Alter das grosse Einfamilienhaus gegen eine kleinere Wohnform einzutauschen», sagt Reist.

Architekt seines Lebens sein

Man müsse sich die Frage stellen, wie man leben möchte, und dann die geeignete Wohnform dafür gestalten, sagt Reist. «Ich bin lieber der Architekt meines Lebens als nur der Konsument.» Den grossen Vorteil einer Mobilie wie der Tilla sieht er auch darin, dass sich auf diese Weise brachliegendes Bauland zwischennutzen lasse. Damit dies künftig mit weniger Aufwand möglich ist als aktuell der Fall, müsse sich in Sachen Baurecht einiges tun. «Es gibt für diese mobile Wohnform keine angemessenen baurechtlichen Grundlagen», erklärt Reist. So hätten sie für ihre mobile Tilla ein reguläres Baugesuch einreichen müssen, wie es im Falle eines Hausbaus üblich ist. Auch der Anschluss an das kommunale Abwassernetz sei obligatorisch. Sogar im Fall der Tilla, die über eine eigene Pflanzenkläranlage verfügt. «Die Energievorschriften schliessen Kleinwohnformen aus», sagt Reist. Denn je kleiner man bauen wolle, umso schwieriger werde es, die Vorschriften zu erfüllen.

Bis im Herbst 2020 dauert die erste Phase des Experiments des jungen Paares noch. Dann verlässt die Tilla voraussichtlich das 300 Quadratmeter grosse Landstück in der Au. Langfristig wollen die jungen Eltern das Projekt gemeinschaftstauglich machen und damit auch die soziale und ökonomische Nachhaltigkeit adressieren. In welcher Form dies genau passieren soll – viele Tillas oder eine grosse Villa –, diese Fragen stellen sie sich nun. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 21.02.2019, 17:55 Uhr

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