Zürichsee

Unterhalb von 80 Meter Tiefe ist der Zürichsee so gut wie tot

Timothy Alexander hat die Untersuchungen der Eawag im Zürichsee bei Projet Lac geleitet. Im Interview erklärt der Forscher, wie Klima, Wasserqualität, Tiefe, Uferraum und Fischbestand zusammenhängen.

Senken den Sauerstoffgehalt: Burgunderblutalgen im Zürichsee. Anders als im Walensee oder im Genfersee trifft man im Zürichsee ab 80 Meter Tiefe auf keine Fische mehr.

Senken den Sauerstoffgehalt: Burgunderblutalgen im Zürichsee. Anders als im Walensee oder im Genfersee trifft man im Zürichsee ab 80 Meter Tiefe auf keine Fische mehr. Bild: Symbolbild/Christian Dietz

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Welche sind die wichtigsten Erkennt­nisse über den Zustand des Zürichsees?
Timothy Alexander: Der wich­tigste Beitrag des Berichts Projet Lac zum Zürichsee ist, die Bedrohung des Fischbestands im Zusammenhang mit dem Klimawandel und der Zuwanderung von fremden Arten zu erhellen. Das Wasser an der Oberfläche wärmt sich im Untersee rapide auf. Mildere Winter verursachen eine schwächere und weniger tief­ gehende Wasserdurchmischung. Das reduziert die Menge der nach oben steigenden Nährstoffe im Frühling. Nebenbei erhöht die schwächere Wasserdurchmischung die Konzentration der Burgunderblutalge.

Was heisst das für die Fische?
Im Untersee gibt die Abwesenheit von Fischen in den tiefen Stellen Anlass zur Sorge. Und der hohe Anteil von standortfremden Fischen wie Kaulbarsch im Obersee und Untersee sowie Sonnenbarsch im Untersee ist unnatürlich. Diese beiden eingeschleppten Arten kommen in vielen ande­ren Alpenrandseen vor, aber so dicht verbreitet wie im Zürichsee sind sie nirgendwo. Umgekehrt haben wir im Untersee keine Seesaiblinge gefunden, im Obersee keine Forellen. Bestenfalls sind diese heimischen Fischarten nur noch in sehr kleiner Zahl vorhanden.

Gibt es auch positive Resultate?
In Zusammenarbeit mit der Fisch-Genforscherin Philine Feul­ner fanden wir drei Felchenarten im Obersee: Albeli, Schweber und Sandfelchen. Das ist erfreulich, weil wir vom Schweber glaubten, dass er bereits ausgestorben ist.

Welcher Alpenrandsee ist dem Zürichsee am ähnlichsten?
Der Walensee – viele Fischarten kommen in beiden Seen vor.

Wie Fischer gingen die Forscherinnen und Forscher bei der Arbeit oft vor. Bild: Naturhistorisches Museum Bern.

Wo ist der Zürichsee einzigartig?
Im Prinzip ist jeder Alpenrandsee für sich einzigartig. Sein Ökosystem ist Resultat aus einer Kombination von Fläche, Tiefe, Form und Verbindung mit anderen Gewässern. Von den Fischarten her ist der Zürichsee nur mit dem Walensee vergleichbar. Historisch beherbergten die beiden Seen die gleiche Felchenvielfalt. Der Schweber ist jedoch in beiden Seen Mitte des letzten Jahrhunderts verschwunden. Im Zürichsee konnten wir nun feststellen, dass er doch nicht ausgestorben ist. Interessant ist aber auch, dass im Obersee Bartgrundeln leben, die es in solch grosser Zahl sonst nur im Neuenburgersee gibt.

Unterscheidet sich der Zürichsee auch im Wasserzustand von ande­ren Schweizer Seen?
Ja, es gibt einige negative Aspekte, die besonders stark im Zürichsee ausgeprägt sind. Die Burgunderblutalge kommt zwar in vielen Seen vor, aber es scheint, dass sie vor allem im Zürichsee ein Problem ist.

Weshalb ist sie ein Problem?
Die Burgunderblutalge nimmt anderen Organismen Nährstoffe weg. Sie ist giftig, daher kann dieses organische Material von Zooplankton nicht einfach umgewandelt werden und geht im Nahrungskreislauf verloren. Das organische Material der Burgunderblutalge endet als Sediment im See, wo es den Sauerstoff­man­gel verstärkt. Die Verbreitung der Burgunderblutalge könnte im Spätherbst im Untersee verantwortlich sein für die im Vergleich zu anderen Seen ab 25 Meter ­Tiefe grössere Zone mit geringem Sauerstoffgehalt des Wassers. Aus­ser­dem breitet sich die sauerstoffarme Zone im Untersee schneller aus als in anderen grossen Alpenrandseen.

Wie kommt es zu dieser sauerstoffarmen Zone?
Die Tiefenschichten des Sees vermischen sich nicht vertikal. Damit das passieren kann, braucht es im Winter ungefähr gleiche Wassertemperaturen an der Seeoberfläche bis zum Grund. Wir sprechen von Homothermie. Temperaturunterschiede wirken sich wie eine Barriere aus, weil wärmeres Wasser leichter ist und wie ein Deckel auf dem kühleren Wasser liegt – schon zwei Grad Unterschied genügen. Ausserdem braucht es an der Oberfläche Winde, um die Vermischung zu verstärken. Der Zürichsee benötigte daher im Winter, besonders von Januar bis März, kälteres Wetter.

Sie unterscheiden zwischen Untersee und Obersee. Wovon hängen diese Unterschiede ab?
Die beiden Seeteile unterscheiden sich in Fläche, Tiefe und Form des Seebeckens. Das wirkt sich stark auf die Lebensräume, die Nährstoffe und die Bewegung des Wassers durch den See aus. Dies wiederum beeinflusst die Anzahl Fischarten und die Grösse ihrer Population.

Am Untersee ist viel mehr Ufer verbaut als am Obersee: Hat die Uferbeschaffenheit einen Einfluss auf den Fischbestand?
Uferzonen besitzen mehrere wichtige Funktionen für die Fischarten in einem See. Sie sind Fluchtort vor Raubfischen, bieten einigen Arten Nahrung, wärmeres Wasser für schnelleres Wachstum und dienen als Laichplätze. Der hohe Anteil von eingewanderten fremden Fischarten könnte in Verbindung gebracht werden mit den vielen künstlichen Uferlinien am Zürichsee. Tatsache ist, dass abwechslungsreiche und naturnahe Uferzonen eher den Fischartenreichtum fördern.

Muss der Bereich von unterhalb 80 Meter im Untersee als «biologisch tot» bezeichnet werden, wie es die Studie andeutet?
Fische haben wir dort unten ­keine mehr gesehen. Wir wissen aber nicht, ob dort noch wirbel­lose Kleintiere wie Flohkrebse oder Insektenlarven vorkommen. Die Situation mit Sauerstoff lässt aber vermuten, dass es bei ihnen gleich aussieht wie bei den Fischen.

Gibt es im Zürichsee überhaupt Fischarten, die tiefer als 80 Meter leben könnten?
Ja, wenn die Umstände in der Tiefe­ ihnen passen würden. Im Walensee tauchen Felchen bis zum tiefsten Punkt auf 150 Meter ab. Wir fanden Trüschen im Genfersee auf 300 Meter, Groppen im Vierwaldstättersee in über 200 Metern.

Was heisst diese «tote Tiefe» für das Ökosystem des Zürichsees?
Der eingeschränkte Lebensraum bedeutet, dass der See eine geringere Artenvielfalt aufweist und weniger produktiv ist.

Kann Projet Lac helfen, Fehlentwicklungen­ im Zürichsee zu korrigieren?
Diese Untersuchung dient als Beobach­tungswerkzeug. Der grösste Wert von Projet Lac liegt daher in der Zukunft, wenn mit wiederholten Beobachtungen erkannt­ wird, wie der See sich mit der Zeit verändert.

Welche Prognose stellen Sie?
Wenn die Klimaerwärmung sich wie bisher fortsetzt, werden die sauerstoffarmen Zonen im See weiter wachsen. Damit verkleinert sich der Lebensraum für Fische­ und Wasserorganismen. Auch das Problem mit der Burgunderblutalge wird sich verschärfen. Die Wiederherstellung von abwechslungsreichen und naturnahen Uferzonen würde helfen, den Artenreichtum und die Population von heimischen Fischen zu erhöhen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 02.05.2018, 09:02 Uhr

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