Thalwil

Über Scham spricht man nicht

Am Dienstag geht es im Serata-Dialog über das Tabuthema Scham. Zu Gast ist Daniel Hell, Psychiater und emerierter Professor für Klinische Psychiatrie.

«Scham ist nicht irgendein Gefühl, sondern eines der schwierigsten und quälendsten Gefühle überhaupt», sagt Psychiater Daniel Hell. (Symbolbild)

«Scham ist nicht irgendein Gefühl, sondern eines der schwierigsten und quälendsten Gefühle überhaupt», sagt Psychiater Daniel Hell. (Symbolbild) Bild: Keystone

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Herr Hell, Menschen schämen sich, wenn sie etwas getan haben, das ihnen total peinlich ist oder ihrer Ethik widerspricht. Was interessiert Sie an diesem zutiefst menschlichen Gefühl?
Scham ist nicht irgendein Gefühl, sondern eines der schwierigsten und quälendsten Gefühle überhaupt. Sie ist aber für das Zusammenleben und die persönliche Entwicklung enorm wichtig.

Wieso ist das so?
Scham setzt voraus, dass ich mich selbst erkenne und mir selbst bewusst bin. Sie alarmiert uns, wenn unsere Selbstachtung in Gefahr ist. Da wir uns achten wollen, kann Scham auch zu einem Lernprozess beitragen. Wenn ich mich schäme, feige gewesen zu sein, will ich in der Regel später mutiger handeln. Besonders augenfällig ist, wenn Scham fehlt und sich Menschen schamlos oder unverschämt gegenüber anderen benehmen, etwa wenn jemand in der überfüllten Bahn mehrere Plätze für sich in Anspruch nimmt oder rücksichtslos gegenüber anderen am Handy lange und laute Gespräche führt.

Ist Scham auch als Fingerzeig zu werten?
Ja. Da Scham von Werten handelt, ist sie ein Hinweis auf persönliche Ideale oder soziokulturell übernommene Wertvorstellungen. Scham zeigt ein Zuwiderhandeln an. Zum Beispiel: Wenn ich aufrichtig sein will, aber lüge, schäme ich mich.

Sie erachten Scham sogar als «lebensfördernd», wie Sie in Ihrem Buch «Lob der Scham» erläutern?
Genereller Schamverlust schafft im Leben Probleme. Das zeigt sich in extremis bei akuten Psychosekranken oder schwer dementen Menschen, die infolge ihrer Erkrankung kaum mehr schamfähig sind. Scham setzt Grenzen, die das Private und Intime schützen. Solche Schamgrenzen können nicht immer, und schon gar nicht einfach, durch geistige Erkenntnisse ersetzt werden. Scham ist auch ein Taktgefühl.

Beschämungen scheinen aber zugenommen zu haben?
Ja. Ich möchte dazu beitragen, ein Überhandnehmen von Beschämungen und Kränkungen möglichst zu verhindern. Scham beschämt nicht. Die heutige Tendenz zu einer «Beschämungskultur» scheint mir mit dem zunehmendem Schamverlust zu tun zu haben. Gerade der Mangel an Scham erleichtert es, dass Menschen unverschämter, auch narzisstischer handeln und Mitmenschen ungehemmter kränken.

Soll man Fehlern «nachgrübeln», um seelisch zu reifen?
Wenn ich mich schäme, setze ich mich zwar mit mir selber auseinander und suche den Fehler nicht bei anderen. Aber es geht nicht darum, ins Grübeln zu verfallen. Scham klingt in der Regel wieder ab – ausser ich gerate dadurch in einen Teufelskreis, zum Beispiel weil ich dieses Gefühl für eine Schwäche halte und mich deswegen selbst beschäme.

In Zeiten von Social Media sind andere besonders leicht zu beschämen: Ist Scham darum wieder in den gesellschaftlichen Fokus gerückt?
Die Gesichtslosigkeit sozialer Medien trägt heute zu vermehrten und schamlosen Kränkungen bei. Sie führen bei Betroffenen aber eher dazu, dass sie sich psychisch oder narzisstisch verletzt und als Opfer fühlen. Dieses verständliche Beschämungs- oder Kränkungsgefühl sollte aber nicht mit Scham verwechselt werden.

Sie werden in einem Pflegeheim über Scham referieren. Gibt es altersspezifische Formen von Scham?
Scham zeigt sich im Alter nicht anders als in der Jugend. Von Bedeutung ist, wofür man sich schämt. Schämt man sich wegen eines ethischen Versagens oder schämt man sich, weil man Runzeln bekommt oder eine Gehhilfe braucht. Gerade der Alterungsprozess wird heute soziokulturell abgewertet. Deshalb laufen nicht wenige ältere Menschen Gefahr, an Selbstachtung zu verlieren. Die Scham zeigt dann an, dass sie die verbreitete Stigmatisierung des Alters übernommen haben.

Wie sieht ein konstruktiver Umgang mit Scham aus?
Konstruktiv ist, wenn man überprüft, worauf die Scham verweist, und dann entsprechende Veränderungen einleitet.

Serata-Dialog im Serata, Stiftung für das Alter Thalwil. Thema: «Über Scham spricht man nicht – Umgangsweise mit einem schwierigen Gefühl», Vortrag von Daniel Hell, 4. Juni, 18.30 Uhr.

Erstellt: 31.05.2019, 13:24 Uhr

Daniel Hell. (Bild: pd)

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