Zürichsee

«Unsere Seen sind keine Fischzuchtanstalten»

Der Laichfischfang im Zürichsee stösst Rolf Schatz sauer auf. Der Präsident einer ökologisch ausgerichteten Vereinigung von Hobbyanglern vergleicht ihn mit einer für die Natur schädlichen Intensiv-Landwirtschaft.

In der Fischzuchtanstalt in Stäfa werden die Jungfische gezüchtet, die später im Zürichsee ausgesetzt werden.

In der Fischzuchtanstalt in Stäfa werden die Jungfische gezüchtet, die später im Zürichsee ausgesetzt werden. Bild: Moritz Hager

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Beim Laichfischfang wird aus den Eiern und der Milch von weiblichen und männlichen Fischen in der Fischzuchtanstalt in Stäfa eine Brut angelegt. Ein paar Wochen später werden Millionen Jungfische ausgesetzt. Was stört Sie daran?
Rolf Schatz: Mich stört primär, dass in dieser Zeit gar nicht gefischt werden darf. Dann ist Schonzeit. Es wird auch suggeriert, dass die Berufsfischer gratis für den Kanton arbeiten. Fakt ist, dass die sie die gefangenen Fische nach dem Abstreifen des Laichs verkaufen können. Sie haben auch noch Beifang in den Netzen, den sie verwerten können.

Ihre Kritik zielt auf die kantonale Fischereiverwaltung. Was konkret bemängeln Sie ?
Der Betrieb der Fischzuchtanstalt in Stäfa kostet weit über eine Million Franken im Jahr. Der überwiegende Teil wird für die Felchenzucht verwendet ohne zu wissen, ob diese Massnahme etwas bringt. In der Landwirtschaft wäre es unvorstellbar, ohne wissenschaftliche Begleitung dermassen in die Natur einzugreifen. Es geht um 60 bis 100 Millionen Jungfelchen, die jedes Jahr ausgesetzt werden.

Wie sollte diese wissenschaftliche Begleitung aussehen?
Es braucht ein gross angelegtes Monitoring für Felchen, wie schon am Genfersee gemacht. Aber das kostet viel Geld. Andererseits gibt man heute schon jedes Jahr viel Geld für die Zucht aus ohne zu wissen, was es bringt. Besser wäre es daher einmal festzustellen, ob die künstliche Belaichung sinnvoll ist.

Was erhoffen Sie sich von der Forschung?
Beim Hecht hat man herausgefunden, dass die Zucht nichts bringt. Beim Felchen will man das offenbar nicht feststellen. Da will sich der Kanton nicht die Finger verbrennen. Das erinnert an die Angst der Politiker vor den Landwirten. Für mich ist das ein mangelnder Wille, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Und das ist das Gefährlichste für unsere Gewässer.

Befürchten Sie nicht, dass der Bestand an Felchen, dem Brotfisch vom Zürichsee, ohne Laichfischfang zu klein würde?
Unsere Mittellandseen sind eigenständige Systeme, in die der Mensch nicht eingreifen sollte. Bei den Egli hat man ja auch gemerkt, dass der Mensch keinen Einfluss hat auf den Bestand. Darum setze ich ein Riesenfragezeichen zum Felchen.

Weshalb?
Die Natur hat Zyklen. Das ist ganz normal. Die Natur denkt voraus. Das hat die Trockenheit des letzten Jahres bewiesen. In solch einer Krise dezimieren sich die Populationen gewisser Fischarten. Danach setzt eine genetische Bereinigung ein, weil der Nachwuchs von jenen Tieren stammt, die stark genug waren, die Krise zu überleben. Wichtig ist hier, dass die Gewässer, insbesondere die Fliessgewässer, wieder vernetzt werden, damit die Fische selber zurückkehren können.

Für Berufsfischer können solche Krisen existenzbedrohend sein.
Ja, weil der Berufsfischer wie ein intensiv produzierender Bauer denkt: Er möchte jedes Jahr gleich viel ernten. Die Natur funktioniert aber nicht nach dieser Logik. Darum üben die Berufsfischer über den Kanton einen Reproduktionsdruck auf die Felchen aus. Ich halte das für falsch. Denn wenn ein Bestand auf hohem Niveau plafoniert wird, kann der Fischtamm insgesamt geschwächt werden.

Der Laichfischfang wird vom Kanton gerechtfertigt, weil mit der Besiedlung des Seeufers den Fischen Laichplätze genommen wurden. Warum lassen Sie dieses Argument nicht gelten?
Die Wasserqualität im Zürichsee hat sich massiv verbessert. Die Bodenbeschaffenheit ist vielerorts schlammfrei. Wir von der IG «Dä Neu Fischer» gehen daher davon aus, dass eine ansprechende Naturverlaichung stattfinden kann. Selbst wenn die Biomasse abnimmt, nimmt dafür die Artenvielfalt zu. Das ist aber nicht im Sinne der Berufsfischer. Ihnen kommt es nur auf wenige Arten an. Die Natur ist jedoch auf die Ausgewogenheit bedacht, nicht auf die Massenproduktion weniger Arten. Unsere Seen sind auch keine Fischzuchtanstalten sondern natürliche Gewässer und Trinkwasserspeicher.

Sie kritisieren auch ein Missverhältnis bei den Gebühren für die Fischerpatente. Warum?
Die gesamten Patenteinnahmen am Zürichsee liegen bei rund einer Million Franken. Alle Berufsfischer zusammen erbringen davon aber nur gerade etwa 5 Prozent. Die restlichen 95 Prozent werden von den Hobbyanglern bezahlt. Die Berufsfischer tragen also einen lächerlichen Beitrag zum Budget der Fischereiverwaltung bei. Bei den begehrten Fischarten wie Egli, Hecht, Seesaibling, Seeforellen und Felchen werden aber zwischen 65 und über 80 Prozent der Fische von den Berufsfischern entnommen.

Als Landei erhält man den Eindruck, auf dem See herrscht ein Fischerkrieg. Woher stammt diese Konfrontation?
Mir ist es eigentlich egal, wer wie viele Fische fängt. Aber das Teilen ist nicht immer einfach, wenn die Chancen ungleich verteilt sind. Wer als Hobbyangler schon mit dem Boot geschleikt hat (Schlepphaken an der Leine; Anmerkung der Redaktion), kommt fast immer den Netzen der Berufsfischer in die Quere. Es liegen enorme Netzlängen im Zürichsee, die bewilligt sind. Wir erachten auch die Zahl der Berufsfischer als zu hoch. Unserer Meinung nach sollte nur noch dem Familiennachwuchs ein Nachfolgepatent erteilt werden. Das ergäbe eine sanfte Reduktion.

Zählt für Sie das Freizeitvergnügen mehr als die Existenz von Dutzenden Menschen, die vom Fischfang im Zürichsee leben?
Darum geht es nicht. Wir sind gegen ein landwirtschaftliches Denken beim Fischen. Unsere Seen sind keine landwirtschaftlichen Nutzzonen, vor allem nicht für eine intensive Befischung.

Rolf Schatz (55) ist Präsident der IG Dä Neu Fischer. Deren rund 400 Mitglieder setzen sich ein für eine nachhaltige Fischerei und die ökologische Bewirtschaftung der Gewässer. Schatz ist Gemeinderat (GLP) in Langnau.

Erstellt: 18.01.2019, 16:28 Uhr

«Das erinnert an die Angst der Politiker vor den Landwirten»: Rolf Schatz, Präsident IG Dä neu Fischer, Langnau.

Fischereiadjunkt nimmt Stellung zur Kritik am Laichfischfang

Kanton hat Forschungsprojekt zum Laichfischfang gestartet

Die Natur ist ein besserer Geburtshelfer als der Mensch. Das sagt Lukas Bammatter, Fischereiadjunkt des Kantons Zürich. Dies obschon in der Fischzuchtanstalt in Stäfa jedes Jahr zwischen 50 und 70 Millionen Felcheneier ausgebrütet werden. «Das ist um ein Vielfaches weniger als die Menge an Eiern, die natürlich im See abgelaicht werden», sagt er. Alleine die erwachsenen Felchen, welche die Berufsfischer in einem Jahr entnehmen würden, konnten im Jahr davor bis über zwei Milliarden befruchtete Eier im See ablegen.

Den Einfluss des Felchenbesatzes möchte die Fischerei- und Jagdverwaltung nun wissenschaftlich untersuchen lassen. «Wir haben letztes Jahr ein langfristiges Projekt gestartet», sagt Bammatter. Mit ersten Ergebnissen sei in rund vier Jahren zu rechnen.

Fünfjähriges Projekt

Für diese wissenschaftliche Erhebung wird etwa rund die Hälfte der zu besetzenden Jungfische mit einem Farbstoff markiert. Dieser bleibt auf den Gehörsteinchen, den sogenannten Otolithen, über viele Jahre nachweisbar. «Wir werden die Farbmarkierungen bei zwei Besatz-Jahrgängen anbringen und später bei den ein- und dreijährigen Albeli und Felchen den Anteil markierter Individuen überprüfen», sagt Bammatter. Daher würden die Untersuchungen insgesamt über rund fünf Jahre laufen.
Die Gesamtkosten für diese Untersuchungen belaufen sich auf rund 160 000 Franken. Sie werden durch die Zürichsee-Anrainerkantone Schwyz, St. Gallen und Zürich getragen.

Stürme schaden Laich

Die Kritik, wonach sich die Felchenpopulation auch ohne Laichfischfang auf natürlichem Weg regulieren würden, lässt der Fischereiadjunkt nicht gelten: «Das ist eine These, für die es keinerlei fundierte Grundlagen gibt.» Die Fischerei- und Jagdverwaltung gehe davon aus, dass die Verlaichung auf natürlichem Weg nur teilweise und an gewissen Stellen funktioniere. Dafür sprechen unter anderem Feststellungen der Fischereifachstelle in früheren Jahren, wonach sowohl bei den Albeli als auch bei den Felchen ein positiver Zusammenhang zwischen der Menge an ausgesetzten Jungfelchen und den Fängen bestehe. «Wir konnten zudem feststellen, dass extreme Wetterereignisse, wie zum Beispiel starke Stürme während oder kurz nach der Laichzeit, zu Ausfällen in der natürlichen Reproduktion führen können», erklärt Bammatter. Diese könnten mit dem Besatz im Frühling bis zu einem gewissen Masse aufgefangen werden. «Vom Greifen- und Pfäffikersee wissen wir, dass der Felchenbestand nur durch unseren Besatz erhalten wird.»

Fische für alle

Durchschnittlich werden pro Jahr rund 8000 Patente an Sportfischer verkauft. Dem stehen elf Berufsfischer-Pachten gegenüber. «Für uns ist nicht entscheidend woher die Einnahmen kommen», sagt der Adjunkt. Als wichtiger erachtet die kantonale Fischereiverwaltung, dass es jeder und jedem ermöglicht wird, durch den Patentkauf die Fischerei ausüben zu können. «Und dass auch diejenigen, die keinen Bezug zur Fischerei haben, in einem Zürcher Restaurant frischen Fisch aus lokalem Fang geniessen könnten», fügt Bammatter an.

Dass der Kanton seine Regelungen zur Fischerei auf die Interessen der Berufsfischer ausrichte, wie dies die Vereinigung Dä neu Fischer von Präsident Rolf Schatz moniere, verneint er. Zwar gebe es getrennte Regelungen bei der Ausübung der Fischerei, etwa zu den erlaubten Gerätschaften oder Einsatzzeiten. In erster Linie sicherten diese jedoch eine nachhaltige Fischerei, wie sie der Bund vorschreibt.

Für Bammatter sollen die Regelungen aber auch für ein möglichst reibungsloses Nebeneinander von Sport- und Berufsfischer sowie weiteren Freizeitsuchenden sorgen. «Das ist auf einem derart stark frequentierten Gewässer wie dem Zürichsee unumgänglich.»

Christian Dietz-Saluz

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