Weinbau

Wein ist Kulturgut – also reif fürs Museum

Das Weinbaumuseum auf der Halbinsel Au ist mehr als nur eine Sammlung von alten Winzergerätschaften. Dieses Haus vermittelt ein wichtiges Kapitel Kultur-, Siedlungs- und Bauerngeschichte am Zürichsee.

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Abwarten und Wein trinken. Das mussten die Initianten des Weinbaumuseums am Zürichsee. 1960 war die Idee geboren, aber erst 18 Jahre später konnte sie realisiert werden. Ursprünglich in Küsnacht geplant, wurde das ­Museum am 21. Oktober 1978 in einem denkmalgeschützten Bauernhof auf der Halbinsel Au eröffnet. Heute ist es eine der wichtigsten Sammlungen für den Weinbau in der Schweiz.

«Die Sammlung dokumentiert den historischen, in der Region verwurzelten Rebbau, steht der Forschung zur Verfügung und wirkt identitätsstiftend für die Bevölkerung.» So steht es im Leitbild der Gesellschaft für das Weinbaumuseum am Zürichsee. Die Besucherinnen und Besucher sehen alte Werkzeuge, lernen Anbaumethoden kennen, durchlaufen Jahreszeiten und Arbeitsstationen im Winzeralltag: von der Hagelrakete bis zur Flaschenputzmaschine, von der Weinpresse bis zur Fassabdichtung. Peter Schumacher ist Präsident der Gesellschaft. Er beschreibt den Stellenwert des Hauses: «Das Weinbaumuseum ist ein Ort, wo man einen Schritt zurückmacht und sieht, wie sich der Weinbau entwickelt hat.» Aus der Erfahrungsperspektive lasse sich meist eine mögliche Tendenz ableiten, wohin der Weinbau führt.

Ein Tunnel bricht das Genick

Die Geschichte gibt dafür genügend Anschauungsunterricht. Bis in die 1880er-Jahre wucherte der Weinbau am Zürichsee. Jeder Bauer wollte am Weinboom teilhaben, der von Bevölkerungswachstum und steigendem Wohlstand angetrieben wurde. «Sogar in der Höhe und an Nordhängen wurden Reben gepflanzt», erzählt Schumacher. Die Weinblase platzte kurze Zeit später. Schlechte Jahrgänge, der Falsche Mehltau, Ertrags- und Qualitätseinbussen – die Katastrophen kumulierten sich.

Das Genick brach dem Weinbau aber nicht die oft zitierte Reblaus, sondern ein epochales Ereignis. 1881 wurde der Gotthard-Eisenbahntunnel eröffnet. Fortan gelangte günstig und schnell viel besserer, billiger südländischer Wein an den Zürichsee. Ab diesem Zeitpunkt war der Niedergang des hiesigen Weins nicht mehr aufzuhalten, zumal Bier als Massenalkoholgetränk auf den Markt drängte.

1884 wurden im Bezirk Meilen noch 1055 Hektar Rebfläche gezählt, im Bezirk Horgen 420 Hektar. Heute sind es am rechten Seeufer noch 101 Hektar, am linken weniger als zehn Hektar. Sogar im ganzen Kanton Zürich wird heute (610 Hektar) weniger Wein angebaut als vor 130 Jahren alleine im Bezirk Meilen.

Ein Wein mit 40 Öchslegrad

Peter Schumacher veranschaulicht an einem Beispiel, dass der Absturz des Weinbaus am Zürichsee durchaus auch als Gesundschrumpfen bezeichnet werden darf. «1888 wurde in Richterswil ein Räuschling mit 40 Grad Öchsle geerntet, diesen Wein musste man wohl mit viel Wasser verdünnen, damit er trinkbar wurde.»

Der Abstieg des Weinbaus dauerte bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Trendwende setzte in den Siebzigerjahren ein. Die verbliebenen Winzer besannen sich der Erkenntnis, wonach sie nur mit hochstehenden Produkten eine Marktchance haben. Ihren Nachteil gegenüber ertragreicheren und kostengünstigeren Anbaugebieten mussten sie mit Weinen für ein höheres Preissegment ausgleichen. «Die Lage am Zürichsee zwingt sie dazu, sonst bleibt den Winzern kein Verdienst», sagt Schumacher.

Der Vergleich zwischen gestern und heute zieht sich wie ein unsichtbarer roter Faden durchs Museum. «Wir wollen Laien zeigen, welche ökonomischen Bedingungen der Weinbau früher hatte.» Schumacher spricht vom «Kulturgut Wein», der die Region geprägt hat. Zeugen der alten Zeit sind allgegenwärtig wie Flur­namen und typische Winzerhäuser aus der Vergangenheit.

Zur richtigen Zeit gesammelt

Die Exponate wirken alt, sind es aber zum Teil gar nicht, weil sie noch vor wenigen Jahrzehnten benützt wurden. Die Mechanisierung im Weinbau begann nämlich hauptsächlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Deshalb kam das Weinbaumuseum zum rechten Zeitpunkt, als in den Sechziger- und Siebzigerjahren Scheunen geräumt wurden. «Heute wäre es viel schwieriger, Sammelstücke zu finden», sagt Schumacher.

Der Wechsel von der Handarbeit im Rebberg zur Mechanisierung im Weinbau wird jedoch zur neuen Herausforderung für die Gesellschaft. «Uns fehlen Gerätschaften der letzten 30 bis 40 Jahre», sagt der Präsident. Schon bald müsste dieser Schritt gemacht werden, um etwa einen Rebtraktor der ersten Generation anzuschaffen und auszustellen.

Unterstützung schwindet

Ein Ausbau der Sammlung ist eine finanzielle Herkulesaufgabe. Das Museum deckt sein Budget mit Mitgliederbeiträgen, Eintritten und Führungen. Grosse Investitionen liegen kaum drin, zumal einige Kollektivmitglieder wie die Weinbaugemeinden Stäfa, Männedorf und Hombrechtikon aus Spargründen keine Beiträge (500 bis 1000 Franken) mehr zahlen.

«Die Unterstützung der öffentlichen Hand wird immer harziger», sagt Schumacher. Das hat er kürzlich gespürt, als die Stadt Wädenswil auch nach langwierigen Verhandlungen noch keinen definitiven Beitrag für ein Re­novationsprojekt gesprochen hat. Das bedauert der Präsident. «Die Wertschätzung schwindet, dabei empfangen wir hier jedes Jahr 3000 Besucher, und das Museum ist ein Aushängeschild für die Stadt Wädenswil.»

Ein Wissenszentrum bilden

Dennoch sind die Betreiber des Weinbaumuseums zuversichtlich. Das Zauberwort heisst «Weinbauzentrum Wädenswil». Am 1. Oktober 2015 haben Ag­ro­scope, das Amt für Landschaft und Natur des Kantons Zürich (ALN)/Strickhof, der Branchenverband Deutschschweizer Wein und die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil den Verein Weinbauzentrum Wä­dens­wil gegründet. Damit entsteht ein Wissenscluster, von dem auch das Museum profitieren wird. «Ziel ist die Eröffnung im Jahr 2017», sagt Schumacher.

Er könnte die personelle Brücke bilden. Der Ing. Agr. ETH ist Dozent für Weinbau an der ZHAW und damit einer der wenigen ­beruflich aktiven Vollprofis im Führungsteam des Weinbaumuseums. Die anderen 30 Personen (Vorstand, Museumsleitung, Füh­rer, Helfer) sind meist Ehemalige aus dem Weinbau oder versierte Hobby-Sachkundige.

Vergessene Sorten trinken

Es gibt heute schon eine direkte Verbindung zur ZHAW. Diese bewirtschaftet die historische Rebsortensammlung auf der Halbinsel Au. Hier werden 170 Rebsorten angebaut, um die genetischen Ressourcen zu erhalten und Winzern Anschauungsunterricht in der Sortenkunde zu geben. Dar­aus entsteht jedes Jahr der Museumswein. «Da sind viele vergessene Sorten wie Elbling, Completer, Hitzkircher oder Schwarzer Erlenbacher» drin», beschreibt Schumacher die Assemblage.

«Ich bin fasziniert von einem landwirtschaftlichen Zweig, der als einziger Produkte für den Genuss in späterer Zeit macht», sagt er. Sogar Klimaprofile liessen sich aus alten Weinen erstellen. Das Museum ist auch ein Schaufenster für den Wein aus der Gegend. Es hebt lokale Produkte hervor. So öffnet die Vergangenheit das Tor zur Zukunft. Denn, so ist sich Schumacher sicher: «Weinbau am Zürichsee wird es immer geben.» Nur einen Räuschling mit 40 Grad Öchsle wird wohl nie mehr jemand keltern wollen. Zum Glück. ()

Erstellt: 03.02.2016, 09:34 Uhr

Das Weinbaumuseum

Das Museum ist von April bis Oktober am Sonntag von 14 bis 16 Uhr geöffnet. Führungen können jederzeit gebucht werden. Im Anschluss an eine Führung kann auch ein Apéro, eine Degustation oder ein kleiner Imbiss organisiert werden.

Weinbau am Zürichsee

Ein Kalenderjahr im Rebberg und im Keller: Die «Zü­richsee-Zeitung» widmet dem Weinbau in der Region eine ganzjährige Artikelserie. Sie beginnt und endet mit dem Wümmet. Dazwischen sollen die verschiedensten Aspekte dieses Landwirtschaftszweiges gezeigt und erklärt werden – vom Anbau über die Pflege der Trauben bis zum Keltern; vom Hagel bis zum Schädling; vom Entwerfen der Etikette bis zum Abfüllen und Verkauf; vom Wert der Reb­berge als Naherholungsgebiet bis zum Siedlungsdruck. (di)

Weinbaumuseum Wädenswil

«Legenden sind zu 80 Prozent wahr, der Rest ist ungewiss», sagt Werner Koblet. Der 83-jährige Wädenswiler gehört zum Führungsteam im Weinbaumuseum Zürichsee. Von 1971 bis 1997 war er Leiter der Abteilung Weinbau der Forschungsstelle Agroscope in Wädenswil. Die Physiologie der Rebe war sein Gebiet. Das tönt trocken – bis Koblet über die Legenden in der Beziehung von Mensch und Wein zu er­zählen beginnt. Von Traubenkernen, die man im Rhonetal gefunden und auf 5000 vor Christus datiert hat, von Mesopotamiern, Griechen, Römern und Kelten, die alle zur Weinkultur beigetragen haben. «Die dunklen Trauben waren zuerst da», sagt er. Später bildeten sich helle bis weisse Reben. «Pinot noir, Pinot gris, Pinot blanc», zählt Koblet auf. «Auch der Mensch kommt ursprünglich aus Afrika», sagt er mit einem Augenzwinkern. Ein Glas Weisswein ist also ­Evolution zum Trinken.

Bis nach dem Mittelalter wuchsen in der Schweiz nördlich der Alpen nur noch weisse Trauben.Aller Rotwein kam aus dem Süden, zum Beispiel über Säumerpfade aus Chiavenna. Die Österreicher – damalige Besitzer des Städtchens ennet dem Malojapass – nannten es Kleven. «Dar­um heisst der Blauburgunder am Zürichsee Klevner», erklärt ­Kobelt. Wie der Pinot noir zum Blauburgunder wurde und diese Sorte in der Schweiz zunächst nur in der Bündner Herrschaft angebaut wurde, weiss er auch. Heinrich «Duc de Rohan» (1579–1638) war Botschafter Frankreichs in Graubünden. Der Burgunderherzog nahm seine bevorzugten Reben gleich mit, die sich an den Osthängen des Rheintals prächtig entwickelten. Von Bauernschläue berichtet Kobelt, wenn er schildert, wie die Üriker ihren Zehnten ins Kloster Einsiedeln brachten. Zwei Tage mit dem Pferdefuhrwerk unterwegs erfrischten sie sich aus den ­Fässern. Den Verlust füllten sie mit Zürichseewasser auf. Die Mönche beschwerten sich über den dünn schmeckenden Wein. Die entwaffnende Antwort der Üriker: «Eure Luft da oben ist ja auch viel dünner.»

Wenn er erzählt, leuchten seine Augen vor Begeisterung, und der Schalk blitzt durch. Werner Koblet ist selbst eine Legende – aber zu 100 Prozent wahr.

Christian Dietz-Saluz

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