Horgen

Weggesperrt aus moralischen Gründen

Sie war unverheiratet und erwartete ein Kind. Ursula Biondi wurde als 17-Jährige in einer Strafanstalt «administrativ versorgt». Am Dienstag erzählte sie vom Unrecht, das Behörden ihr und Tausenden anderen angetan hatten.

Lebhaft erzählt die Zürcherin Ursula Biondi in Horgen, wie sie ohne Gerichtsverfahren im Gefängnis landete und wie sie sich heute einsetzt für die «administrativ Versorgten».

Lebhaft erzählt die Zürcherin Ursula Biondi in Horgen, wie sie ohne Gerichtsverfahren im Gefängnis landete und wie sie sich heute einsetzt für die «administrativ Versorgten». Bild: Michael Trost

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Viele Male schon hat Ursula Biondi von ihrem Schicksal erzählt. Dennoch wird ihre Stimme brüchig, als sie im reformierten Kirchgemeindehaus in Horgen über ihre und die Leiden all jener spricht, die zwischen 1942 und 1981 ohne Gerichtsverfahren eingesperrt wurden. Weil sie sozial schwach waren, «arbeitsscheu», «liederlich» oder «lasterhaft». Erst 1981 passte die Schweiz ihre Gesetze der europäischen Menschenrechtskonvention an und verbot diese Praxis. «Wir administrativ Versorgten erlebten unvorstellbare seelische und körperliche Grausamkeit. Wir leiden unser Leben lang darunter. Viele begehen Suizid», sagt Ursula Biondi.

Sie selbst wurde mit 16 Jahren schwanger. Ihre Eltern waren überfordert und wandten sich an die Vormundschaftsbehörde. Diese wiesen Ursula Biondi «zu ihrem eigenen Schutz und dem des ungeborenen Kindes» in ein «geeignetes Erziehungsheim ein» und verlangten von den Eltern 7000 Franken «Pflegekosten». «Meine Mutter dachte, dass ich dort eine Haushaltslehre machen und Säuglingspflege lernen würde», sagt Biondi. Statt dessen landete sie in der Strafanstalt Hindelbank im Kanton Bern und war in eine kleine Zelle von acht Quadratmetern eingesperrt. Bis zehn Stunden Frondienst musste sie täglich leisten, Kontakt mit anderen hatte sie kaum.

Nach der Geburt ihres Sohnes nahmen die Behörden ihn ihr weg, um ihn zur Adoption freizugeben. Doch Ursula Biondi kämpfte und erreichte, dass sie ihn selbstständig betreuen durfte, bis sie nach einem Jahr und einer Woche aus der Strafanstalt entlassen wurde.

Schonungslos offen

Heute scheint nichts mehr übrig zu sein vom kleinen Mädchen, das von seinem Vater zusammengeschlagen und weggesperrt wurde. Ursula Biondi ist 68 Jahre alt, schick angezogen, trägt eine modische Brille, die Haare blondiert und wirkt selbstbewusst. Nach ihrer Entlassung aus der Anstalt stieg sie in einer UNO-Organisation in Genf zur Chef-Kursleiterin für EDV auf. Sie hatte Erfolg und erzählt der kleinen Zuhörer-Gruppe im Kirchgemeindehaus gern davon.

«Wenn ich Ursula Biondi reden höre, dann kommt sie mir vor wie eine Löwin.»Johannes Bardill, reformierter Pfarrer

Man kann es ihr nicht verdenken, denn sie bleibt im Erzählen über Leid und Freude schonungslos mit sich selbst und verhehlt die eigenen Fehler nicht. Wie sie beispielsweise eine Zellennachbarin, die sich umbringen wollte, in Blut und Urin gebadet vorfand und angesichts der «Sauerei» fast ihre Menschlichkeit vergass. Oder wie sie ins Verhaltensmuster ihres Vaters verfiel und sich gerade noch stoppen konnte, ihren Sohn zu verprügeln.

«Ihre Stimme soll man hören»

Die Zuhörer waren sichtlich erschüttert über das Schicksal Ursula Biondis. «Ihre Geschichte bewegt mich sehr und ich wundere mich, dass ein Mensch so viel mitmachen und darüber hinwegkommen kann», sagt eine ältere Frau am Ende der Gesprächsrunde. «Wenn ich Ursula Biondi reden höre, dann kommt sie mir vor wie eine Löwin», bestätigt der reformierte Pfarrer Johannes Bardill.

Er war es, der Ursula Biondi eingeladen hat, zuerst zu seinen Konfirmanden, anschliessend zur Gesprächsrunde über Menschenrechte. Im Gang des Kirchengemeindehauses ist noch bis Ende November eine Wanderausstellung zu sehen, in der das Schicksal von zehn Schweizern Thema ist, denen nur die Menschenrechte Schutz boten – eine von ihnen ist Ursula Biondi. Dass ihr Besuch mit Abstimmung zur Initiative über Selbstbestimmung zusammenfalle sei nicht beabsichtigt gewesen, sagt Bardill, «ihre Stimme ist jedoch eine, die man im Abstimmungskampf hören darf.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 07.11.2018, 15:25 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben