Horgen

Wenn der Kopf nicht mehr mitmacht

Franz Inauen (68) lebt seit fünf Jahren mit der Diagnose Demenz. Und scheut sich nicht, Einblick in sein Leben zu geben, das schwierig ist für ihn und seine Familie. Aber trotzdem auch schön.

Sie mussten lernen, mit Demenz umzugehen: Franz Inauen und seine Tochter Mirjam. Das Zeichnen hilft dem an Demenz Erkrankten dabei.

Sie mussten lernen, mit Demenz umzugehen: Franz Inauen und seine Tochter Mirjam. Das Zeichnen hilft dem an Demenz Erkrankten dabei. Bild: Moritz Hager

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Angefangen hat alles ganz harmlos. Franz Inauen begann beispielsweise Blumen zu giessen. Wurde aber nie fertig damit. Weil er abschweifte. «Meine Frau Bernadette hat mich ab und zu auf meine Vergesslichkeit angesprochen», sagt der 68-jährige, alles andere als krank wirkende und beredte Appenzeller. Er ist in der Gemeindebibliothek Horgen zu Gast. Er erzählt im Gespräch mit Dolores Baumann von der Horgner Anlaufstelle Alter und Gesundheit, wie er mit Demenz lebt.

Inauen erinnert sich, dass er mitunter ungehalten auf die Fragen seiner Frau reagiert habe. Er werde älter, es sei normal, dass er ab und zu etwas vergesse. «Wer gesteht sich schon gern Schwächen ein?», fragt er rhetorisch in die Runde der gut 30 interessierten Zuhörer, darunter Angehörige und Nachbarn von an Demenz Erkrankten.

Nicht mehr weiterwissen

Es war ein Zwischenfall an einem Freitagabend, der das Kartenhaus zum Einstürzen brachte. «Ich sass mit meiner Frau zusammen, bei einem Glas Wein», erzählt Franz Inauen. «Wir sprachen über unsere bevorstehenden Ferien. Plötzlich war ich nicht mehr fähig zu antworten. Stammelte nur noch zusammenhangslos ‹Ja. Nein. Wir sollten . . .›.» Seine Frau sei erschrocken. Habe ihm noch einmal eine Frage gestellt. Mit dem gleichen Resultat. Da habe sie gemeint: «Franz, dir geht es nicht gut, oder?» «Nein, mir ist himmeltraurig.» Darauf sei für sie klar gewesen, dass ihr Mann medizinisch abgeklärt werden müsse.

«Die Ärzte sagten uns, es seien schon viele Hirnzellen kaputt», erzählt Inauen. Und witzelt: «Wie sie vielleicht gehört haben, bin ich Appenzell-Innerrhödler. Sie wissen, die sind klein, haben eine kleine Hirnmasse. Da war bei mir bereits nicht mehr viel übrig.» Er erntet ein etwas ungläubiges, aber herzliches Lachen aus den Zuschauerreihen. Um gleich darauf festzustellen: «Jetzt bin ich an einem Punkt, wo ich nicht mehr weiterweiss.» Mit der Frage, wie es gewesen sei, die Diagnose zu erhalten, lenkt Dolores Baumann ihn wieder zurück in die Spur.

Schock und Erleichterung

«In mir ist eine Welt zusammengebrochen», sagt Inauen. Dies umso mehr, als er damals, er war 63, als Seelsorger in einem Blindenheim arbeitete. 40 Prozent der Bewohner seien dement gewesen. «Ich wusste und weiss genau, was die Diagnose Demenz alles mit sich bringt.» Es sei aber nicht nur ein Schock gewesen, sondern auch eine Erleichterung, fügt Inauen an. «Es ist mir auch ein Licht aufgegangen. Ich begriff schlagartig, warum ich mich teils so komisch verhielt.»

Ein Punkt, den auch seine Tochter bestätigt. Sie begleitet ihn zum Anlass in Horgen. «Auch für uns hat die Klarheit eine gewisse Erleichterung gebracht.» Denn ihr Vater habe sich schon zwei, drei Jahre vor der Diagnose verändert. Er sei gar nicht mehr darauf eingegangen, was sie erzählt habe. Habe alles vergessen. «Meine Geschwister und ich hatten den Eindruck, dass er sich gar nicht mehr für uns interessiert», sagt Mirjam Inauen. Die Konsequenz sei gewesen, dass sie ihrem Vater nichts mehr erzählt habe.

Nach der Diagnose sei für ihn eine wichtige Frage gewesen, wie es mit seiner Arbeit weitergehe. Er habe sich entschieden, offen mit seinem Chef zu sprechen. «Der sagte mir, das sei für ihn ebenfalls eine schmerzhafte Nachricht. Und dass ich dieses Problem nicht allein lösen müsse», erzählt Inauen. «Ich weiss nicht, ob viele Arbeitgeber so reagieren würden.» Anderthalb Jahre habe er noch weiterarbeiten können, ein halbes Jahr vor seinem 65. Geburtstag habe er sich frühpensionieren lassen müssen.

Für seinen Alltag bedeutet die Demenz: Er darf nicht mehr Auto fahren. Er hat Mühe, an Gesprächen teilzuhaben. Wenn er ins Theater geht, kann er dem Stück nur schwer folgen, auch wenn er es vorher extra noch gelesen hat. «Das tut weh», sagt Inauen. «Denn ich möchte. Aber der Kopf macht nicht mehr mit.» Darum spielt Inauen gerne Karten. «Da fühle ich mich auf Augenhöhe mit meinem Gegenüber», sagt er. Wer ihn so flüssig und anschaulich erzählen hört, kann sich nicht vorstellen, dass er an Demenz leidet.

Ein folgenreiches Geschenk

Dass er so beredt über seine Krankheit sprechen kann, hängt auch mit einem Geschenk seiner Frau zusammen. Einem Ringheft, mit 99 blanken Seiten. «Sie meinte, es täte mir gut, mich mit Farben oder Texten auszudrücken», erinnert sich Franz Inauen mit einem leisen Schaudern. Denn weder Zeichnen noch Schreiben seien seine Stärke. Aber wegen der Erwartungen seiner Frau habe er sich mit den leeren Seiten und bisher unberührten Neocolorstiften hingesetzt. Entstanden ist die Zeichnung eines Kopfes mit abgehobenem Deckel. Rauch, alles Düstere, kann aus dem Kopf entweichen. Dazu hat Inauen den Text «Ich weiss gar nichts!» geschrieben.

Das habe ihm gutgetan. Immer wieder habe er darauf gemalt und Texte geschrieben. So sind Dutzende Beiträge entstanden, die seit knapp zwei Jahren in Buchform vorliegen, obwohl sie nie für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Denn irgendwann haben zwei Journalisten angerufen. Weil sie mit Betroffenen aus der Innensicht über Demenz sprechen wollten. Seither sprechen Franz Inauen und seine Familie in der Öffentlichkeit darüber. Was wiederum die Buchpublikation nach sich gezogen hat. Das alles sei zwar anstrengend. «Aber es tut mit gut, wenn sich Leute für mich und meine Krankheit interessieren», sagt Franz Inauen.

Franz Inauen: Demenz – Eins nach dem anderen. Texte und Zeichnungen eines Menschen mit Demenz. Hogrefe-Verlag, Bern, 2016/17. 42 Franken. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 05.06.2018, 10:43 Uhr

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