Wädenswil

Ungarische Hunde schnuppern Zürichsee-Luft

Animal-Happyend verhilft herrenlosen Hunden aus dem Ausland zu einem Zuhause in der Schweiz. In Wädenswil nehmen Besitzer ihr neues Haustier in Empfang.

Emotionale Szenen in Wädenswil: 32 Hunde aus Ungarn werden von ihren neuen Herrchen und Frauchen in Empfang genommen.
Video: Paul Steffen

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Seit Wochen erwarten sie Familiennachwuchs – vierbeinigen. Vom Hintergrundbild des Smartphones blickt ihnen schon lange das neue Haustier entgegen. Doch die Dutzenden Hundeliebhaber müssen sich noch eine lange Stunde gedulden, bis endlich ein Transporter mit der Aufschrift«Nur adoptierte Tiere an Bord»auf den Parkplatz bei der Hundeschule in der Wädenswiler Beichlen rollt.

Im Fahrzeug mit ungarischem Nummernschild befinden sich 32 Hunde aus ebenjenem Land. In Ungarn lebten sie in einem Tierheim, davor hatten sie ein leidiges Dasein auf der Strasse gefristet. Der Verein Animal-Happyend mit Sitz in Schönenberg nimmt es sich zur Aufgabe, Hunde in Ungarn und Spanien vor Ort zu betreuen und sie anschliessend an neue Besitzer zu vermitteln. Diese finden sich vor allem in der Schweiz.

GPS am Halsband

Aus der ganzen Deutschschweiz sind nun also die neuen Besitzer angereist, um ihre zukünftigen Schützlinge abzuholen. Für die allermeisten ist es auch das erste Treffen mit dem Tier, von dem sie bisher nur ein Foto gesehen und eine kurze Charakterbeschreibung gelesen haben.

Yvonne Fiedler, die den Verein Animal-Happyend im Jahr 2006 zusammen mit Yvette Höner gegründet hat, gibt eine halbe Stunde vor der Ankunft der Tiere letzte Instruktionen. «Habt Geduld mit den Hunden, sie wissen nicht, dass für sie ab jetzt ein besseres Leben beginnt», sagt sie. Zudem erklärt sie, dass die Hunde doppelt gesichert seien bei der Übergabe: mit Halsband und Hundegeschirr. Es sei schnell passiert, dass ein ängstliches Tier die Flucht ergreife. «Die besonders Furchtsamen tragen zudem ein GPS am Halsband», ergänzte Fiedler. Dieses sei während der ersten zwei Wochen nicht abzunehmen, da die Hunde noch keinen Grund sähen, bei ihren neuen Besitzern zu bleiben.

Auf der Müllhalde gefunden

Regula Eggli ist mit ihrem Ehemann und der erwachsenen Tochter aus Bern angereist. Vor dreieinhalb Jahren hat sie schon einmal einen Hund via Animal-Happyend aus Ungarn vermittelt bekommen, den schwarzen Mischling Nuri. Dieser ist selbstverständlich auch dabei und betrachtet das Schauspiel argwöhnisch. «Nein, du musst nicht nach Ungarn zurück», redet Tochter Franca dem Hund zu. Er gehört längst zur Familie. Nun warten die Egglis auf ihren zweiten ausländischen Adoptivwelpen,ebenfalls einen Mischling, namens Harly. «Man fand ihn per Zufall auf einem Müllhaufen», erzählt Regula Eggli. Im Tierheim sei er sozialisiert worden. Aufgrund ihrer Erfahrung mit Nuri weiss sie, dass Fiedlers Appell an die Geduld besonders zu beherzigen ist. Nuri habe sich etwa direkt auf die Hauskatzen der Familie gestürzt und diese für Wochen aus dem Haus vertrieben, sagt Eggli. Gegenüber Menschen habe sich der Hund hingegen unterwürfig verhalten, er habe «gefolgt wie verrückt». Mittlerweile sei dies eher nicht mehr der Fall, ergänzt sie lächelnd. Für den Hundesport Agility, bei dem der Vierbeiner Hindernisse überwinden muss, reiche es aber aus.

«Einige Hunde sind sehr schwer zu vermitteln, besonders grosse, alte und solche mit einem schwarzen Fell.»Simone Gloor aus Hüsberg bei Uster

Auch Simone Gloor aus Hüsberg bei Uster holt einen Hund ab. Sie wird ihm aber kein endgültiges Zuhause bieten, sondern einen Pflegeplatz. «Einige Hunde sind sehr schwer zu vermitteln, besonders grosse, alte und solche mit einem schwarzen Fell», sagt sie. Wenn der Hund aber an einem Pflegeplatz in der Schweiz besucht werden könne, würden die Chance steigen, dass sich ein Zuhause für ihn finden lässt. Im Schnitt betreut Gloor die Pflegehunde an der Seite ihrer zwei eigenen Haustiere für zwei bis drei Monate. «Beim Abschied fliessen immer Tränen, auch wenn wir wissen, dass die Hunde nun endlich ein Zuhause bekommen.» Gloor hat die Mischlingshündin Clarissa, die sie heute abholt, bereits im Tierheim besucht. Sie arbeitet für Animal-Happyend und reist deswegen regelmässig nach Ungarn. «Clarissa war extrem wild», sagt Gloor. Sie erklärt sich dies dadurch, dass das jungeTier mit hellem und kurzem Fell ohne Mutter und entsprechend ohne Erziehung aufgewachsen sei. «Mein Rudel zu Hause wird sie aber schon zurechtweisen», ist sie sich sicher.

Das neue Leben beginnt

Als der Fahrer die Schiebetür des Transporters öffnet, blinzeln unzählige Augenpaare den entzückten Hundehaltern entgegen. Jedes Tier ist in einer Hundebox platziert. Fiedler ruft die Namen der Tiere nacheinander auf, die neuen Besitzer holen sie ab. Während einige Hunde schwanzwedelnd an ihren Menschen raufspringen, setzen sich andere– etwa ein kleiner mit schwarzem, struppigem Fell – erst einmal hin und betrachten die Schaulustigen in aller Ruhe. Sie müssen von den Besitzern weggetragen werden. Natürlich ist das eine oder andere Tier auch ängstlich und muss sich an die neue Situation nach der stundenlangen Fahrt gewöhnen. Sowohl die Egglis als auch Simone Gloor scheinenfröhliche Tiere ausgewählt zu haben, die sich ausgiebig streicheln lassen. Nur Mischling Nuri kann mit dem Neuen noch nicht allzu viel anfangen.

Der Transporter ist bald leer. In einigen Wochen wird ein neuer ankommen, denn die Tierheime im Ausland sind nach wie vor voll. Für 32 Hunde ist diese Zeit nun vorbei. Dem Uneingeweihten muss sich an diesem Morgen auf jenem Parkplatz ein merkwürdiges, aber herzerwärmendes Bild bieten: Dutzende Hunde, die sich im frisch geschnittenen Gras der nahe gelegenen Wiese wälzen, und ihre Besitzer, die sich voll und ganz den vierbeinigen Schützlingen widmen.

Erstellt: 03.07.2019, 12:44 Uhr

«Hunden in der Schweiz geht es sehr gut»

Vor 13 Jahren gründeten Yvonne Fiedler und Yvette Höner den Verein Animal-Happyend. Ausschlaggebend war für Fiedler damals der Besuch einer Tötungsstation in Spanien, wo eingefangene Strassenhunde mehr oder weniger ihrem Schicksal überlassen werden.

Seither setzt sich der Verein für das Wohl von Tieren in Spanien und Ungarn ein. «Im Ausland hat die Wirtschaftskrise die Problematik rund um die Tierhaltung verschärft», sagt Fiedler. Die Zahl von ausgesetzten Hunden sei stark angestiegen. In der Schweiz würden Hunde vergleichsweise sehr gut behandelt, wenige würden im Tierheim landen.

Dies liegt auch daran, dass das Bewusstsein für Tierschutz im Ausland teils kaum vorhanden sei. Animal-Happyend versucht, dem mit Aufklärungsarbeit entgegenzuwirken, etwa an Schulen. Um die Situation der Hunde vor Ort zu verbessern, hätten sie in Ungarn beispielsweise gespendete Hundehütten verteilt, erzählt Fiedler. Hinzu kommen die medizinische Erstversorgung von verletzten Hunden im Tierheim sowie Kastrationen zur Eindämmung der Hundepopulation. Das Ziel sei es, für die Tiere einen Platz ausserhalb des Heims zu finden, beispielsweise bei einer Familie in der Schweiz. Die Hunde werden dafür gechippt, geimpft, mit einem Pass ausgestattet und vermittelt. Die neuen Besitzer kostet dies 600 Franken.

Vor- und Nachkontrolle

Bis ein Interessent in der Schweiz jedoch einen Vierbeiner bei sich aufnehmen kann, durchläuft er eine Vorkontrolle, die der Verein durchführt. «Bei der Auswahl der Plätze achten wir darauf, dass Hund und Mensch profitieren», sagt Fiedler. Jacqueline Weiss, die für die Vermittlungen verantwortlich ist, nennt ein Beispiel, bei dem sie negativen Bescheid gab: «Ein 100 Prozent berufstätiges Paar aus der Stadt wollte einen bewegungsfreudigen Akita adoptieren. Das hätte schlecht zusammengepasst.» Dafür erhielten bei Animal-Happyend auch Pensionierte die Chance auf ein Haustier. Bei Schweizer Tierheimen sei dies selten der Fall, sagt Weiss. Einige Wochen nach der erfolgreichen Vermittlung erfolge eine Nachkontrolle. Stimme es für Mensch oder Tier dann doch nicht, nehme der Verein den Hund zurück.

Der Verein sucht Freiwillige. Mehr Informationen auf www.animal-happyend.ch.

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