Horgen

Wie die Orgel das Pfeifen lernt

Die Katholische Kirche Horgen hat eine neue Orgel. Andreas Metzler intoniert sie. Dies zum Teil nur mit blossem Gehör. In Horgen stösst er dabei auf technische und akustische Probleme.

Andreas Metzler intoniert die neue Orgel der Katholischen Kirche Horgen teils mit blossem Gehör.

Andreas Metzler intoniert die neue Orgel der Katholischen Kirche Horgen teils mit blossem Gehör. Bild: Manuela Matt

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Es rumort in der Katholischen Kirche Horgen. Ein dumpfer Ton erklingt in ihrem Innern. Immer und immer wieder. Mal etwas tiefer aber trotzdem leicht, dann leiser aber stets mächtig. Das Geräusch kommt aus einer der 2587 Pfeifen der neuen Orgel auf der Empore der Kirche.

Bald schon soll sie Kompositionen von Bach, Vivaldi oder Händel spielen, um Gottesdienste zu begleiten. Noch aber spuckt sie nur vereinzelte Töne aus, die Sehnsucht nach einer Melodie bleibt unerfüllt. Andreas Metzler will das ändern. Er hat das Instrument mitgebaut und intoniert es nun, stimmt es, gleicht die Töne und deren Klangfarben aus. Drei Wochen lang steht er in der Orgel, einem Käfig aus silbernen Pfeifen, und schraubt.

«Ich fange immer bei null an»

Die Pfeifen der Horgner Orgel hat Metzler bereits in seiner Werkstatt in Dietikon vorintoniert. In der Kirche muss er sie nochmals anpassen. Dafür arbeitet Metzler zusammen mit einem Mitarbeiter. Der eine drückt auf die Orgeltaste, der andere steht in der Kirchenmitte, hört genau hin und gibt Anweisungen, ob der Ton höher oder tiefer, lauter oder leiser, länger oder kürzer sein muss. «Ob ein Ton nun stimmt oder nicht, ist manchmal eine Geschmacksfrage», sagt Metzler.

Für die grobe Stimmung benutzt er ein Stimmgerät. Für die Feinjustierung dient ihm lediglich sein Gehör. «Den richtigen Ton herauszuhören, kann man lernen», sagt Metzler. Ab einem gewissen Punkt brauche es aber auch Begabung. Ein absolutes Gehör hat Metzler nicht. Aber dafür viel Erfahrung. Er baut und intoniert Orgeln seit rund 35 Jahren. «Das Problem an der Erfahrung ist nur, dass sie mir nicht immer nützt», sagt er. Denn jede Orgel klinge ein wenig anders. «Man fängt immer wieder bei null an.» Daher komme man ohne eine gewisse Begabung in diesem Beruf nicht weit.

Beim Instrument in der Katholischen Kirche Horgen handelt es sich um eine Barockorgel im thüringischen Stil. «Sie ist nicht so pompös wie andere Typen», sagt Andreas Metzler. Denn auch Barock ist nicht gleich Barock. Während französische Orgeln eher laute, schwere Töne von sich geben, spielt die thüringische Barockorgel eine Vielzahl von sanften Tönen. «Generell ist der Ton der Orgel eher zurückhaltend. Eine gewisse Macht hat sie dennoch, um die Kirche füllen zu können», sagt er. Da Thüringen die Wirkungsstätte von Johann Sebastian Bach war, sei die Orgel für dessen Stücke besonders geeignet.

Die Orgel zu erbauen und zu stimmen verlangte Metzler einiges ab. Denn den eigentlichen Grund für eine neue Orgel bot das runde Kirchenfenster über der Empore. Das frühere Instrument verdeckte das bunte Bleiglasfenster. Um dieses freizulegen und mehr Licht in die Kirche zu lassen, musste eine zweiteilige Orgel her. Die eine Hälfte der Pfeifen steht nun links vom Fenster, die andere rechts davon. «Die Aufstellung in zwei Teile machte den Bau technisch viel komplizierter, da alles mechanisch miteinander verbunden werden musste.»

Auch die Intonation des Instruments stellt Metzler vor eine Herausforderung. Der Kirchenraum hat sich durch die Renovation, die die letzten zwei Jahre durchgeführt wurde, akustisch verändert. Die musikalischen Anforderungen decken sich nicht mit den architektonischen. «Der Raum schluckt jetzt mehr, weshalb wir den Winddruck in den Pfeifen erhöhen mussten, damit der Raum die Akustik doch noch trägt», sagt Metzler.

Jahreszeit verändert den Ton

Der Klang der 2587 Pfeifen, welche Metzler alle einzeln einstellt, verändert sich je nach Jahreszeit. Die Orgel verfügt einerseits über Labialpfeifen, andererseits über Zungenpfeifen. Erstere funktionieren nach dem Prinzip einer Blockflöte, letztere mit einem Metallplättchen, das die Luft reguliert, ähnlich wie bei einer Oboe.

Die Labialpfeifen verändern sich bei 13 Grad Celsius Temperaturunterschied um 10 Hertz. Die Zungenpfeifen behalten jedoch ihren Ursprungston. «Daher klingen die Labialpfeifen im Sommer etwas höher als im Winter, was zu einer subtilen Disharmonie führen kann», sagt Metzler. Das menschliche Durchschnittsgehör nimmt Töne zwischen 20 bis 20'000 Hertz wahr. Vielen dürfte die leichte Verstimmung also gar nicht auffallen.

Das neue Instrument hat samt Einbau rund eine Million Franken gekostet und ist Teil der Gesamtsanierung des Kirchenraums. Die alte Orgel wurde der Musikakademie der Slowenischen Hauptstadt Ljubljana gespendet. Die neue Orgel wird am Sonntag mit einem Eröffnungskonzert eingeweiht.

Sonntag, 28. Oktober, 17 Uhr, Eröffnungskonzert in der Katholischen Kirche Horgen, Burghaldenstrasse 5. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 23.10.2018, 15:26 Uhr

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