Arbeitssicherheit

Wenn jede Sekunde zählt

Die Gesundheit am Arbeitsplatz hat einen hohen Stellenwert. Doch wie rüsten sich die Firmen für den medizinischen Notfall? Die ZSZ hat sich in der Region umgehört und festgestellt, die Herangehensweisen sind ganz unterschiedlich.

Eine regelmässige Mitarbeiterschulung gehört zu den Grundvoraussetzungen für ein funktionierendes Notfallmanagement im Betrieb.

Eine regelmässige Mitarbeiterschulung gehört zu den Grundvoraussetzungen für ein funktionierendes Notfallmanagement im Betrieb. Bild: Manuela Matt

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Jedes Jahr ereignen sich in der Schweiz rund 10 000 schwere Berufsunfälle. Medizinische Notfälle verursachen in den Betrieben jährlich mehrere Millionen Ausfalltage und Versicherungsleistungen von über einer Milliarde Franken. Fast an jedem Arbeitstag stirbt deswegen ein Mensch.

Besonders bei einem Herz-Kreislauf-Notfall tickt die Uhr: Bei einem Herzinfarkt entscheiden die ersten drei bis vier Minuten. In dieser Situation kann ein Defibrillator Leben retten. Das Wissen bei den grossen Firmen in der Region darüber, was in solchen Extremsituationen zu tun ist, ist erstaunlich hoch und der Bedeutung des Themas angemessen. Das zeigt eine Umfrage der ZSZ.

Regelmässige Notfallkurse

Was die wenigsten wissen: Einen sicheren Arbeitsplatz zu gewährleisten, dazu sind Unternehmen per Gesetz verpflichtet. Die Alarmierung der betrieblichen Ersten Hilfe ist jederzeit zu gewährleisten, wenn sich Personen im Betrieb aufhalten. Der Thalwiler Chipentwickler U-blox bezeichnet sich als gut vorbereitet auf medizinische Notfälle. «Wir können entsprechend erste Hilfe leisten», ist Mediensprecherin Gitte Jensen überzeugt. Die Mitarbeitenden absolvieren regelmässig Notfallkurse, welche vom Samariterverein Thalwil organisiert werden. Acht bis zehn Mitarbeitende hatten dafür den offiziellen Nothilfe-Kurs besucht.

Im Betrieb gibt es mehrere Defibrillatoren. An diesen zentralen Orten hängen Namenslisten der dafür ausgebildeten Mitarbeiter, «sodass wir schnell reagieren können, wenn nötig». Glücklicherweise blieb der Halbleiterspezialist mit rund 950 Mitarbeitenden, davon über 200 in Thalwil, in seiner 20-jährigen Geschichte bis heute von einem Notfallszenario verschont.

In Küsnacht ist die im Bereich Werbung für elektronische Medien tätige Goldbach Group zuhause. Deren Medienbeauftragte Ursina Maurer weist darauf hin, dass die täglichen Herausforderungen für die 350 Mitarbeitenden des Unternehmens, davon 180 am Hauptsitz, ein verhältnismässig geringes Risiko für Berufsunfälle darstellten. Dennoch sei sich Goldbach der Thematik bewusst und befinde sich bezüglich medizinischer Notfälle in einem laufenden Prozess, heisst es hier. Die Geschäftsleitung hat ein Konzept und erste Anfragen in die Wege geleitet. Unter anderem wurden Offerten für Defibrillatoren eingeholt. Seit 2009 gibt es ein umfassendes Konzept zum Umgang mit Grippeerkrankungen und -pandemien. Zudem kann sich das Unternehmen rund um die Uhr auf die lokalen ärztlichen Notfalldienste an den Standorten verlassen. Nach Angaben von Maurer blieb die Goldbach Group bisher von grösseren Unglücksfällen verschont. Die wenigen Notfälle konnten mit einem Anruf beim Notfalldienst gelöst werden: «Dieser war schnell zur Stelle und leistete professionelle Hilfe».

Betriebssanitäter ausgebildet

Der Autozulieferer Weidplas GmbH mit Sitz in Küsnacht hat seine Produktion mit 250 Mitarbeitern in Rüti im Zürcher Oberland. An diesem Standort hat sich das Unternehmen im Bereich Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz zertifizieren lassen. In beiden Produktionshallen steht seit diesem Jahr ein Defibrillator. Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz seien für das Unternehmen sehr wichtig, hält Weidplas-Geschäftsführer Manfred Kwade fest: «Wir arbeiten stets an diesen Themen, um uns zu verbessern». Die Mitarbeiter würden regelmässig geschult, wie sie sich in Notfalllagen zu verhalten haben und welche Nummern sie wählen müssen, damit Hilfe organisiert wird. Im Betrieb sind vier ausgebildete Betriebssanitäter im Einsatz. Darüber hinaus ist bis im ersten Quartal 2018 ein Notfallplan für Grossereignisse auf dem Areal in Rüti in Bearbeitung.

Ein wirklicher Notfall hat sich laut Kwade bei Weidplas in den letzten drei Jahren nicht mehr ereignet. Davor hatte ein Mitarbeiter ein Stück seiner Fingerkuppe verloren. In den Sommermonaten könne es bei Mitarbeitern manchmal zu Kreislaufproblemen auf Grund der hohen Temperaturen kommen. Auch Verbrennungen oder Stolperunfälle könnten auftreten. Als «grundsätzlich vorbereitet» sieht auch Marion Schihin ihr Unternehmen Mobimo in Küsnacht, das zu den fünf grössten Immobiliengesellschaften der Schweiz gehört. Von den rund 150 Mitarbeitenden arbeiten über 90 in Küsnacht. Als «besonders sensibilisiert und reaktionsschnell im Falle eines Falles» bezeichnet die Kommunikationsverantwortliche insbesondere den Empfang, «der zu den Geschäftszeiten jederzeit besetzt ist». Das Unternehmen verfügt ebenfalls über einen Defibrillator. Etwa 25 Prozent der Mitarbeitenden — und standardmässig alle Neueintritte — haben den Nothelferkurs absolviert, respektive absolvieren den Nothelferkurs.

Erstellt: 27.09.2017, 16:11 Uhr

Angst vor Defibrillator-Benutzung nehmen

Die Zürcher Lifetec AG hat offenbar eine Marktlücke entdeckt. Die junge Firma hat ein Notfallmanagement-System mit Defibrillator entwickelt, das sich selbstständig mit der Notrufzentrale verbindet und die Standortdaten übermittelt. Das eingebaute Mobilfunkgerät ermöglicht eine Ortung, sodass die Rettungskräfte schnell losgeschickt werden können. Gleichzeitig werden die Ersthelfer vor Ort direkt von einer Fachperson auf der Notrufzentrale angeleitet und sorgen so für eine schnellere Abwicklung innerhalb der Notsituation. Dem Ersthelfer soll so die Angst vor der Benutzung eines Defibrillators genommen werden. Seit der Markteinführung im Mai hat Lifetec nach Aussage ihres CEO Mirko Djuric über 40 neue Kunden quer durch alle Branchen und Unternehmensgrössen gewonnen. Dazu gehören etwa die Bénédict-Schulen oder die Filialen der Drogerie Müller.
Die Zukunft liege nicht bei Defibrillator-Insellösungen, sondern bei integrierten Notfall-Management-Systemen mit automatischer Verbindung zur Notrufzentrale, permanenter Fernwartung und regelmässiger Schulung des Personals, sagt Djuric. Bei der Schweizerischen Vereinigung für Betriebssanität heisst es, dass Defibrillatoren zwar immer mal wieder in der Geschäftsleitung thematisiert würden. Nur werde die Beschaffung oft ans Sekretariat delegiert. Wenn überhaupt, stünden sie dann meist irgendwo im Unternehmen herum, aber kaum einer wisse wo, und selbst wenn, traue sich kaum einer, sie einzusetzen. Oft funktionierten die Geräte gar nicht mehr. (ths)

Notfallcheckliste für jeden Mitarbeiter

Auch kleinere KMU leisten sich einen professionellen Gesundheitsschutz im Betrieb. Die Feinstanz AG in Rapperswil mit ihren 65 Mitarbeitern verfügt neben einem Defibrillator über einen eigenen Sanitätsraum mit Sanitätskoffer, wie es beim metallverarbeitenden Betrieb auf Anfrage heisst. Jeder Mitarbeiter werde geschult und trage eine Notfallcheckliste auf sich. Zudem seien überall Notfallkarten aufgehängt. Bedingt durch die laufenden Auffrischungen und den stetig hohen Standard seien die Mitarbeitenden entsprechend sensibilisiert. Vor mehreren Monaten gab es nach eigenen Angaben einen kleinen Betriebsunfall (Verstauchung). Grosse Unfälle hatte die Feininstanz AG seit vielen Jahren aber keine zu beklagen.
Auch die Theiler Metallbau AG in Wädenswil bezeichnet sich als gut vorbereitet für einen medizinischen Notfall. Der alteingesessene Handwerksbetrieb mit zehn Beschäftigten hatte noch nie einen ernsthaften Notfall zu beklagen, lediglich Bagatellunfälle. Zwei Mitarbeiter haben einen CPR-Kurs (lebensrettende Sofortmassnahmen) absolviert. Der Standort mit dem nächsten Defibrillator befinde sich etwa 300 Meter vom Betriebsgelände entfernt, heisst es hier. In der Firma selbst gibt es ein Anschlagbrett mit den Verhaltensregeln im Notfall, Notfallnummern, Regelwerken sowie Infoblättern der Suva. (ths)

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