Arbeitswelt

Vermehrt Infoanlässe anstelle von Schnupperlehren

Im Februar läuft die Bewerbungsphase für die Sekundarschüler in der Region an. Ein beliebtes Mittel, den geeigneten Beruf zu finden, sind Schnupperlehren.

Schülerinnen und Schülern Berufe näher zu bringen, das ist das Ziel der jährlichen Berufsmesse der Oberstufe Wädenswil.

Schülerinnen und Schülern Berufe näher zu bringen, das ist das Ziel der jährlichen Berufsmesse der Oberstufe Wädenswil. Bild: André Springer

Heizungsinstallateurin, Informatiker, Köchin: Diese und 46 weitere Berufe wurden an der Berufsmesse der Oberstufe Wädenswil und Richterswil am Samstag vorgestellt. Viele Jugendliche und Eltern besuchten den Anlass im Schulhaus Rotweg in Wädenswil.

Die zwei Wädenswiler Sekundarlehrer Christian Gut und Thomas Alpiger sind seit mehreren Jahren an der Organisation der Messe mitbeteiligt. Die Schülerinnen und Schüler auf die Berufswahl vorzubereiten gehört zu ihrem Beruf dazu. «Mit dem neuen Lehrplan 21 ist in der zweiten Sekundarstufe pro Woche eine Stunde für die Berufswahl eingeplant», sagt Christian Gut. In der ersten Hälfte des Schuljahres sollen die Jugendlichen mit Hilfe von Persönlichkeitstests, sowie in Gesprächen herausfinden, was sie interessiert, wo ihre Stärken und Schwächen liegen. Von Ende Februar bis zu den Sommerferien werden Lebensläufe und Bewerbungsschreiben verfasst und das konkrete Angebot auf dem Arbeitsmarkt abgetastet. «Und das geht am besten über Schnupperlehren», erzählt Thomas Alpiger.

Keine Kapazität

Bei einer Schnupperlehre verbringen die Schüler einige Tage in einem Betrieb und bekommen so einen direkten Einblick in den Job. In gewissen Branchen ist es jedoch immer üblicher, dass diese Schnuppertage gar nicht mehr im potentiellen Lehrbetrieb stattfinden.

«Mit dem Lehrplan 21 ist in der zweiten Sekundarstufe pro Woche eine Stunde für die Berufswahl eingeplant.»Christian Gut, Sekundarlehrer in Wädenswil

Auch die Firma u-blox aus Thalwil bekommt solche Anfragen für Schnuppertage im KV- und Informatik-Bereich des Unternehmens. «Das Interesse an unserem Betrieb freut uns sehr», sagt Peter Fuchs, HR-Chef des Standorts Thalwil. Dem Wunsch nach Schnupperstellen direkt bei ihnen könnten sie aber nicht erfüllen: «Was für einen Aufwand an Zeit und Personal es für ein Unternehmen bedeutet, wenn man einem Jugendlichen einen vollständigen Einblick in einen Beruf ermöglichen will, wird unterschätzt». u-blox verweist die Jugendlichen jeweils an das regionale Ausbildungszentrum Au (Rau).

Schnuppern im Verbund

Der Lehrlingsverbund arbeitet mit 60 Unternehmen aus der Region zusammen, die bestimmte Ausbildungsaufgaben auslagern wollen. Das Rau begleitet oder übernimmt auch einen Teil des Rekrutierungsprozesses und führt ein-bis zweitägige Schnupperlehren im Ausbildungszentrum durch. «Wir informieren die Schüler über den jeweiligen Beruf, sie können in unseren Berufsfeldern einen Eindruck in die Arbeitswelt erhaschen und praktische Erfahrungen sammeln. Unsere Lernenden betreuen die Schüler und beantworten ihnen gerne die vielen Fragen», erzählt Alex Weingart, Geschäftsführer vom Rau. «Hat ein Jugendlicher dann Gefallen an dem Beruf gefunden, kann er sich bei einer unserer Partner-Firmen oder im Rau für die Lehre bewerben».

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Vorsondieren beim Infotag

Doch wie kann entschieden werden, ob ein Jugendlicher zu einem Unternehmen passt, wenn er nie vor Ort war? «Ab dem Prozess der konkreten Einstellungsgespräche im Lehrbetriebsverbund sind die jeweiligen Vertreter der Unternehmen beim Bewerbungsgespräch dabei» sagt Alex Weingart. Berufe wie beispielsweise der Dauerrenner KV könne man ausserdem auch nicht vollständig kennenlernen, wenn man zwei, drei Tage in einem Büro verbringt. «Viele dieser Arbeiten erfordern ein intensives Einarbeiten und Vorwissen, das in der kurzen Zeit einer Schnupperlehre nicht erlangt werden kann», erzählt Weingart.

«Auf drei ausgeschriebene Informatik-Stellen kommen über hundert Bewerbungen.»Alex Weingart, Geschäftsführer vom Rau

Im Informatik Bereich sei es nach wie vor so, dass das RAU von Bewerbern überrannt wird. «Auf drei ausgeschriebene Informatik-Stellen kommen über hundert Bewerbungen», erzählt Weingart. Mit Eignungstests und praktischen Prüfungen während der Schnuppertage kann das Rau die geeignetsten Kandidaten für die Stellen finden. Für das Unternehmen u-blox funktioniert diese Zusammenarbeit, sagt Peter Fuchs: «Seit vier Jahren rekrutieren wir unsere Lehrlinge auf diesem Weg und haben bisher nur gute Erfahrungen gemacht.»

Praktische Erfahrungen

Dass Informationanlässe immer öfters Schnuppern im Unternehmen ersetzen, wissen auch die beiden Lehrpersonen Thomas Alpiger und Christian Gut. «Aus Sicht der Unternehmen können wir natürlich nachvollziehen, dass es leichter ist, den passenden Lehrling zu finden, wenn eine Vorselektion bereits getroffen worden ist», meint Alpiger. Finden diese Informationstage in dem Rahmen statt, wie sie die Rau anbietet, können die Jugendlichen auch auf diese Art praktische Erfahrungen im Beruf sammeln. Nur sei das nicht immer der Fall.

Gerade im KV Bereich käme es immer öfters vor, dass Arbeitgeber sich darauf beschränken, die Interessenten durch das Unternehmen zu führen. «Doch damit die Jugendlichen feststellen können, ob ihnen ein Beruf auch wirklich liegt und nicht nur auf dem Papier gefällt, müssen sie auch vorab praktische Erfahrungen sammeln können», sagt Gut. Das verringere das Risiko eines späteren Lehrabbruchs.

(Nina Graf) (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.02.2019, 15:26 Uhr

Nachgefragt

«Die Lehrstellenwahl hat auch mit der persönlichen Chemie zu tun»

Bruno Ehrenberg, sie beraten täglich Jugendliche auf dem Weg der Berufswahl: wie findet man heraus, welcher Beruf der richtige ist?

Da gibt es unzählige Möglichkeiten: seien es Gespräche mit Freunden, Familie und den Fachleuten der Berufsberatung, mit Tests, Infoveranstaltungen, Berufsbesichtigungen, Schnupperlehren und der Vorbereitung in der Schule.

Wie wichtig sind Schnupperlehren in diesem Prozess?

Schnuppern ist eine einmalige Gelegenheit Einblick in einen Beruf zu erhalten. Doch man sollte nicht willkürlich irgendeinen Betrieb auswählen, sondern gezielt schnuppern. Ich rate den Jugendlichen, die Schnupperlehre auch zu nutzen, um den geeigneten Lehrbetrieb zu finden.

Das bedeutet?

Das heisst wenn möglich bei zwei verschiedenen Unternehmen im selben Beruf zu schnuppern. So kann man vergleichen, an welchem Ort man besser dazupasst. Die Lehrstellenwahl hat nicht nur mit der beruflichen Tätigkeit, sondern immer auch etwas mit der persönlichen Chemie zu tun.

In welchem Umfang empfehlen Sie Schnuppertage und wann ist der geeignete Moment?

Die Länge sollte dem Ziel des Schnupperns entsprechen. Kommen noch mehrere Berufe in Frage, ist kürzeres Schnuppern angesagt, geht es nur noch um die Entscheidung zwischen zwei Berufen, sollte man sich mehr Zeit nehmen. Zudem bietet nicht jeder Beruf längere Schnupperlehren an. Der beste Zeitpunkt ist ab Januar des zweiten Sekundarjahrs.

Ist die Berufswahl für die Jugendlichen eine Stresssituation?

Eine Herausforderung ist es bestimmt. Und das ist ganz normal, denn die wenigsten 14 bis 15-Jährigen wissen von Anfang an, in welchem Bereich sie arbeiten wollen. Für den Grossteil ist die Berufswahl ein Prozess, der manchmal Spass macht und manchmal auch frustrierend ist.

Und wann kann es zu Problemen kommen?

Die Berufswahl gestaltet sich dann schwierig, wenn die Jugendlichen in ihren Zukunftswünschen weit weg sind von konkreten Lehrberufen. Wenn sie sagen, sie wollen etwas mit Geschichte oder Gamen machen, oder Influencer werden. Aber auch wenn die eigenen Fähigkeiten falsch eingeschätzt werden und die Berufswahl rein nach Interesse gesteuert wird, kann es zu Enttäuschungen kommen. Wichtig ist es, das eigene Interesse und Talent mit den Anforderungen des Arbeitgebers abzugleichen.



Bruno Ehrenberg (60), Leiter des Berufsinformationszentrum (Biz) Meilen.

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