Langnau

Was für ein Theater in der Bärenanlage

Zum Jubiläum des Wildnisparks Langenberg hat Peter Niklaus Steiner das Stück «Wildgarten. Orellis Odyssee» geschrieben: Ein Spiel über den Parkgründer, der mehr war als nur ein Sonderling.

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Die Hauptmannstochter ist alles andere als amüsiert. Hat sie recht gehört? Ihr Verlobter will Förster werden? Er, als ein von Orelli – mit Betonung auf das «von», versteht sich – gedenke, im Wald Füchse und Hasen zu zählen! Und, fast noch schlimmer, dafür seinen Dienst bei der königlichen Garde zu quittieren? So enttäuscht seine Adele auch ist, so entschlossen ist Carl: «Die militärische Laufbahn ist nicht mein Weg.» Frei wolle er sein, Knecht von niemandem. Nicht dem Töten verpflichtet, sondern: dem Leben. Und: «Die Liebe zum Wald und zu dir lässt mich atmen.» Kann ihm bei solchen Worten Adele seine berufliche Kehrtwende noch verargen?

Die Hinwendung des Zürcher Aristokraten zur Natur ist der wohl der markanteste Wendepunkt im Leben von Carl Anton Ludwig von Orelli. Beileibe aber nicht der einzige. Dies zeigt das Theaterstück «Wildgarten. Orellis Odyssee» des Langnauer Turbine-Theaters. Ab Sonntag wird die Freilichtproduktion in der alten Bärenanlage im Wildnispark Langenberg aufgeführt – und damit in einer Spielstätte, die einiges auf sich hat.

Geschenk des Göttis

Was genau – das erfährt der Zuschauer bereits zu Beginn des Stücks. Einen Wildgarten wolle er schaffen, ein Refugium, kündigt von Orelli an. «Wo die Fauna geschützt ist vor den Menschen.» Es ist dies das Taufgeschenk für seine Patentochter Nanny – und «für die Zukunft.» Von Orellis Worte hatten Bestand: Auf ihn und seinen Wildgarten, geht der Wildnispark Langenberg zurück. Heuer vor 150 Jahren wurde er gegründet. Das Jubiläum hat denn auch den Anlass gegeben, das schillernde Leben des Parkinitianten auf die Bühne zu bringen.

Von diesem habe er, als er sich an die Recherche für das Stück machte, nur soviel gewusst, sagt der Langnauer Regisseur, Autor und Protagonist Peter Niklaus Steiner: «Man erzählte komische Sachen über ihn.» Will heissen: Von Orelli habe sich zwar eine herrschaftliche Villa bauen lassen und Zeit seines Lebens Hausangestellte gehabt. Aber geschlafen habe er auf dem Boden – auf einem Bärenfell, ein Holzscheit unter dem Kopf. «Zudem pflegte er eine eigenwillige Beziehung zum Tod», erklärt Steiner, «er stellte sich schon früh einen Sarg ins Haus.» Dazu hatte er den Plan eines eigenen Mausoleums, einer gemeinsamen Bestattung mit seinem besten Freund.

Der Trailer zum Stück über den Wildnispark-Gründer, den eigenwilligen Stadtforstmeister Carl Anton Ludwig von Orelli (1808–1890).

Intensive Recherche

Abgesehen von diesen Sonderlichkeiten, sagt Steiner, «war von Orelli für mich erst ein Buch mit sieben Siegeln.» Umso herausfordernder für den Textautoren, die Biografie des 1808 in Zürich Geborenen zu erforschen. Dies tat er vorab in Dokumenten des Stadtarchivs Zürich. Nicht zuletzt darum, weil eine wichtige Lebensstation von von Orelli mit der Stadt zu tun hat: Es ist dies sein Amt als Stadtforstmeister, das wiederum verknüpft ist mit allerhand nicht selten dramatischen Lebenswendungen. Von diesen habe er auch in älteren Ausgaben der Langnauer Post gelesen, sagt Steiner. «Das waren zum Teil Rückblicke von Leuten, die von Orelli noch gekannt haben.»

So habe sich ihm während der gut halbjährigen Recherche eine facettenreiche Persönlichkeit erschlossen. Ein weiteres halbes Jahr gab Steiner in die dramaturgische Fassung von von Orellis Biografie. «Er war eine spannende Mischung aus Aristokrat und Naturmensch»: Voller Tatkraft, begeisterungsfähig, gepflegt im Umgang. Aber auch: gebeutelt von Schicksalen, geprägt von einer schwierigen Zeit.

Dass die Probleme von dazumal nichts an Aktualität eingebüsst haben – auch das macht das Stück deutlich. Stichwort Artensterben etwa: «Man sieht kein Wild mehr im Wald», stellt von Orelli einmal fest, «früher gab es hier Wölfe und Bären.» Und was heute die Digitalisierung ist, war früher die Industrialisierung: «Ständig diese Hektik!», sagt von Orelli an anderer Stelle zu ebendieser: «Eine neue Versklavung!» Allerdings, erklärt Steiner, seien diese aktuellen Bezüge nicht einmal bewusst herausgestellt worden.

Erstellt: 15.05.2019, 17:07 Uhr

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