Bezirksgericht Horgen

Übergriff im Behindertenwohnheim

Ein 54-jähriger Betreuer soll sich an einem Behinderten vergangen haben. Er bestreitet den Vorwurf. Er habe dem jungen Mann lediglich zur Selbstbefriedigung verholfen. Das Gericht verurteilt ihn dennoch wegen Schändung.

Im Wohnheim gilt: Berühren verboten, wenn es um sexuelles Verlangen geht. Der Betreuer, der sich vor dem Bezirksgericht Horgen (Bild) verantworten musste, ignorierte diese wichtige Regel.

Im Wohnheim gilt: Berühren verboten, wenn es um sexuelles Verlangen geht. Der Betreuer, der sich vor dem Bezirksgericht Horgen (Bild) verantworten musste, ignorierte diese wichtige Regel. Bild: Symbolfoto: Getty Images / iStockphoto

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Tatort ist ein Behindertenwohnheim im Bezirk Horgen Ende 2018. Ein Mitarbeiter öffnet schwungvoll eine angelehnte Zimmertür. Er erwischt in flagranti einen 54-Jährigen, der bei einem Bewohner Hand angelegt hat. Gemäss dem Zeugen sollen beide Männer Erektionen gehabt haben. Der Betreuer habe gerade noch die Badehose hochgezogen, als sein Kollege das Zimmer betreten habe. Angeblich soll der 54-Jährige seinen Kollegen gebeten haben, ihn nicht bei der Heimleitung zu melden. Doch genau das tut dieser.

Der Leiter handelt schnell: Der Betreuer, der 16 Jahre im Wohnheim gearbeitet hat, wird fristlos entlassen. Selbst wenn der Beschuldigte nicht seine eigenen Bedürfnisse befriedigt haben sollte, hat er sich über sämtliche Regeln hinweggesetzt.

Denn drückt ein Bewohner den Wunsch nach sexueller Befriedigung aus, dürfen Betreuer auf keinen Fall selber helfen. Im Team entscheiden in einem solchen Fall die Mitarbeitenden, ob eine sogenannte Berührerin engagiert wird. Diesen Vorschlag müssen die Eltern oder Beistände auch noch absegnen, wie der Heimleiter gegenüber dieser Zeitung erklärt.

Grenze überschritten

Der Beschuldigte ist sich offenbar bewusst, dass er eine Grenze überschritten hat. Es sei «Hilfe zur Selbsthilfe» gewesen, sagt er am Montag am Prozess. Nach dem Duschen habe der Bewohner eine Erektion gehabt. Der Schwerstbehinderte habe ihm deutlich gemacht, dass er sich befriedigen möchte. Er habe nur seine Hand zum Glied geführt, sagt er am Bezirksgericht Horgen. Selber habe er bei dem Vorgang keine Erektion gehabt, beteuert der 54-Jährige.

Der Fall hat für ihn weitreichende Konsequenzen. Jahrzehnte hat er in der Behindertenbetreuung gearbeitet, jetzt haben fast alle Institutionen die Zusammenarbeit beendet. Die Polizei hat im Nachgang zum Fall Ermittlungen aufgenommen. Ergebnis: Der Mann hat sich vorher nie etwas zuschulden kommen lassen. Auch die Kolleginnen und Kollegen hätten kein schlechtes Wort über ihn verloren, führt die Verteidigerin ins Feld. Gewisse Betreuungsansätze des 54-Jährigen, der keine Ausbildung auf dem Gebiet hat, standen aber offenbar durchaus in der Kritik. So ist zu hören, dass er bezüglich Nähe und Distanz unprofessionell gewesen sei.

Angeblich spezieller Draht

Vor Gericht tönt der Mann an, dass er das mutmassliche Opfer besser verstanden habe als andere. Dieses ist zwar nicht fähig, zu kommunizieren, doch der Beschuldigte will herausgefunden haben, mit welchen Gesten der junge Mann Ja und Nein sagt. Diesen Durchbruch hat er niemandem gemeldet. Auch dafür verweist er auf die entschlüsselten Gesten. Als er den Bewohner gefragt habe, ob andere das erfahren sollten, habe er die «Nein»-Geste gemacht.

In seinen Augen war der junge Erwachsene eben kein Kleinkind mehr. In dem Jahr, in dem er ihn betreut hat, habe sich bei seiner Sexualität etwas verändert. Im Heim hiess es hingegen, dass der junge Mann geistig auf dem Niveau eines sechsmonatigen Kindes ist. Der Heimleiter schätzt, dass der Betreuer fachlich völlig unzulässig eine eigene Deutung übergestülpt hat. Die Regeln seien ihm auch bekannt gewesen. Dzu gehört etwa auch, dass Zimmertüren bei Pflegehandlungen einen Spaltbreit offen sein müssen.

Der Vorwurf, gegen den sich der Mann wehren muss, ist Schändung. Das heisst, dass die sexuelle Handlung an jemandem begangen wurde, der völlig hilflos war. Für die Staatsanwältin ist klar, dass der 54-Jährige seine Position schamlos ausgenutzt hat. Der Kollege, der ihn überrascht hat, sei überzeugend und habe keinen Grund, ihn falsch anzuschwärzen. Sie verlangt eine bedingte Freiheitsstrafe von 15 Monaten und, eigentlich noch entscheidender, ein 10-jähriges Verbot für Tätigkeiten mit Menschen mit Beeinträchtigung.

«Bei einem so hochsensiblen Thema können Sie nicht einfach etwas interpretieren, das nur Sie sehen.»Tobias Walthert, Gerichtsvorsitzender

Die Verteidigerin will einen Freispruch. Sie stellt die Aussagen des Zeugen infrage und beharrt darauf, dass ihr Mandant kein sexuelles Interesse hatte. Wäre dem so gewesen, wäre der Vorfall keine Schändung. Doch die Richter sehen es anders. Sie verurteilen den Mann zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 12 Monaten.

Die Verurteilung wegen Schändung bringt automatisch ein 10-jähriges Tätigkeitsverbot mit besonders Schutzbedürftigen mit sich. Die Beschreibung des Vorfalls durch den Zeugen sei glaubhaft, meint der Gerichtsvorsitzende. Deshalb geht das Gericht auch davon aus, dass der Beschuldigte selber eine Erektion hatte.

Der Richter kritisiert den 54-Jährigen dafür, dass er völlig eigenmächtig gehandelt hat. «Sie können bei einem so hochsensiblen Thema nicht einfach etwas interpretieren, das nur Sie sehen», hält er dem Betreuer vor. Das Urteil kann noch ans Zürcher Obergericht weitergezogen werden.

Erstellt: 04.11.2019, 20:23 Uhr

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