Wanderserie

Verborgene Zeitzeugen entdecken

Die vierte Etappe rund um den Zürichsee hat es in sich. Sie ist die längste, führt auf einen unscheinbaren Berg, und zwischen Pfäffikon und Schmerikon finden sich mehrere historische Kleinode, die einen Abstecher wert sind.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer nicht lückenlos einmal um den Zürichsee gewandert sein will, kann sich heute die ersten drei Kilometer sparen. Es bleiben immer noch 20 Kilometer, die in die Beine gehen. Vom Bahnhof Pfäffikon bis zur Bahnstation Altendorf führt der Weg nämlich durch ein Industriegebiet, dann folgt ein schmaler Weg: Rechts die Bahn, links Villen. Also lieber erst in Altendorf starten. Dort wartet schon nach wenigen Schritten ein Bijou: Die Seestatt. Die Urzelle der Gemeinde am Schiffsteg mit wunderschönen alten Häusern besitzt ein Ortsbild von nationaler Bedeutung. Wer hat das schon gewusst? Der Autor nicht, also auf zur nächsten Überraschung.

Das Häuserensemble der Seestatt Altendorf ist eines der versteckten Bijoux auf dieser Wanderetappe. Foto: Christian Dietz-Saluz

Nach einer gemütlichen halben Stunde ist Lachen erreicht. Die Kirche mit den zwei Zwiebeltürmen ist unverkennbar, aber die versteckte Trouvaille steht am rechten Eck der Hafenmole. Sie ist sechseckig, rund 70 Zentimeter hoch und heisst Trüller. Es ist ein Schand- oder Lasterstein, ein Zeuge des Justizwesens vor Hunderten von Jahren. Tagediebe, Schelme und Betrüger wurden darauf zur öffentlichen Schmähung gestellt. Der Pranger diente gemäss geschichtlicher Überlieferung auch zur Ergötzung des Volks. Früher stand er vor Lachens Rathaus, nach dem Hochwasser von 1876 hatte er ausgedient und wurde an den heutigen Standort versetzt.

Ein Journalist am Pranger: Der Autor sitzt auf dem Trüller, dem Schandstein für Betrüger und Schelme in Lachen. Video: Sabine Rock

Wer mit leerem Rucksack wandert, findet am Lachner Hafen genügend Möglichkeiten zur Einkehr. Das bietet keine halbe Wanderstunde später auch das Flugplatzbeizli in Wangen, vor allem für Aviatikfans eine schöne Abwechslung. Nochmals eine halbe Stunde später ist Nuolen erreicht. Die mehrmaligen rechtwinkligen Abzweigungen entlang der Feldgrenzen sind übrigens wie auf der gesamten Strecke stets gut beschildert.

In Nuolen lohnt sich für die Freunde der historischen Schifffahrt ein Abstecher in den Jachthafen Kiebitz. Auf dessen Grund liegt seit 1964 der Rumpf des einst grössten und schönsten Raddampfers der Schweiz. Das Dampfschiff Helvetia erfuhr hier sein unrühmliches Ende, nachdem es bereits 1959 ausrangiert worden war und später als Restaurantschiff vergammelte, bis es in Nuolen abgewrackt wurde. Zu sehen ist leider nichts mehr, aber auf einer kleinen Insel im Hafen ist eine Gedenktafel über der Stelle angebracht, wo die Rumpfschale des einstigen Stolzes vom Zürichsee ruht.

Im Jachthafen von Nuolen erinnert eine Gedenktafel an die Endstation des einst grössten Dampfschiffs vom Zürichsee. Foto: Christian Dietz-Saluz

Wer nicht einen Abstecher ins Klubhaus der Golfanlage Bubental geplant hat, lebt jetzt ganz aus dem Rucksack. Denn nun folgen über zweieinhalb Stunden in der Natur. Ausgangs Nuolen verlässt der Wanderweg 84 das Siedlungsgebiet, und es geht steil den Buechberg hinauf. Links säumen Reben, rechts ein Golfplatz den zuerst asphaltierten, später kiesigen Pfad. Dann zweigt der Weg links ab in den dichten Wald. Bis zur Lichtung fast am Gipfel und nach fast 250 Höhenmetern ab See dauert es auf dem schmalen, steilen Waldpfad gut eine halbe Stunde, die einiges an Kondition abverlangt.

Umso mehr erstaunt, was hier oben auf die Wanderer wartet: Neben einem grossen Picknickplatz mit Feuerstelle hat die Genossame Wangen einen Parcours aus Baumstämmen gebaut. Über die kann man balancieren, springen, klettern und so seine Geschicklichkeit und Bewegungskoordination testen – wer noch nicht genug Bewegung hatte.

Der Höhengrat des Buechbergs gibt einen kurzen Ausblick auf den Obersee frei. Foto: Christian Dietz-Saluz

Jetzt folgt der lange Abstieg vom Buechberg. Zuerst veranschaulicht er nochmals seine Höhe von 631 Metern, indem er den Blick über die ganze Linthebene freigibt. Der Wald spendet Schatten und begeistert durch seine Urwüchsigkeit. Fast ganz unten steht wieder Historisches am Weg. Imposante Bunker zeugen von der Materialschlacht im Zweiten Weltkrieg. Innerhalb weniger Monate wurde die Ostflanke des Buechbergs zur unterirdischen Festung ausgebaut.

Von hier aus hätten Kanonen- und Maschinengewehrstellungen Invasoren aufhalten sollen – zusammen mit der zweiten Verteidigungsstrategie: Die Flutung der Linthebene durch den Walensee. So weit ist es zum Glück nie gekommen. In den Siebzigerjahren wurde die Anlage desarmiert, seit den Neunzigerjahren darf man sie auch fotografieren und (auf Anmeldung) besuchen.

Die Ostflanke des Buechbergs ist gespickt mit Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg zum Schutz gegen Invasoren. Foto: Christian Dietz-Saluz

Kaum aus dem Wald steht man schon vor der nächsten Festung: Dem Schloss Grynau, einer mittelalterlichen Burg, die über die Kantonsgrenze an der Linth wacht. Noch auf Schwyzer Boden lockt das Restaurant zur Einkehr, ennet der Brücke ist St. Gallen. Das Etappenziel Schmerikon ist nur noch zwei Kilometer entfernt. Der Endspurt führt in mehreren, erneut gut markierten Abzweigungen durch das Naturschutzgebiet der Schmerkner Allmeind. Spätestens jetzt ist die Stärkung verdient – sei es im schmucken Dorf oder direkt am See im Pier 8716.

Das Ende der rund sechsstündigen Wanderung ist erreicht – zugleich der Beginn des Zürichsees. Von hier fliesst er träge 42 Kilometer westwärts bis er sich in die Limmat verabschiedet.

Text: Christian Dietz-Saluz, Bilder: Christian Dietz-Saluz / Sabine Rock, Infografik: Martin Steinegger

Erstellt: 02.08.2019, 13:09 Uhr

Serie

Wandern um den See

Die ZSZ wandert: Wir schicken Redaktoren vom rechten Seeufer auf die linke Seeseite, während Redaktorinnen vom linken Ufer die rechte Seite erkunden – abseits ihrer sonst üblichen Wege. In acht Etappen geht es auf der Route 84 um den Zürichsee. Heute: Etappe 4 von Pfäffikon nach Schmerikon.

Der Zürichsee-Rundweg zum Nachwandern:
Route auf Google Maps ansehen (auch auf Mobilgeräten möglich).
Als GPX-Datei für GPS-Geräte oder Apps (keine Garantie für Kompatibilität mit Ihrem Gerät). (red)

Artikel zum Thema

Wandern rund um den Zürichsee

ZSZ-Sommerserie Die Mitarbeitenden der «Zürichsee-Zeitung» erkunden in ihrer Sommerserie die Region neu und begeben sich auf den Zürichsee-Rundweg. Hier gibts die Etappen in der Übersicht. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.