Wädenswil

«Wenn ich fliege, blende ich den Patienten aus»

Alex Itin bringt Rettung aus der Luft. Der Rega-Pilot aus Wädenswil trifft dabei auf schlimme Unfallsituationen. Er erzählt, warum er dort auch seelsorgerlich wirkt und wie er das Erlebte verarbeitet.

Der Job als Rega-Pilot sei spannend, sagt der 40-jährige Alex Itin, «denn man weiss nie, was der Tag bringt».

Der Job als Rega-Pilot sei spannend, sagt der 40-jährige Alex Itin, «denn man weiss nie, was der Tag bringt». Bild: Manuela Matt

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Wenn’s pressiert, geht es nur rund drei Minuten: So lange dauert es bei einem Alarm auf der Rega-Basis Dübendorf, bis der Helikopter abhebt. Pilot Alex Itin aus Wädenswil ist auch an diesem frühlingshaften Vormittag in Alarmbereitschaft. Und prompt passiert es: Nachdem das Zeitungsfoto im Kasten ist und das Interview beginnen könnte, muss Itin los. Ein Neugeborenes soll vom Kinderspital Zürich nach Luzern verlegt werden. Und wir verlegen unser Gespräch auf den Folgetag.

Wie lief der gestrige Einsatz ab?
Gut, es hat alles reibungslos geklappt. Wir hatten danach noch einen zweiten Verlegungsflug und am späteren Abend rückten wir in den Kanton Zug aus, wo eine Person aus einem Fenster gestürzt war. Mit drei Einsätzen entsprach es einem durchschnittlichen Tag.

Alex Itin am Steuer seines «Arbeitsgerätes». Bild: Manuela Matt

Sie müssen häufig in Minutenschnelle ausrücken. Wie kann man sich da überhaupt auf einen Einsatz vorbereiten?
Das geschieht fast ausschliesslich während dem Flug. Denn bei Primäreinsätzen, also Unfällen, erhalten wir die genauen Koordinaten und die Informationen zum Unfall sowieso erst, wenn wir schon in der Luft sind. Auf einer digitalen Karte schaue ich mir dann im Cockpit den Unfallort an, kläre ab, ob es Stromleitungen oder Kabel in der Nähe hat und ob ich den Helikopter dort überhaupt absetzen kann. Manchmal erhalten wir auch nur sehr wenige Informationen zum Unfall, was aber gar nicht schlecht ist.

Wieso?
Je weniger man im Vorhinein erfährt, desto offener ist man für die Situation, die man antreffen wird. An Bord besprechen der Arzt, der Rettungssanitäter und ich darum meistens nur grob, wie wir vor Ort vorgehen wollen. Es kommt nämlich auch vor, dass sich die Situation geändert hat, wenn wir ankommen. Zum Beispiel heisst es vielleicht, dass ein Verunfallter eingeklemmt ist. Bis wir dort sind, wurde er aber womöglich schon von der Feuerwehr befreit.

«Natürlich gibt es Schicksale, die mich sehr berühren. Alles andere wäre unmenschlich.»Alex Itin

Sie haben schon Hunderte Unfallopfer transportiert. Wie nahe gehen Ihnen deren Schicksale noch?
Natürlich gibt es Schicksale, die mich sehr berühren. Alles andere wäre unmenschlich. Aber wenn ich fliege, dann muss ich die Situation des Patienten ausblenden. Das gehört zu meiner Verantwortung als Pilot. Gerade bei besonders tragischen Fällen, wo vielleicht auch Angehörige im Schockzustand mitfliegen, fokussiere ich ganz bewusst nur auf meine Aufgabe.

Als Pilot nehmen Sie die Personalien des Verunfallten auf und sind dadurch am Unfallort häufig mit Angehörigen in Kontakt. Wird man da auch zum Seelsorger?
Ja, es kommt tatsächlich vor, dass man in diese Rolle hineinrutscht, weil man vor dem eigentlichen Care Team vor Ort ist und alle anderen Einsatzkräfte beschäftigt sind. Manche Angehörige sind froh, wenn man sie einfach umarmt. Ich erkläre auch jeweils, was nun passiert und wer was macht. Das hilft bereits, denn für die Personen ist es ein Ausnahmezustand.

Gehört das zum Jobprofil eines Rega-Piloten?
Nein, verlangt wird das von uns grundsätzlich nicht. Aber wer mit solchen Situationen nicht klar kommt, geht wohl auch nicht zur Rega arbeiten. Anfangs war es allerdings schon speziell. Ich arbeitete zuvor bei einem kommerziellen Helikopterbetrieb, wo ich gesunde, glückliche Leute von A nach B flog. Bei der Rega stand ich plötzlich da und begegnete weinenden Angehörigen.

«Wer mit solchen Situationen nicht klar kommt, geht wohl auch nicht zur Rega arbeiten». Bild: pd

Welches war Ihr schlimmstes Erlebnis?
Die Frage ist, was schlimm bedeutet. Ich persönlich empfinde es als Unterschied, ob man sich nur um einen Patienten kümmern muss oder ob auch Angehörige dabei sind. Im zweiten Fall kann die gleiche Situation ganz anders, viel emotionaler ablaufen. Zum Beispiel weil Leute nebendran laut schluchzen. Besonders tragisch sind natürlich Unfälle mit Kindern. Ein Fall hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt, bei dem ein Kind auf dem Fussgängerstreifen überfahren wurde. Es starb bei der Reanimation, vor den Augen der Eltern.

Wie verarbeitet man das?
Das ist nicht immer gleich. Manchmal kommen die Emotionen erst wieder hoch, nachdem man tags darauf in der Zeitung über den Unfall gelesen hat und dadurch noch mehr Details kennt. Mir hilft es dann am meisten, mit den Kollegen drüber zu sprechen, die mit mir im Einsatz waren.

Was sagen Sie sich dann konkret?
Es geht vor allem darum, die Erfahrungen vom Unfallplatz nochmals aufzurollen und somit loszuwerden. Das reicht oft aus. Ich habe zudem den Vorteil, dass ich auch mit meiner Frau darüber sprechen kann. Als Kinderkrankenschwester kann sie mir gut nachempfinden.

Während Ihrer Schicht müssen Sie rund um die Uhr, meist während 48 Stunden, einsatzbereit sein. Wie schwierig ist das?
Ganz am Anfang sass ich teilweise wie auf Nadeln. Was mich beschäftigte, war das Unbekannte. Ich machte mir in der Nacht zum Beispiel Gedanken über die Wetterlage und fragte mich, wo wohl der nächste Einsatz sein könnte. Mit der zunehmenden Routine ändert sich das aber. Was bleibt, ist die latente Alarmbereitschaft.

«Manchmal kommen die Emotionen erst wieder hoch, wenn man in der Zeitung über den Unfall gelesen hat.»Alex Itin

Was, wenn Sie sich nicht fähig fühlen, zu fliegen?
Dann können wir das der Rega­-Einsatzzentrale melden. Wir haben auch fixe Ruhezeiten, in denen unser Gebiet von einer anderen Rega­-Basis abgedeckt wird.

Seit Kurzem haben Sie in Dübendorf einen neuen Heli­kopter, den H145. Die Rega spricht von einem Quantensprung.
Ja, vor allem wegen des moderneren Cockpits und der besseren Leistung. Dank dieser haben wir in der Luft mehr Reserve. Das bedeutet auch mehr Sicherheit.

Die ganze Technologie und der Autopilot wurden verbessert. Können Sie jetzt wie ein Linienpilot im Blindflug fliegen?
Es gibt tatsächlich Routen, zum Beispiel über den Gotthard, die wir nun bei Nebel fliegen können. Zudem können wir auch einige Spitäler im Instrumentenflug ansteuern.

Erstellt: 05.04.2019, 19:01 Uhr

Zur Person

Alex Itin: vom Berufspiloten zum Retter aus der Luft

Im Hinterkopf habe er den Beruf als Rega-Pilot schon immer gehabt, sagt Alex Itin (40). Doch bevor der gelernte Hochbauzeichner 2013 zur Schweizerischen Rettungsflugwacht wechselte, arbeitete er mehrere Jahre als Berufspilot. Der Job bei der Rega gefalle ihm, weil er Menschen in Not helfen könne, dies in Kombination mit seiner Faszination fürs Helikopterfliegen. «Und es ist spannend, weil man nie weiss, was der Tag bringt.» Auch nebenberuflich ist Itin in der Luft unterwegs: als Fluglehrer bei Fuchs Helikopter in Schindellegi. Der gebürtige Solothurner wohnt im Wädenswiler Ortsteil Au, ist verheiratet und Vater zweier Kinder. (ham)

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