Missbrauch

Völlige Sicherheit für Bewohner und Angehörige gibt es nie

Der Fall eines Betreuers, der sich in einem Heim an einem Behinderten vergangen hat, wirft viele Fragen auf. Für Fachleute ist aber klar: Es gilt die Null-Toleranz-Haltung.

Hinschauen, Transparenz schaffen und handeln: So sollten die Verantwortlichen von Heimen damit umgehen, wenn etwas passiert.

Hinschauen, Transparenz schaffen und handeln: So sollten die Verantwortlichen von Heimen damit umgehen, wenn etwas passiert. Bild: Getty Images / iStockphoto

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Eine hundertprozentige Sicherheit ist nie möglich. Diesen Satz hört man oft, wenn Fragen zu sexuellen Übergriffen in Behindertenwohnheimen gestellt werden. Auch Peter Saxenhofer, Geschäftsführer von Insos Schweiz benutzt ihn.

Insos ist der nationale Branchenverband der Institutionen für Menschen mit Behinderung. Er vertritt die Interessen von über 800 Dienstleistungsanbietern für Menschen mit Beeinträchtigung. Den spezifischen Fall aus dem Bezirk Horgen kennt Saxenhofer nicht. Ganz grundsätzlich hält er aber fest: Grenzverletzungen und sexuelle Übergriffe erschütterten ihn sehr. Täter würden Opfern grosses Leid zufügen, das sie ein Leben lang verfolgen könne.

Genaue Zahlen gibt es nicht. «Insos Schweiz vertritt klar eine Null-Toleranz-Haltung und lehnt alle Formen von Gewalt, Grenzverletzungen, Erniedrigungen und Vernachlässigung mit Nachdruck ab. Das haben wir in der nationalen Charta Prävention festgehalten, die wir 2011 gemeinsam mit anderen Verbänden und Organisationen veröffentlicht haben», sagt Saxenhofer.

Hinschauen und handeln

Doch wie sollen die Verantwortlichen der Heime damit umgehen, wenn etwas passiert? Für den Insos-Geschäftsführer ist klar, was Null-Toleranz-Politik heisst: Hinschauen, Transparenz schaffen und handeln. Im Falle eines konkreten Übergriffs müssten umgehend professionelle, externe Stellen wie die Polizei, Behörden und Careteams involviert werden.

Die Charta Prävention, die auch im betroffenen Heim gilt, nimmt Bezug zu zentralen Themen: Präventionskonzepte, Stärkung der Personen mit besonderem Unterstützungsbedarf, Einholen von Strafregisterauszügen bei Mitarbeitenden und die Schaffung von interner Anlauf- und Meldestelle. «Grenzverletzungen und sexuelle Gewalt dürfen nicht erst zum Thema werden, wenn bereits etwas passiert ist. Prävention bedarf einer ständigen Bearbeitung des Themas und ist Chefsache», so Saxenhofer.

«Grenzverletzungen und sexuelle Gewalt dürfen nicht erst zum Thema werden, wenn bereits etwas passiert ist»Peter Saxenhofer

Für die Kontrolle der Institutionen sind die Kantone zuständig, Insos hat keine Oberaufsicht. Laut dem Geschäftsführer von Insos sind die Institutionen im Bereich Prävention professionell, sorgfältig und reflektiert unterwegs sind. Sie verfügten über Präventionskonzepte, sensibilisierten und schulten das Personal, griffen das Thema Grenzverletzungen in der Begleitung von Menschen mit Behinderung auf und schulten auch diese Personen. Immer mehr Institutionen richteten zudem eine interne Anlauf- und Meldestelle mit einer entsprechend geschulten Fachperson ein. Auch dies sei ein zentraler Punkt in der Charta Prävention.

Genaue Zahlen gibt es nicht. Doch wenn solche Vorfälle publik werden, wühlt das Angehörige auf. Peter Saxenhofer verweist darauf, dass die Schweizer Institutionen rund 60'000 Menschen mit Behinderung begleiten und unterstützen. Die Fachpersonen engagierten sich tagtäglich dafür, dass die Menschen, die sie begleiten, ein möglichst selbstbestimmtes und selbstständiges Leben führen und an der Gesellschaft teilhaben können.

Nachhaken ist erlaubt

«Ich begegne in den Institutionen auch beim Thema Prävention grosser Fachkompetenz und Professionalität und Sensibilität sowie Fachpersonen mit Herz, Verstand, Humor und einer ausgeprägten Fähigkeit, das eigene Denken und Handeln kritisch zu reflektieren», sagt Saxenhofer. Wenn Eltern, Angehörige oder Menschen mit Behinderung trotzdem verunsichert seien, sei es hilfreich, gemeinsam die Institutionen zu besuchen. Dabei könne man sich beispielsweise das Leitbild und das Präventionskonzept zeigen lassen, die Räumlichkeiten anschauen und mit Fachpersonen und Bewohnerinnen mit Behinderung sprechen.

Wichtig sei es auch, nachzuhaken, wie die Institution mit dem Thema «Nähe und Distanz» und mit Grenzverletzungen umgeht und ob sie die Charta Prävention bei sich umsetze. Dadurch würden Betroffene wie Angehörige auch gefühlsmässig ein differenziertes Bild von einer Institution erhalten.





Erstellt: 05.11.2019, 10:57 Uhr

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