Sihlwald

Waldarbeit wie anno dazumal

Im Sihlwald wurde eine Waldhütte abtransportiert. Dies geschah aber nicht wie üblich durch Lastwagen, sondern wie noch vor hundert Jahren mit Pferd und Fuhrmann.

Der Sihlwald ist um ein Stück Geschichte ärmer: Die Forsthütte Bachtelen wurde stilgerecht mit Pferd und Fuhrmann abgetragen.
Video: Sabine Rock / Paul Steffen

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Das Rattern von Rädern und das Schlagen von Hufen wird immer lauter und schon erscheint zwischen den Bäumen am Ende der Kurve ein Fahrgespann. Zwei braune Pferde mit schwarzen Mähnen traben durch den Sihlwald und ziehen einen Anhänger hinter sich her. Auf dem Bock des Fahrgestells steht der Fuhrmann; breitbeinig, ohne jegliche Sicherung und auf seinem Kopf einen Strohhut. Als sei er Ben Hur auf seinem Streitwagen, prescht Fuhrmann Marcel Jäggi aus Reutlingen mit gespannten Zügeln in der Hand dem Bachtelenweg entlang. Anders als sein antiker Vorgänger nimmt Jäggi aber nicht gerade an einem Wagenrennen teil, sondern transportiert Holz.

Hütte wird abgerissen

Das Holz gehört zur Bachtelenhütte. Diese befindet sich mitten im Gehölz an der Bachtelenstrasse, welche vom Langnauer Quartier Oberrengg in den Sihlwald hineinführt. An diesem Mittwochmorgen ist von einem Gebäude aber nichts mehr zu sehen. Dort, wo bislang die Hütte stand, sind jetzt nur noch der Schutt des Fundaments und Holzbalken anzutreffen. Bereits vor einem Monat begannen die Ranger mit dem Abriss der Hütte, heute werden die Materialien abtransportiert. Isabelle Roth, stellvertretende Geschäftsführerin des Wildnisparks Zürich und Leiterin Bereich Naturwald, begründet den Abriss zum Teil mit dem desolaten Zustand des Baus. Noch wichtiger aber sei die Tatsache, dass das Häuschen kaum mehr genutzt werde.

Solche Waldhütten wurden ursprünglich errichtet, um den Forstarbeitern einen möglichen Unterstand zu bieten. «Besonders früher, als nicht alle Waldwege einfach befahrbar waren, nutzten die Waldarbeiter die Hütten als Pausenraum. Waren die Schichten lang, übernachteten sie auch mal darin», sagt Thomas Wäckerle, Ranger im Sihlwald. Das änderte sich aber mit dem Entschluss, menschliches Eingreifen im Sihlwald auf ein Minimum zu beschränken. Seit 1995 existiert das kantonale Gesamtkonzept Naturwald, seit 2000 werden im Sihlwald keine Bäume mehr gefällt. Dadurch fehlen die Forstarbeiter, die Hütten stehen leer und stellen einen Fremdkörper in der Natur dar. Deshalb fällten die Geschäftsleitung und die Ranger den Entscheid, die Hütte abzureissen.

Reine Muskelkraft

Seit sieben Uhr in der Früh stehen zwei Ranger, ein Zivildienstleistender und der Fuhrmann Jäggi im Wald und laden die meterlangen Balken von Hand auf den Anhänger, an den die Pferde gespannt sind. Ein zweiter Zivildienstleistender wartet am Waldrand in einem Transporter. Wenn der Anhänger voll beladen ist, fährt ihn der Fuhrmann an den Waldrand. Dort wird der volle Anhänger an den Transporter angekoppelt und zum Entladen in die Entsorgungsstelle gefahren. Die Pferden fahren mit einem zweiten, leeren Anhänger zurück in den Wald, wo das Spiel von neuem beginnt. Sieben bis acht solcher Touren sind nötig, bis auch die letzten Überreste der Hütte verschwunden sind.

Isabelle Roth, stellvertretende Geschäftsführerin des Wildnisparks Zürich: «Wir wollten eine Lösung zum Abtransport finden, welche zu unserem Konzept als Naturwald passt.» Bild: Sabine Rock.

Abgesehen vom Einsatz der Kettensäge zur Verkleinerung der Balken, ist der Abbau der Bachtelenhütte reine Handarbeit. «Für Büroleute wäre das wohl ein ziemlicher Krampf, für uns Handwerker ist es eine normale Tätigkeit», sagt Ranger Emanuel Uhlmann. Nicht nur den Menschen, auch den Tieren scheint die Arbeit nicht viel auszumachen. Die Pferde Hamira und Laiana stehen seelenruhig da, während die Männer den Anhänger beladen. Sie stören sich weder an der Erschütterung des Wagens noch am Lärm der Säge. Sie schlagen bloss mit dem Schweif, um die Fliegen zu vertreiben.

Für die Pferde seien diese kurzen Fahrten keine anstrengende Arbeit, meint Marcel Jäggi, im Gegenteil: «Vielmehr besteht die Gefahr, dass sie sich in den Pausen dazwischen langweilen.» Für die ungewöhnliche Transportart hat sich der Wildnispark entschieden, weil ein Lastwagen nicht in das Konzept des autofreien und naturbelassenen Waldes passt. «Wir wollten eine Lösung finden, welche zum Konzept des Naturwalds passt. Mit dem Abtransport durch Pferde entschieden wir uns für die wald- und umweltschonendste Variante», sagt Roth. Wenn die Pferde nicht gerade Transportarbeiten im Wald verrichten, veranstaltet Jäggi Hochzeits- und Gesellschaftsfahrten. Auf die Frage hin, ob er lieber Hochzeitspaare oder Holzbalken transportiere, antwortet er: «Solche Transporttouren sind genauso unterhaltsam wie eine Hochzeitsfahrt. Hauptsache, es kommt keine Langeweile auf.»

Erstellt: 19.07.2017, 18:35 Uhr

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