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Warum Zumikon wächst und Oberrieden schrumpft

Zumikon hat seit 2017 über 350 Einwohner dazugewonnen. Rund 5500 Personen wohnen im Dorf. Das einst fast gleich grosse Oberrieden zählt hingegen erstmals seit 2013 weniger als 5000 Einwohner. Eine Spurensuche mit den Gemeindepräsidenten.

Pascal Jäggi
Die 120 Wohnungen der bunten Siedlung Ankenbüel in Zumikon sorgten für eine rasante Bevölkerungsentwicklung.
Die 120 Wohnungen der bunten Siedlung Ankenbüel in Zumikon sorgten für eine rasante Bevölkerungsentwicklung.
Moritz Hager

Viel ist nicht los am Donnerstagmorgen in Zumikon. Der Dorfplatz ist verwaist, Handwerker sind damit beschäftigt, den alten Coop zum neuen Aldi umzubauen. Es ist kalt,aber schön, Restschnee liegt in den Ecken. Zumikon, das den Ruf hat, überaltert zu sein und nur für Reiche erschwinglich, hat in den letzten Jahren einen überraschenden Bevölkerungszuwachs erlebt. Um über 400 Bewohner ist das Dorf am Pfannenstiel seit 2017 gewachsen, auf 5481 Einwohner. Was ist passiert?

Gemeindepräsident Jürg Eberhard (FDP)sagt, dass es grössere planerische Projekte des Gemeinderats bei der Bevölkerung in der Vergangenheit schwer gehabt hätten. Das sei ein Grund, warum das Wachstum lange ausblieb. Als Beispiel nennt er die Revision der Bau- und Zonenordnung (BZO). Bei der Forchbahnstation Maiacher stehen Mehrfamilienhäuser aus den 1970er-Jahren mit relativ viel Umschwung. Gerne hätte die Gemeinde dort verdichteteres Bauen erlaubt. Das Volk war dagegen.

Beim Dorfplatz läuft etwas

Beim Dorfplatz, wo die zentrale Forchbahnstation steht, läuft hingegen einiges: Jürg Eberhard kann auf einem kleinen Rundgang gleich zwei Wiesen zeigen, auf denen Wohnhäuser entstehen sollen. Hinter dem Gemeindehaus sind Alterswohnungen geplant, auf Land, das die Gemeinde gekauft hat. Nahe der Forchstrasse liegt eine weitere Wiese (Bild unten). Die Gemeinde hat das Land umgezont. Selber bauen will sie nicht, das Grundstück soll im Baurecht abgegeben werden. Doch Zumikon bestimmt die Bedingungen - günstige Mieten und Durchmischung bei den Bewohnern. Rund 50 Wohnungen dürften hier entstehen, das Volk stimmt voraussichtlich im nächsten Jahr darüber ab.

Auf dieser Wiese neben der Forchstrasse soll die preisgünstige Wohnüberbauung Chirchbüel zustehen kommen. Bild: Archiv Sabine Rock.
Auf dieser Wiese neben der Forchstrasse soll die preisgünstige Wohnüberbauung Chirchbüel zustehen kommen. Bild: Archiv Sabine Rock.

Es ist kein Zufall, dass eine Belebung rund um den Dorfplatz im Fokus des Gemeinderats ist. Geht hier ein Laden zu, ist das Gemurre im Dorf gross. Obwohl nur wenige Gehminuten entfernt grosse Filialen von Migros und Coop stehen. Umso erleichterter ist Jürg Eberhard, dass Aldi die alte Coop-Filiale übernommen hat. «Da haben schon noch einige den Kopf geschüttelt», fügt er an. Ein Discounter mitten im Goldküstendorf - das wäre vor ein paar Jahren undenkbar gewesen. Jetzt ist die Eröffnung der Filiale im Frühling ein wichtiger Baustein für die Attraktivität des Zentrums.

Mehr- statt Einfamilienhaus

Vom Farlifang, wo die Alterswohnungen geplant sind, schweift der Blick hoch Richtung Chapf, eines der Einfamilienhausgebiete in Zumikon, man könnte auch von Villenviertel sprechen. An solchen Orten gebe es vermehrt kleine Veränderungen, so Eberhard. Es komme immer wieder vor, dass Erben ein altes Einfamilienhaus durch ein Mehrfamilienhaus ersetzten.

Den starken Zuwachs der letzten Jahre erklärt all das nicht. Dieser hat vor allem einen Grund. Wir fahren an den Dorfrand, an die Grenze zur Forch. Eine bunte Siedlung steht hier, flache Dächer, aber doch so ganz anders als die grauen Blöcke dahinter. Es ist das Ankenbüel, eine Siedlung die vor gut 15 Jahren geplant wurde. Der Widerstand im Dorf war gross, üppiges Juristenfutter (mehr dazu Hier). Doch seit 2018 haben sich die Wohnungen gefüllt. «Das Ankenbüel zählt 120 Wohneinheiten», sagt Eberhard. Auch wenn er nicht sagen kann, wieviele Personen im Schnitt pro Wohnung hier wohnen, kann der Bevölkerungsanstieg wohl fast allein mit dieser Siedlung erklärt werden. Günstig sind die Wohnungen nicht, eher marktüblich, meint Jürg Eberhard. Was in Zumikon teurer ist als anderswo.

Wird das Wachstum dauerhaft sein? Jürg Eberhard zweifelt trotz der neuen Siedlungen und Mehrfamilienhäuser daran. Einzonungen seien nicht mehr möglich, geplante grössere Verdichtungen sieht er, ausser um den Dorfplatz, nicht. Die Geburtenrate war zuletzt tiefer als die Sterberate. Auch wenn vereinzelt gebaut wird und die letzten Jahre dank der neuen Siedlung zu Ausreissern bei der Bevölkerungsstatistik geführt hat: Gross ändern wird sich Zumikon nicht.

Kurze Stagnation

Am Nachmittag ist der Himmel grau, es regnet - reiner Zufall natürlich. Auf dem Weg am linken Zürichseeufer von Kilchberg nach Oberrieden ist eine rege Bautätigkeit zu sehen. Das schlägt sich auch in den Zahlen nieder. Rüschlikon zählt seit 2018 mehr als 6000 Einwohner, Kilchberg hat 2019 an der 9000er-Marke gekratzt. Thalwil schaffte den Sprung auf über 18000 Einwohner. Doch Oberrieden hat 2019 Einwohner verloren und zählt erstmals seit 2014 wieder weniger als 5000 Einwohner. Und das obwohl die Gemeinde mit einem Steuerfuss von 88 Prozent zu den bessergestellten im Kanton Zürich gehört. Was ist passiert?

Gemeindepräsident Martin Arnold (SVP) sieht das alles nicht so eng. Er eröffnet das Treffen mit einer Anekdote. Als Oberrieden nahe dran war, die 5000er-Grenze zu überschreiten, wurde diskutiert, ob die Gemeinden den fünftausendsten Bewohner speziell begrüssen solle. Er lehnte das ab, jeder neue Einwohner sei gleich wichtig. Der Verlauf gibt ihm recht, es würde seltsam anmuten, wenn die Gemeinde in ein paar Jahren schon wieder den 5000sten Bewohner begrüssen müsste. Denn, dass bald wieder mehr Leute in die seit 2019 kleinste Gemeinde im Bezirk Horgen ziehen werden, ist nach einem Rundgang mit Arnold eigentlich klar.

Zügig gehts zu einem grossen Sanierungsprojekt. Das «Im Feldhas» genannte Projekt, drei grosse Mehrfamilienhäuser, dürfte für den Haupteil des Bevölkerungsschwunds verantwortlich sein.

Das Sanierungsprojekt «Im Feldhas» dürfte Oberrieden noch 2020 wieder über die 5000er-Grenze hieven. Bild: Moritz Hager
Das Sanierungsprojekt «Im Feldhas» dürfte Oberrieden noch 2020 wieder über die 5000er-Grenze hieven. Bild: Moritz Hager

Bis 2018 wurden die Wohnungen befristet und entsprechend günstig vermietet. Das führte gar dazu, dass der «Tages-Anzeiger» im Dezember 2017 verwundert die Frage stellte, ob Oberrieden ein Mieterparadies sei. Die ehemaligen Bewohner haben kaum neue Wohnungen im Dorf gefunden und sind wohl weggezogen. Im Sommer 2020 sind die Wohnungen bezugsbereit, vom Preisniveau her könnten sie auch in der Stadt Zürich stehen. Doch schon heute ist ein guter Teil der 36 Wohnungen reserviert.

Blockiertes Projekt

Der Blick geht hoch, hinter der Säntisstrasse ist jede Menge Grün zu sehen. Potenzielles Bauland? Der Gemeindepräsident winkt ab. Einzonungen sind in Oberrieden nicht möglich, zu sehen ist Naturschutzland.

Oberhalb der Alten Landstrasse dann das nächste grössere Projekt: Das Büelhalden-Areal. Noch stehen nur Baugespanne, der genossenschaftliche Wohnbau ist durch einen Rekurs blockiert. Geplant sind 48 Wohnungen, hier sollen junge Familien in günstige Wohnungen ziehen können.

Hier soll die Büelhalden-Überbauung zu stehen kommen

Für ältere Oberriedner wird zur Zeit die Winkelhalden gebaut. Zwischen den beiden Bahnhöfen entstehen 50 Alterswohnungen. Der Gemeindepräsident verweist auch auf einige Baustellen, Mehrfamilienhäuser an der Seestrasse und der Dörflistrasse, die zur Zeit nicht bewohnt sind. Oder zehn Eigentumswohnungen, die unterhalb der Villa Schönfels geplant sind.

Grün statt Grau

Die Projekte sind also da, es ist wohl nur eine Frage der Zeit bis Oberrieden erneut den 5000sten Einwohner begrüssen könnte. Auf dem Weg zurück zum Gemeindehaus passieren wir eine überraschend grosse unbebaute Fläche. Der Eigentümer der drei Parzellen auf beiden Seiten der Geleise wolle das so, sagt Martin Arnold. Zwei Parzellen sind grüne Wiese, auf einer steht eine kleine Obstplantage. Dereinst werden die Erben entscheiden, ob auch hier gebaut werden soll.

Der Gemeindepräsident ist mit der heutigen Situation offensichtlich nicht unzufrieden. Ein wenig Grün zwischendurch kann ja schöner sein, als den sechstausendsten Einwohner zu begrüssen. Die 5000er-Marke werde auch so in den nächsten zwei bis drei Jahren erreicht, sagt Arnold.

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