Kilchberg

«Wenn der Mensch nicht schläft, stirbt er»

Pneumologe Alexander Turk sagt, wie sich die Schlafgewohnheiten in den letzten Jahrzehnten verändert haben – und warum in Sachen Schlaf vieles konditioniert ist.

«Im Schlaf passiert eine Art Reinigung unseres Gehirns. Das Wesentliche wird vom Unwesentlichen getrennt», sagt Pneumologe Alexander Turk. (Symbolbild)

«Im Schlaf passiert eine Art Reinigung unseres Gehirns. Das Wesentliche wird vom Unwesentlichen getrennt», sagt Pneumologe Alexander Turk. (Symbolbild) Bild: Fabienne Andreoli

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Alexander Turk, warum schläft der Mensch?
Das wissen wir bis heute nicht genau. Was wir wissen, ist: Wenn der Mensch nicht schläft, stirbt er. Schlaf ist ein Zustand der relativen körperlichen Ruhe mit einer Blockierung von Aussenreizen. Schlaf dient der Erholung. Schlaf ist aber auch wichtig für das Immunsystem. Mangelnder Schlaf wirkt sich negativ aufs Immunsystem aus. Eine dritte wichtige Funktion des Schlafs ist eine fürs Lernen. Im Schlaf passiert eine Art Reinigung unseres Gehirns. Das Wesentliche wird vom Unwesentlichen getrennt. Wie das Hotelzimmer unserer letzten Ferien ausgesehen hat, ist im Moment vielleicht wichtig, später jedoch nicht mehr.

Würden Sie sagen, dass wir Schlaf erst dann wahrnehmen, wenn wir ein Problem damit haben?
Genau so könnte man es ausdrücken.

Ab wann sprechen Sie von einer Schlafstörung?
Dafür gibt es keine generell gültige Definition. Eine Schlafstörung liegt dann vor, wenn eine Person den Schlaf nicht mehr als erholsam empfindet, tagsüber nicht mehr leistungsfähig ist und ein erhöhtes Schlafbedürfnis hat.

Ab wann sprechen Sie von einer chronischen Schlafstörung?
Schlaf reagiert empfindlich auf psychosomatische Störungen. Es genügt, dass eine Prüfung ansteht und jemand Prüfungsangst hat. Sobald die Prüfung vorbei ist, normalisiert sich auch der Schlaf wieder. Ist das nicht der Fall, lohnt es sich, genauer hinzusehen. Vielleicht liegt zum Beispiel eine Atemstörung wie Schlafapnoe vor. Aber auch hier kann ich keine exakte Zeitspanne angeben, ab wann eine Schlafstörung chronisch ist. In der Regel gelten Schlafstörungen als chronisch, wenn sie länger als zwei bis drei Monate andauern.

Früher war es wohl überlebenswichtig, dass der Mensch nachts alert war, um sich vor drohender Gefahr in Sicherheit zu bringen.
Der Alertmodus war für den Menschen früher überlebenswichtig, das stimmt. Denn der Mensch schläft nachts, zieht sich zurück. Er war und ist bis heute wehrlos, wenn er schläft.

In der heutigen Zivilisation ist die Situation eine andere. Ist Schlafmangel gefährlich?
Die grösste Gefahr ist, dass jemand in einer gefährlichen Situation einschläft. So sind schon viele Unfälle passiert. Fährunglücke zum Beispiel, bei denen der Kapitän am Steuer eingenickt und seine Fähre danach gegen die Quaimauer geprallt ist. Auch im Gotthard-Strassentunnel ist es schon zu schweren Unfällen gekommen, weil Fahrer eingeschlafen sind. Darum sagen auch die Versicherungen, dass es grobfahrlässig ist, wenn jemand übermüdet Auto fährt.

Sekundenschlaf ist also kein Kavaliersdelikt?
Nein. Fahren in übermüdetem Zustand hat in der Regel eine hohe Busse und einen befristeten Ausweisentzug zur Folge.

Gleichzeitig gehört es doch heute zum guten Ton, dass man von sich sagt, man komme mit wenig Schlaf aus.
Ja, Schlaf gilt in unserer 24-­Stunden- und 7-Tage-Gesellschaft als Beleidigung. Die Schlafdauer hat seit den 1960er-Jahren abgenommen, von durchschnittlich neun auf sieben Stunden. Das hat unter anderem mit der Verfügbarkeit von Licht zu tun.

Es heisst, moderne Medien wie Handy und Fernsehen seien Schlafräuber. Warum ist das so?
Schlaf wird neben inneren auch von äusseren Faktoren wie Licht gesteuert. Moderne Medien, aber auch Stromsparlampen respektive deren blaue Wellenlängen, halten uns wach, ganz ähnlich wie Koffein. Normalerweise baut sich tagsüber Schlafdruck auf, und der Rhythmus passt zu jenem von Tag und Nacht. Medienkonsum vor dem Zubettgehen kann diesen Rhythmus empfindlich stören.

Ist es also nur ein Märchen, wenn jemand sagt, er sei nachtaktiv?
Nein, nicht unbedingt. Vieles in Sachen Schlaf ist zwar konditioniert. Gerade die Kurzschläfer, die behaupten, mit vier Stunden Schlaf pro Nacht auszukommen, haben sich das antrainiert. Aber es gibt sehr wohl genetisch bestimmte Unterschiede. Wir unterscheiden die beiden Typen Lerche und Eule. Es hilft natürlich, den Beruf typgerecht zu wählen. Eine nachtaktive Eule sollte beispielsweise nicht Bäcker werden.

Erstellt: 21.05.2019, 10:38 Uhr

Alexander Turk Leiter Innere Medizin See-Spital, zusätzlicher Facharzttitel in Pneumologie. (Bild: pd)

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