Horgen

Vom wilden Wesen der Seide

Die Seide, ihre Verarbeitung und Vermarktung stand am traditionellen Weberinnentag im Ortsmuseum Sust im Zentrum. Ein Höhepunkt war der Vortrag des Textilkaufmanns Peter Schulthess zum Thema «Die wilde Seite der Seide».

Im Orstmuseum Sust in Horgen fand am Sonntag im Rahmen des Weberinnentags ein Schauweben statt.

Im Orstmuseum Sust in Horgen fand am Sonntag im Rahmen des Weberinnentags ein Schauweben statt. Bild: Patrick Gutenberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Weberinnen» anstatt «Weber». Die Änderung in der Ausschreibung zum Webertag im Horgner Ortsmuseum Sust sticht ins Auge. Anders als an den letzten fünf Anlässen zum Thema der Weberei wurde der diesjährige Event als «Weberinnentag» angekündigt.

Röbi Urscheler, Stiftungsratspräsident, sagt: «Die weiblich Form ‹Weberinnentag› soll die Wertschätzung gegenüber der viel grösseren Anzahl an Handweberinnen im Vergleich zu den Handwebern anzeigen, die während der Hochblüte der Seidenindustrie im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Horgen tätig waren».

Eintauchen in damalige Ära

Erfreut zeigte sich Walter Bersorger, Kurator im Ortsmuseum Sust, der den Weberinnentag organisierte, dass sich auch in diesem Jahr viele Gäste für Weberei, Textilgewerbe und -industrie in Horgen und Umgebung interessierten. An der Veranstaltung vom Sonntag konnten die Leute in die Vergangenheit eintauchen, die Schauweberinnen am Seidenwebstuhl bei ihrer Arbeit beobachten, einen Workshop zum Selberweben besuchen oder sich in einem Film über die Seidenherstellung informieren.

Immer wieder aufs Neue faszinierend ist, dass das Textilhandwerk in hiesigen Gefilden über Jahrtausende betrieben wurde, nämlich von den Pfahlbauern vor 6000 Jahren bis in die Ära der Seiden- und der Textilmaschinenindustrie im 20. Jahrhundert. Dank der Führungen und vielen Detailinformationen war es den Besuchern möglich, noch eingehender in diese Ära eintauchen. Wer eine Pause brauchte, konnte sich bei Kaffee und Kuchen der Geselligkeit widmen oder am Stand der Humanitas-Stiftung Horgen verschiedene gewobene Produkte bewundern und kaufen.

Textilmekka Indien

Grossen Zuspruch fand am Nachmittag das Referat von Peter Schulthess über die wilde Seite der Seide. Der Textilkaufmann und Kulturschaffende reiste zwischen 1996 und 2003 zwanzig Mal nach Indien, wo er verschiedene Seiden- und Baumwollproduktionsstätten besuchte. Im Vortrag erzählte er von seinen Reisen nach Kalkutta, Bihar, Orissa, Kerala und an viele andere Orte, wo er die Herstellung von Garn über das Gewebe bis zur Färberei und Stickerei studierte. Zudem dokumentierte er den Handel mit den Textilien. Aus seinem Fundus zeigte er diverse Materialien und Gewebemuster, welche die Ausführungen anschaulich machten.

Nicht aus dem wilden Wald

Peter Schulthess klärte auch ein Missverständnis auf: Wildseide wird nicht etwa im wilden Wald gewonnen, sondern ist normale Seide. Der einzige Unterschied sei, «dass man Raupen aus dem Kokon schlüpfen lässt, anstatt sie sofort abzutöten oder wie in China als Nahrungsmittel zu konservieren», weiss der Textilspezialist. Dieser Vorgang bedinge aber, dass der Faden nicht mehr am Stück abgehaspelt werden könne. Die Fäden müssten zuerst wieder miteinander «verdrillt» werden. Daraus entstünden dann im fertigen Gewebe die für Wildseiden typischen Verdickungen im Stoff.

Das Wissen über die Wildseide ist wenig bekannt, obwohl es gerade in Indien eine Tradition gibt, die mindestens 3500 Jahre in die Vergangenheit zurückreicht. Zum Schluss informierte Peter Schulthess: «Indien ist das einzige Land, das die Produktion von Wildseide kommerzialisiert hat und diese Gewebe weltweit – auch im textilen Luxusbereich – verkaufen kann». (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 28.08.2017, 15:41 Uhr

Artikel zum Thema

Seidenschätze werden gerettet

Horgen Das Ortsmuseum Sust sorgt dafür, dass seine historischen Seidenkleider gemäss heutigen Museumsstandards ­aufbewahrt werden. ­Fachleute besorgen die Aufbereitung in Liestal. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!