Thalwil

Wie aus Handlangern erfolgreiche Bauunternehmer wurden

1920 gründeten die Brüder Josef und Martin Rossi in Thalwil ein Baugeschäft. Die Bauten der beiden Migranten aus der Lombardei prägten die Region während Jahrzehnten und bis heute. Ein Buch rollt die Familien- und Firmengeschichte auf.

Franco Rossi vor dem Gebäude Lagomio an der Seestrasse in Wädenswil.

Franco Rossi vor dem Gebäude Lagomio an der Seestrasse in Wädenswil. Bild: Michael Trost

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Bauunternehmer mit italienischen Wurzeln gibt es in der Zürich­seeregion viele: Vanoli, Spelgatti, Butti oder Ferrari sind bekannte Namen. Die Geschichte der Firma Rossi ist gleichsam idealtypisch für sie alle. Die Gründer Giuseppe und Martino Rossi, die ihre Namen bald einschweizerten, stammten aus dem lombardischen Bergdorf Ponte di Legno und flohen aus der dortigen Armut 1902 im Alter von 14 und 17 Jahren in die Schweiz. Vom Handlanger arbeiteten sie sich sukzessive hoch, bis sie 1920 in Thalwil ein eigenes Bau­geschäft gründeten.

Treibende Kraft war der jüngere Bruder Josef Rossi, der gemäss Familienanekdote die Löhne der Arbeiter nach deren Bizepsgrösse festlegte. Aus bescheidenen Anfängen entwickelte sich eine der grössten Baufirmen am linken Zürichseeufer, die zeitweise 360 Mitarbeitende beschäftigte. 1959 ging die Firma an die zwei Söhne von Josef Rossi, Hans und Armin, über; 1980 wurde sie in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. 2005 folgte der Verkauf an die Bauunternehmung Anliker, denn aus der dritten Generation war niemand bereit, die Firma weiterzuführen.

Ungewöhnliche Chronik

Franco Rossi, der jüngste Sohn von Armin Rossi mit Jahrgang 1955, beschäftigte sich in den Jahren nach dem Verkauf dennoch intensiv mit der Firma seines Vaters und Grossvaters. Der studierte Biologe sichtete das sorgfältig geführte, gut dokumentierte Archiv und übergab den grössten Teil davon vor fünf Jahren dem Staatsarchiv Zürich. In dieser Zeit wuchs in Rossi der Wunsch, die Firmengeschichte aufzuarbeiten. Er machte Notizen, befragte Leute, studierte an einem Konzept herum. Die zündende Idee, ein Buch herauszugeben, hatte schliesslich der Fotograf Martin Linsi, ein Schulfreund Rossis.

«Die Namen der Architekten kennt man, die der Baumeister hingegen nicht.»Franco Rossi

Was nun nach zweijähriger Arbeit vorliegt, ist laut Rossi eine unkonventionelle Firmengeschichte, die mehr sein will als eine Chronik. Darin zeichnendie beiden Historiker Adrian Knoepf­li und Beat Frei die Jahre von der Gründung der Firma bis zum Verkauf nach und beleuchten insbesondere auch die Schicksale der Arbeiter. Viele von ihnen waren als Saisonniers monatelang von ihren Familien getrennt, hausten in Baracken – Franco Rossi braucht gar den Ausdruck «Favelas» – und waren bald ersten fremdenfeindlichen Aufwallungen ausgesetzt.

Architekten und Baumeister

Vorgestellt wurde das Buch von den Herausgebern gestern in Thalwil. In vier Porträts kommen einige Angestellte selber zu Wort, so etwa die beiden Maurerpoliere Giuseppe und Carmine Pappone oder der ehemalige Geschäftsführer Hans Aebi. Neben den menschlichen dürfen natürlich auch die steinernen Zeugen nicht fehlen. Der Thalwiler Werkstoffingenieur Aldo Rota, spezialisiert auf Instandhaltungsarbeiten an Bauwerken, stellt auf je einer bebilderten Doppelseite die wichtigsten Rossi-Bauten in der Region vor: Von der Kirche St. Josef in Horgen über die Passerellen am Bahnhof Thalwil, die Sporthalle Glärnisch und die Überbauung Lagomio in Wädenswil bis zur Eisenbahnbrücke Bleier in Oberrieden. «Die Namen der Architekten kennt man, die der Baumeister hingegen nicht», sagt Franco Rossi. Wer weiss schon, dass die Rossi AG das neue Theater 11 in Zürich-Oerlikon gebaut hat? Das Architekturbüro EM2N, das den Umbau projektiert hatte, konnte sich damit einen inter­national bekannten Namen schaffen.

Höhen und Tiefen

Die Entwicklung der Baubranche in den vergangenen hundert Jahren ist geprägt von einem steten Auf und Ab: Schwierige Zwischenkriegs- und Kriegsjahre, gefolgt von den goldenen Zeiten der Hochkonjunktur und den Krisen der 1970er- und 1990er-Jahre. Rossi überstand sie alle. Vom Höhe­punkt der Firmengeschichte im Jahr 1968 zeugt das Titelbild des Buches. Es zeigt die Grossbaustelle der Siedlung Glaubten III in Zürich-Affoltern, die in der aufkommenden, kostengünstigen Elementbauweise erstellt wurde.

90 Arbeiter seien auf der Baustelle beschäftigt gewesen, erzählt Franco Rossi. Für deren allmorgendlichen Transport kaufte die Firma ein altes Postauto und liess es in der Firmenfarbe Grün anstreichen. Den Auftrag hatte sich Rossi hart erkämpfen müssen. In einem ersten Entscheid hatten die Behörden noch verfügt, für den Auftrag kämen nur Stadtzürcher Baufirmen infrage. Gegen eine solche Einschränkung der Gewerbefreiheit wehrte sich Armin Rossi jedoch erfolgreich.

Verkauf als Erleichterung

Hat Franco Rossi es nie bedauert, dass die Firma 2005 in andere Hände überging und der Name Rossi 2011 verschwand? Er verneint. Im Gegenteil, er habe eine grosse Erleichterung gespürt. Und dann erzählt er von einem Besuch auf der Baustelle für das Parkhaus Gessnerallee in Zürich im Herbst 2003. Es hatte tagelang wie aus Kübeln geschüttet, und die Verantwortlichen überlegten sich, die Baustelle unmittelbar neben der Sihl aus Sicherheitsgründen zu schliessen. Da habe er gespürt, wie viel Verantwortung und Risiko er als Verwaltungsratsmitglied trage. Froh sei er, dass es nach dem Verkauf nicht zu Entlassungen gekommen sei. Ja, viele ehemalige Rossi-Arbeiter seien heute noch bei Anliker beschäftigt. Ihnen allen ist das Buch gewidmet.

Erstellt: 08.11.2018, 16:25 Uhr

Rossi in Thalwil

Franco Rossi kennt in Thalwil jedes Haus

Franco Rossi ist in Thalwil aufgewachsen, wo die Baufirma seiner Familie das Ortsbild mit zahlreichen Gebäuden und ­Anlagen geprägt hat. Einige Beispiele: das Oberstufenschulhaus Berg, die Wohnsiedlung Seepark Wannen, das Geschäftshaus Silvergate, aber auch die Abwasserreinigungsanlage im Bürger oder das Unterwerk von EKZ und Axpo. Zu einem Haus hat Franco Rossi eine besonders enge Beziehung: Es handelt sich um das Wohnhaus Feldrain an der Alten Landstrasse. Es wurde 1929 von der Firma seines Grossvaters gebaut und ist äusserlich bis heute weitgehend unverändert geblieben. Franco Rossis Eltern bezogen im Haus, das dem Grossvater des Fotografen Martin Linsi gehörte, ihre erste Wohnung. 1955, kurz vor Franco Rossis Geburt, zügelte die Familie an die Tödistrasse. Franco Rossi ging als Kind im Haus Feldrain ein und aus und kann sich heute noch erinnern, in welcher Wohnung seine Primarlehrerin oder ein Journalist des «Thalwilers» gewohnt ­haben. (jä)

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