Adliswil

Versicherungsbranche entdeckt die digitale Welt

Am Sitz von Generali Schweiz hat der Versicherungsriese eine hauseigene Denkfabrik errichtet. Für Pietro Carnevale, Director of Innovation and Strategy, geht es darum, den Sprung ins digitale Zeitalter zu vollziehen.

Für Generali-Schweiz-Manager Pietro Carnevale liefert die Innovationsgarage wichtige Inputs und Ideen zur Versicherungswelt von morgen.

Für Generali-Schweiz-Manager Pietro Carnevale liefert die Innovationsgarage wichtige Inputs und Ideen zur Versicherungswelt von morgen. Bild: Moritz Hager

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Die Versicherer rüsten sich für das digitale Zeitalter. Während andere Branchen schneller auf die sich anbahnenden Veränderungen in Richtung Industrie 4.0 – das postindustrielle Zeitalter – reagierten, fühlte sich die Versicherungsindustrie lange Zeit sicher. Nun kommt Bewegung in die Branche.

Vor kurzem hat die Mobiliar den Rapperswiler Softwarehersteller Bexio übernommen. Und im April hat der Versicherungskonzern Generali seine firmeneigene Innovationsgarage am Sitz von Generali Schweiz in Adliswil in Betrieb genommen. Hier will der Konzern gemeinsam mit fünf externen Start-ups aus den Bereichen künstliche Intelligenz, Cybersicherheit und Insurtech sowie der Universität St. Gallen neue Technologien für die Versicherungsbranche entwickeln. Die Denkfabrik am Zürichsee dient als Zukunftswerkstatt für Generali weltweit.


Pietro Carnevale, Sie gehen nicht den Weg der Mobiliar und kaufen sich Know-how im Bereich Digitalisierung ein, sondern gründen eine Innovationsgarage. Was ist der Grund?
Pietro Carnevale: Es gibt verschiedene Modelle. Generali Schweiz bevorzugt Kooperationen und Partnerschaften. Wir holen uns ganz bewusst Ideen und Inputs zur Zukunft der Versicherungswelt von aussen. Mit diesem offenen Ansatz und der Mischung aus internem und externem Wissen wollen wir unsere Innovationskraft stärken. Innovativ zu sein, ist schwierig genug, aber die Umsetzung dieser Ideen ist nochmals ein ganz anderes Thema. Die Innovationsgarage ist der physische Ort, wo wir versuchen, all diesen Ansprüchen unter einem Dach gerecht zu werden. Kurzfristig erbringen wir mit diesem Forschungsprojekt keine Erträge, aber es ist uns wichtig, eine Ideenpipeline zu entwickeln, die sich an den Kundenbedürfnissen im digitalen Zeitalter orientiert.

Wie viele Arbeitsplätze sind mit dem Projekt Innovationsgarage in Adliswil geschaffen worden?
Wir platzen aus allen Nähten und sind voll ausgebucht. Insgesamt sind rund 60 Leute fest in der Innovationsgarage tätig. Von Generali-Seite wurden extra fünf Stellen geschaffen, in Form unseres eigenen Start-ups Lings. Die hier tätigen Firmen sind sehr international besetzt, von den USA über die Niederlande und Südafrika bis Indien. Eines unserer Start-ups hat hier wegen seines starken Wachstums bereits zu wenig Platz und muss sich auswärtig orientieren. Auch wenn wir diese Arbeitsplätze nicht selber geschaffen haben, freut es uns, dass wir unsere Innovationspartner bei ihrer Entwicklung massgeblich unterstützen konnten. Unsere Fläche könnten wir wegen der grossen Nachfrage verdoppeln.

«Es stimmt, dass unsere Branche etwas träge geworden ist.»Pietro Carnevale

Wie frei und unabhängig sind die Unternehmen, die bei Ihnen in der Innovationsgarage in ­Adliswil tätig sind?
Das funktioniert nicht anders als mit jedem Partner und Lieferanten, mit dem wir zusammenarbeiten. Wir kaufen eine Leistung ein. Dafür gibt es Verträge, mit denen wir uns absichern. Die Start-ups, die wir hier beherbergen, erhalten von uns einen festen Arbeitsplatz mit der Infrastruktur inklusive Strom und Internet. Sie arbeiten mit uns als Generali Schweiz zusammen, sind aber frei, mit allen anderen Unternehmen, inklusive unserer Konkurrenz, weiterzugeschäften. Wir beteiligen uns auch nicht an ihnen. Wir glauben vielmehr, dass durch die Nähe und den engen Austausch Vorteile für beide Seiten entstehen. Wir holen Firmen rein, von denen wir überzeugt sind, dass wir innerhalb von sechs Monaten ein vernünftiges Projekt starten können.

Ist es nicht so, dass die Versicherungsbranche den Aufbruch ins digitale Zeitalter verschlafen hat und nun auf den fahrenden Zug aufspringen will?
So wie die Versicherungsbranche bisher aufgestellt war, hat sie die ganzen letzten Jahrzehnte über erfolgreich gearbeitet. Es stimmt, dass unsere Branche etwas träge geworden ist und nicht gerade an vorderster Front steht, wenn es um Innovationen geht. Nun sind wir aber Teil einer Gesellschaft, deren Bedürfnisse und Erwartungen sich in einem rasanten digitalen Wandel befinden. Dazu zählen eben auch neue Versicherungsprodukte. Nur jene Versicherer, denen es gelingt, sich so schnell wie möglich diesem Wandel anzupassen, werden zu den Gewinnern zählen.

Wie fällt Ihr Fazit für die Inno­vationsgarage nach gut vier Monaten im Betrieb aus?
Es ist eigentlich noch zu früh, darüber zu sprechen, aber im Moment läuft es sehr gut. Natürlich ist immer ein wenig Glück mit dabei, wie gut das Angebot an geeigneten Start-ups gerade ist. Wenn wir uns in einem Jahr treffen würden, müssten wir vielleicht rückblickend über Fälle berichten, wo es nicht funktioniert hat. Mit ziemlicher Sicherheit sogar. Es braucht die Bereitschaft, auch einen Misserfolg zu akzeptieren. Gleichzeitig wollen wir aber auch die Kosten und die Zeit bis zu einem solchen Misserfolg minimieren. Doch derzeit läuft eine Reihe von äusserst vielversprechenden Projekten. Es finden viele Aktivitäten statt. Die einzelnen Projekte befinden sich in ganz verschiedenen Phasen, vom Anfangsstadium bis hin zum kundenorientierten «Go live».

Befindet sich die Innovationsgarage noch in der Versuchsphase?
Die Innovationsgarage wird immer ein «work in progress» bleiben. Aber wir haben einen starken Investor – die Generali Schweiz – im Rücken, der an uns glaubt. Das gibt uns ein gutes Gefühl. Nicht jedes Start-up, und als ein solches würde ich auch die Innovationsgarage selbst bezeichnen, kann von sich behaupten, einen so potenten Geldgeber hinter sich zu wissen.

Erstellt: 17.09.2018, 14:13 Uhr

Generali Schweiz

Generali Schweiz wurde 1987 gegründet. Unter dem Dach der Generali (Schweiz) Holding AG vereinen sich alle Gesellschaften und Aktivitäten von Generali Schweiz mit Sitz in Adliswil und Nyon VD. Generali Schweiz gehört als lokale Steuerungs- und Beteiligungsgesellschaft zu 100 Prozent zur Generali Group unter der Führung der Assicurazioni Generali S. p. A. in Triest. Als einer der global führenden Versicherungskonzerne zählen die Assicurazioni Generali mit insgesamt 74 000 Mitarbeitenden zu den weltweit grössten Unternehmen überhaupt. In der Schweiz beschäftigt die Versicherungsgruppe 1845 Mitarbeitende an 61 Standorten, davon 900 in Adliswil, und verfügt über eine Million Kunden mit zwei Milliarden Euro gebuchten ­Prämien.

Zur Person

Pietro Carnevale ist als Director of Innovation and Strategy Mitglied der Direktion von Generali Schweiz. Er hat fünfzehn Jahre internationale Erfahrung in der Finanzdienstleistungsbranche (Schweiz, Europa, UK, Australien und Südostasien). Seit 2008 sammelte Carnevale Erfahrungen im Management grosser länderübergreifender, mehrjähriger Transformationsprogramme sowie in Schlüsselpositionen bei Business-Development-Initiativen in drei globalen Unternehmen. Der 44-Jährige besitzt einen Abschluss in Management and Production Engineering.

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