Wädenswil

Wie 16 Bänke eine Kirchgemeinde spalten

Die Kirchenpflege Wädenswil will Bänke aus der Grubenmann Kirche entfernen und so das Gebäude beleben. Ins Leben gerufen hat der Vorstoss vor allem eine rege Diskussion über den Wert und die Zukunft der Kirche.

Die vorderen Bankreihen der Grubenmann-Kirche in Wädenswil wurden 2017 schon einmal aus der Kirche entfernt (hier im Bild). Damals waren es 30 Reihen. Mittlerweile sind die Bänke wieder drin. Die Kirchenpflege will nun 16 Bankreihen aus dem Kircheninnern entfernen.

Die vorderen Bankreihen der Grubenmann-Kirche in Wädenswil wurden 2017 schon einmal aus der Kirche entfernt (hier im Bild). Damals waren es 30 Reihen. Mittlerweile sind die Bänke wieder drin. Die Kirchenpflege will nun 16 Bankreihen aus dem Kircheninnern entfernen. Bild: Archiv: Manuela Matt

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Weniger Bänke und mehr Platz. Damit will die Kirchenpflege Wädenswil die Grubenmann-Kirche im Dorfzentrum beleben und neue Mitglieder für moderne kirchliche Anlässe motivieren. Die Arbeitsgruppe «Gestaltung Innenraum Kirche» schlägt vor, links und rechts des Taufsteins je acht Bankreihen aus der über 250-jährigen Kirche für zehn Jahre zu entfernen und durch zwei Podeste zu ersetzen. Entstehen soll ein Freiraum von 100 Quadratmetern. Die Kosten für die Umgestaltung betragen 125 000 Franken. Das Vorhaben stösst bei einigen Mitgliedern der reformierten Kirchgemeinde auf Unmut.

Am 9. Dezember wird die Kirchgemeindeversammlung über das Schicksal der Bänke entscheiden.Angefangen hat alles 2017 mit der Jubiläumsfeier zum 250-jährigen Bestehen der Grubenmann-Kirche. Die Bänke seeseits in der Kirche wurden vorübergehend entfernt. Auf der entstandenen Fläche führten die Reformierten zahlreiche Anlässe durch wie Talk-Gottesdienste, eine Ballnacht oder gemeinsames Essen. Bei einigen Kirchengängern kam der Wille auf, die Bänke dauerhaft aus dem Gebäude zu entfernen. Eine Interessensgemeinschaft namens «IG FreiRaum Kirche» hat dazu eine Petition mit rund 500 Unterschriften bei der Kirchenpflege eingereicht. Die Denkmalpflege des Kantons Zürich hatte unterdessen die Erlaubnis erteilt, die Bänke bis zu den Sommerferien 2018 ausserhalb der Kirche zu lassen. Mittlerweile stehen sie wieder im Gebäude wie die 250 Jahre davor. Die Frage, die bleibt: Wie lange noch?

«Raum für Begegnungen»

«Wir können nicht weitermachen wie bisher», sagt Pfarrer Ernst Hörler. Die Kirche müsse neue Formen finden und Raum für Begegnungen schaffen. Den Kirchenraum vielfältiger und damit häufiger als heute zu nutzen, ist auch Ziel der «IG FreiRaum Kirche». Jürg Boos, Sprecher und Mitbegründer der IG, sagt: «Nur eine lebendige Gemeinschaft werde auch in Zukunft genügend Mittel aufbringen, um die Grubenmann-Kirche für ihren eigentlichen Zweck zu erhalten.» Dies sieht auch die Kirchenpflege so. «Kirchen sollen Kommendes ermöglichen, nicht Vergangenes konservieren», schreibt sie in der Einladung zur Kirchgemeindeversammlung.

«Kirchen sollen Kommendes ermöglichen, nicht Vergangenes konservieren.»Aus der Einladung zur Kirchgemeindeversammlung

Die Gänge zwischen den Bänken in der Grubenmann-Kirche bilden ein Kreuz. Würden die geplanten Bänke entfernt, dann wäre das Kreuz nicht mehr zu erkennen. «Wir werden das dort vorgesehene Holzpodest farblich auf den derzeitigen Boden abstimmen. So ist das Bodenkreuz weiterhin sichtbar», sagt Peter Meier, Präsident der reformierten Kirchenpflege Wädenswil. Das Kreuz sei durch die beiden Podeste sogar noch besser sichtbar als bisher, ergänzt Ernst Hörler.

Die «IG FreiRaum Kirche» sieht die Entfernung von 16 Bankreihen als «maximal möglichen Kompromiss zwischen Nutzung und Schutz des Gebäudes». Auch für Peter Meier ist der Vorschlag der Kirchenpflege diskutierbar. «Ich hoffe aber, dass allfällige Gegenvorschläge ebenso von der Denkmalpflege akzeptiert werden können und genügend Freiraum bieten.» Ernst Hörler möchte daran festhalten: «Wir haben Alternativen geprüft und die Entfernung von weniger Bänken würde uns nicht genügend Platz geben.» Um das Gestühl entfernen zu können, braucht die Kirche den Segen der Denkmalpflege. «Als Entgegenkommen auf die sich ändernden Bedürfnisse der Kirchgemeinde kann die kantonale Denkmalpflege im Sinn einer Maximallösung Hand bieten», teilt Markus Pfanner, Kommunikationsverantwortlicher der Baudirektion, mit. Die Denkmalpflege stellt jedoch zwei Anforderungen: Die Kirchgemeinde muss der Umgestaltung zustimmen und es muss ein Baubewilligungsverfahren durchlaufen werden.

«Es entsteht eine kalte Leere»

Die Pläne der Kirchenpflege stossen auch auf Kritik: «Ohne die Bänke wird der einmalige Charakter unserer Kirche massiv beeinträchtigt», sagt Andreas Hauser, Kunsthistoriker und Mitglied der reformierten Kirchgemeinde. «Es entsteht nicht attraktiver Freiraum, sondern eine kalte Leere. Es sieht aus, als hätte man dem Raum eine Reihe Zähne ausgeschlagen.» Die Bänke seien Symbol für ein Kernanliegen des Protestantismus, für geistige Anspannung. Deshalb solle die Originalstruktur der Bänke in Erinnerung bleiben. Zusammen mit anderen Reformierten hat er eine Unterschriften-Aktion gestartet, welche die Umgestaltung auf maximal sechs Bänke beschränken will.

Mitunterzeichner ist auch Peter Ziegler, Historiker und Verfasser etlicher Werke über die Grubenmann-Kirche. Er vergleicht das Vorhaben der Kirchenpflege mit einem Gemälde von Leonardo da Vinci: «Es würde wohl niemandem einfallen, am berühmten Gemälde Mona Lisa einen Zentimeter Leinwand abzuschneiden, damit es in einen moderneren Rahmen passt und dies erst noch mit der Begründung, man erkenne die Mona Lisa noch immer.»

«Ohne die Bänke wird der einmalige Charakter unserer Kirche massiv beeinträchtigt.»Andreas Hauser, Kunsthistoriker

Das Argument, mit weniger Bänken neue Mitglieder zu finden, bezweifelt Ziegler. «Es ist fraglich, ob es Aufgabe der Kirche ist, in diesem festlichen Raum nichtkirchliche Anlässe wie Essen oder Tanzveranstaltungen durchzuführen.» Für solche Events stehe der Saal im Kirchgemeindehaus Rosenmatt zur Verfügung. Dem widerspricht Pfarrer Ernst Hörler. «Der primäre Ort für das Kirchgemeindeleben ist die Kirche und gerade dies ist theologisch bedeutsam: In der Kirche besteht die Möglichkeit der Begegnung mit dem Heiligen. Es macht einen Unterschied, ob das meditative Kreistanzen in der Kirche oder im Kirchgemeindehaus stattfindet.»

Verantwortlich für den Mitgliederschwund sieht Ziegler das «dauernd hilflose Experimentieren.» Die Kirche brauche theologische Substanz und menschliches Engagement, um neue Mitglieder zu gewinnen, sagt er. «Zu bedenken ist auch, dass mit dem Eingriff Leute vergrault werden, die seit Jahrzehnten einen traditionellen Predigtgottesdienst geschätzt haben.»

Andreas Hauser kommt dem Vorschlag der Kirchenpflege mit einer Alternative entgegen. Er könne sich vorstellen, die Bänke mobiler zu gestalten. Im Moment sind je zwei Bankreihen beidseits des Mittelgangs nicht fest im Boden angeschraubt. Hauser möchte auch die jeweils dritte Bankreihe lösen. «Mit der Entfernung von sechs Bänken kann ein geräumiger Platz geschaffen werden», sagt er. Die Kirche müsse den Spagat zwischen klassischem Gottesdienst und gefühlvollem Erlebniskult schaffen. «Statt die unterschiedlichen Richtungen gegeneinander auszuspielen, gilt es, für ihre Ko-Existenz zu sorgen.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 28.11.2018, 15:35 Uhr

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