Weihnachtsserie

Von Karpfen, goldenen Schweinchen und hellsehenden Nussschalen

Die tschechische Weihnacht «Vánoce» ist geprägt von alten Ritualen und Bräuchen. Wie ein Kirschbaumzweig zur Liebe führt und wie das Schicksal der Kinder in eine Nussschale passt, erklärt eine in der Schweiz wohnhafte Tschechin.

Zu Weihnachten bäckt Monika Skalova Guetzli nach einem tschechischen Rezept. Verspeist werden sie insbesondere von ihrem Sohn David.

Zu Weihnachten bäckt Monika Skalova Guetzli nach einem tschechischen Rezept. Verspeist werden sie insbesondere von ihrem Sohn David. Bild: André Springer

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Ein Adventskranz, der Duft nach Lebkuchen, glitzernde Lichterketten: In der Wohnung der Familie Skala in Adliswil hat das Weihnachtsfieber bereits Einzug erhalten. Dies erkennt man spätestens dann, wenn man in das glitzernde Augenpaar des zweieinhalbjährigen David blickt, der voller Vorfreude auf die bevorstehenden Feiertage an einem Lebkuchen-Plätzchen knabbert.

«Das Schönste an Weihnachten ist das Zusammenkommen der Familie», sagt seine Mutter Monika Skalova. «Mit jener, die in Tschechien wohnt».So reist die dreiköpfige Familie noch diese Woche in ihre Heimat, um im Beisein von Davids Grosseltern und Urgrosseltern das winterliche Fest der Liebe zu feiern. Sie lassen die Wohnung in Adliswil zurück und tauchen in eine weihnachtlich verzierte Welt voller Bräuche und Rituale ein. In die «Vánoce»: die tschechische Weihnacht

Zweige blühen für die Liebe

Wie in anderen christlich geprägten Ländern bringt auch in Tschechien an Heiligabend nicht der Weihnachtsmann sondern das Christkind die Geschenke. Anders ist aber die Begleitung des tschechischen Samichlauses. «Mikuláš», der St. Nikolaus Tschechiens, kommt anstelle des Schmutzlis und eines Esels mit einem Engel «And?l» und dem Teufel «?ert». Zudem kommt der St. Nikolaus nicht am 6. Dezember, sondern bereits einen Tag früher. «Wie in der Schweiz singen die Kinder dem St. Nikolaus ein Lied oder tragen ihm ein Gedicht vor», erklärt Monika Skalova. Wenn sich die Kinder im vergangenen Jahr anständig benommen haben, verteile ihnen der Engel Süssigkeiten. Falls sie frech waren, würden sie vom Teufel nur Kohle und Kartoffeln erhalten. Also Dinge, die sich wohl kaum ein Kind wünscht.

Romantisch wird es in Tschechien an Weihnachten spätestens dann, wenn an Heiligabend ein Kirschbaumzweig blüht. «Früher war üblich, dass ledige Frauen am 4. Dezember den Zweig eines Kirschbaumes ins Wasser stellten», sagt Skalova. Wenn er an Heiligabend noch blühte, war dies ein Zeichen, dass die Frau im nächsten Jahr einen Mann finden würde. «Heute dienen die Zweige lediglich zur Dekoration», sagt sie.

Fasten für ein Schweinchen

Weihnachten in Tschechien hält auch für junge Erwachsene, die noch bei ihren Eltern wohnen, etwas bereit: Ihr Schicksal segelt in einer Nussschale durchs Badezimmer. Die zu einem Boot umfunktionierte Hälfte einer Walnuss schwimmt mit einer Kerze in ihrer Mitte durchs Lavabo. Treibt die Nussschale an den Rand, bleiben die Kinder noch ein Jahr zuhause. Segelt das Nuss-Schiffchen in die Mitte des Lavabos, dann werden auch die Kinder im kommenden Jahr zu neuen Ufern aufbrechen.

Während David noch immer an seinem Lebkuchen knabbert und dabei schwungvoll ein Wasserglas umkippt, erzählt Monika Skalova von einem weiteren Ritual: «Gegessen wird in Tschechien den ganzen Tag nichts.» Erst wenn der erste Stern am Nachthimmel erscheint, würden sie das Fasten beenden. «Wer sich daran hält, soll bei Einbruch der Nacht ein goldenes Schweinchen an der Zimmerdecke sehen», erklärt sie. Das imaginäre Tier soll Reichtum und Glück bringen.

Natürlich ist auch das Essen ein wesentlicher Bestandteil der tschechischen Weihnacht. Der seit dem Mittelalter als religiös wertvoll geltende Karpfen wird gleich auf zwei Arten verspeist. Zuerst als Suppe, dann am Stück. So glaubte man früher, dass sich aus den Kopfknochen des Karpfens eine taubenartige Vogelgestalt zusammenbauen lasse, die an den Heiligen Geist erinnert. «Eine Karpfenschuppe legen wir jeweils unter den Teller», sagt Monika Skalova. Dies soll für Geld und Reichtum im kommenden Jahr sorgen.

Bei der Frage, welche Weihnacht die schönste war, denkt Skalova an ihre Kindheit zurück. «Wenn man klein ist, freut man sich besonders auf die Geschenke», sagt sie. Aber auch dieses Jahr werde es ein besonderes Weihnachtsfest geben, wenn ihr Sohn David zusammen mit der ganzen Familie seine Geschenke auspackt. Was im Päckchen unter dem tschechischen Christbaum liegt, ahnt David noch nicht. «Wünsche hat er mehr als genug», sagt seine Mutter, während er den letzten Bissen seines Lebkuchens verdrückt. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 19.12.2016, 13:48 Uhr

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