Prozess

Wenn zwei Beschuldigte zu viel lügen, wird einer freigesprochen

In Wädenswil fand die Polizei über 100 Kilogramm Marihuana. Ein Kosovare wurde überführt. Er beschuldigte einen Landsmann, ihm die Drogen überbracht zu haben. Der vorbestrafte 49-Jährige stand kurz vor dem Landesverweis. Doch am Obergericht fand er Gehör.

In einem Lager in Wädenswil wurden über 100 Kilogramm abgepacktes Marihuana gefunden.

In einem Lager in Wädenswil wurden über 100 Kilogramm abgepacktes Marihuana gefunden. Bild: PD/Kapo ZH

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Für den Familienvater steht viel auf dem Spiel. Am Bezirksgericht Horgen wurde er zu einer Freiheitsstrafe von 36 Monaten verurteilt. Teilweise war das ein Widerruf einer früheren bedingten Strafe wegen Handels mit Kokain, der andere Teil wurde ihm aufgebrummt, weil er einem Kollegen 107 Kilogramm Marihuana übergeben haben soll. Zur Strafe kam ein Landesverweis von fünf Jahren hinzu. Mit den Drogen wurde er erst in Verbindung gebracht, als ihn ein Kollege in der Unter­suchung angeschwärzt hatte. Der Kollege, der mit Marihuana erwischt wurde und bei dem die Schlüssel zum Drogenlagerraum in Wädenswil und zu einer Indoor-Hanfanlage in Richterswil gefunden wurden. Der 49-jährige Kosovare wollte die Verurteilung aufgrund der Aussage des Kollegen nicht auf sich sitzen lassen und zog ans Obergericht weiter.

Er sei unschuldig und habe nichts mit den Drogen zu tun, sagt er. Der Gerichtspräsident stellt fest, dass gegen ihn ein Verfahren im Kanton Freiburg läuft. Der ­Beschuldigte behauptet, nur Auskunftsperson zu sein, es gehe um einen anderen, mit dem er zufällig fotografiert wurde. Im Verfahren hat er sich in Widersprüche verwickelt. So gab er erst an, genau zu wissen, wem die Drogen gehörten. Später wollte er davon nichts mehr wissen, um danach den Mitbeschuldigten als Besitzer zu nennen. Der Verteidiger erklärt die Widersprüche mit ungenügenden Deutschkenntnissen. Seltsam sind auch seine Angaben zur Bekanntschaft mit dem bereits verurteilten Kollegen. Die Familien würden sich aus Kosovo kennen. Persönlichen Kontakt hätten die beiden aber nur geschäftlich. An der Adresse in Wädenswil, wo sich der Lagerraum befand, sei er mal gewesen, aber bloss, weil ihm der Kollege ein Boot zeigen wollte.

Widersprüchlicher Kollege

Der Verteidiger des 49-Jährigen versucht gar nicht erst zu behaupten, dass sein Mandant nicht widersprüchlich ausgesagt hatte. Doch der Kollege, der mit der Staatsanwaltschaft einen Deal ausgehandelt hatte, sei mindestens so wenig glaubwürdig. Da er den Behörden einen Namen geliefert habe, sei er besser weggekommen. Der Mitbeschuldigte sei eindeutig in den Drogenhandel verstrickt. Das würden die Indoor-Anlage und der durch ihn ge­mie­te­te Lagerraum zeigen. Zudem fand man in seiner Wohnung zwei Kilo aus der Lieferung.

Seine Behauptung, er habe damit auch mal in den Handel einsteigen wollen, sei unglaubwürdig. Zudem habe er angegeben, Angst vor seinem Mandanten zu haben. Da sei nicht verständlich, dass er Marihuana aus der Lieferung klauen würde. Der Verteidiger fordert einen Freispruch und Aufhebung des Landesverweises.

Der glaubhaftere Lügner

Bei der Urteilsverkündung schauen die Oberrichter sauertöpfisch in die Runde. Sie sprechen den 49-Jährigen überraschend frei. Allerdings glauben sie durchaus, dass er etwas mit den Drogen zu tun hat. Und möglicherweise noch tiefer in den Drogenhandel verwickelt ist. Wenn er nicht aufhöre, wandere er sicher hinter Gitter. «Sie lügen, dass sich die Balken biegen», sagt der Gerichtspräsident.

Dumm nur, dass der Kollege nicht weniger gelogen habe. So bleibe den Richtern nichts anderes übrig, als den Kosovaren aus Mangel an ­Beweisen freizusprechen. Es sei schlicht um die Frage gegangen, wer der glaubhaftere Lügner sei. «Auf diesen Freispruch können Sie nicht stolz sein», schliesst der Richter. Für die zweimonatige Untersuchungshaft erhält der Beschuldigte eine Genugtuung von 10 900 Franken. Die Kosten des Verfahrens muss der Staat übernehmen. Der Landesverweis ist vom Tisch. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 05.11.2018, 20:41 Uhr

Blick in die Hanf-Indooranlage in Richterswil.

(Bild: PD/Kapo ZH)

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