50 Jahre A3

Über ihren Arbeitsplatz brettern täglich mehr als 60 000 Fahrzeuge

Die Männer vom Werkhof Neubüel in Wädenswil sind für den Unterhalt der Autobahn auf dem Abschnitt von Zürich bis Reichenburg SZ zuständig. Während die Blechlawine an ihnen vorbeidonnert, jäten sie Problempflanzen, spülen die Abwasserkanäle und entsorgen tote Tiere. Ein Morgen auf der Autobahn.

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Von den einen werden sie bewundert, von anderen beschimpft: die Mitarbeiter des kantonalen Tiefbauamts, die im Auftrag des Bundesamts für Strassen die Autobahnen unterhalten. Bekannt sind sie vor allem dafür, dass sie für ihre Arbeiten Fahrspuren sperren. Und gerade dies ist so manchem eiligen Auto­mobilisten ein Dorn im Auge.«Es gibt natürlich immer Leute, die sich über unsere Anwesenheit beklagen», sagt Peter Stocker gelassen. Der Mann mit freund­lichem Gesicht, orange leuchtenden Arbeitskleidern und dem drahtlosen Handymikrofon am Ohr arbeitet seit 24 Jahren im Wädens­wiler Autobahnwerkhof Neu­büel. Von hier aus wird die A3 auf dem 50 Kilometer langen Abschnitt zwischen Zürich und Reichenburg in der Linth­ebene bewirtschaftet. Und hier im Neu­büel ist es, wo Peter Stocker, stellvertretender Betriebsleiter, uns an einem sonnigen Morgen um acht Uhr empfängt. Seine Leute sind zu diesem Zeitpunkt bereits draussen an der Arbeit auf der Strecke.

Znünibrot und Aktentasche

Um uns in die Welt des Autobahnunterhalts einzuführen, fährt Stocker uns als Erstes zur Raststätte Herrlisberg-Nord. Dort sind zwei der total 17 Unterhaltsarbeiter gerade mit Grünarbeiten beschäftigt. Ausgerüstet mit Ra­sen­mähertraktor und Trimmer mähen sie die Grasflächen neben den Parkplätzen. «In einem halben Tag ist die ganze Raststätte gemacht», sagt Stocker.

Auch die Sträucher und Wiesen in der Mitte und neben der Autobahn werden regelmässig – bis zu dreimal pro Jahr – grossmaschinell zurückgeschnitten. Diese Auf­gabe erledigen die Werkhofleute allerdings zusammen mit einer externen Firma. «Uns fehlen dazu die Spezialfahrzeuge und das Personal», begründet der Fachmann.

Doch ob entlang der Autobahn oder auf den Raststätten, ein Problem ist überall dasselbe: der ­Güsel. Mit der stetigen Verkehrszunahme seien über die Jahre auch die Abfallberge gewachsen. «An der Autobahn findet man praktisch alles, vom Znüni­brot bis zur Akten­tasche», sagt Stocker. Deshalb müssen seine Mitarbei­ter jeweils zuerst die Grünflächen nach Fremdkörpern durchkämmen, bevor sie sie ­mähen können.

Beruflich auf der Überholspur

Mit Papierle, wie Peter Stocker die Abfallbeseitigung nennt, ist an diesem Vormittag auch Mitarbeiter ­Ruedi ­Kälin beschäftigt. Er hat sein Fahrzeug in Hor­gen auf dem seeseitigen Pannenstreifen parkiert und durchsucht nun den grün bewachsenen steilen Hang nach Kehricht. Ein Knochenjob. «Am Abend weiss man, was man gemacht hat», sagt der Mann mit weis­sem Bart und Sonnen­brille lächelnd. Das Papier­len ist aber nicht der Hauptgrund, weshalb ­Kälin genau hier seinen Wagen abgestellt hat. Vielmehr hat es mit seinen Kollegen zu tun, die rund 500 Meter weiter vorne auf der Überholspur im Einsatz stehen. Ein sogenannter Vorwarnanhänger an Kälins Auto zeigt den Autofahrern nämlich an, dass die Überholspur in 500 Metern vorübergehend gesperrt ist.

Die Kollegen heissen Pascal Bru­hin und Marco ­Polo. Als wir bei ihnen auf Höhe Ausfahrt Horgen ankommen, sind sie bereits seit einer Viertelstunde damit beschäftigt, einen 150 Meter langen Abschnitt der Strassenkanalisation zu reinigen. Bru­hin hat dazu mittels Fernsteuerung ab einem Spezialfahrzeug zwei Schläuche in einen Schacht hinabgelassen. Der eine spritzt die Kanalisation ab, der andere saugt den Dreck auf. «Da unten sammeln sich Schlamm, Sand, Blätter, Abfall und so weiter an», erklärt ­Polo. Hier unterhalb des Horgenbergs lagere sich in den Röhren auch viel Kalk ab. «Da sind manchmal mehrere Durchgänge nötig.» Das herausgesogene Material wird im 11 500 Liter fassenden Tank des Kanalisationsreinigungsfahrzeugs gesammelt und einmal täglich entsorgt.

Kaum sind die Schläuche wieder hochgezogen, schliessen Bruhin und ­Polo den Schacht. Erst in zwei Jahren werden sie ihn wieder öffnen. Jetzt rollen sie mit dem Spezialfahrzeug zum nächsten Schacht. Es ist einer von 5000 im ganzen Unterhaltsgebiet.

Autobahn-Regel: Nie rennen

Aus Sicherheitsgründen können die Autobahnprofis viele ihrer Arbeiten nur bei gesperrter Fahrbahn ausführen. Damit der Verkehrsfluss trotzdem nicht zu stark ins Stocken gerät, dürfen planmässige Spurreduktionen nur zu verkehrsarmen Zeiten stattfinden. Die Zeitfenster sind je nach Fahrtrichtung und Streckenabschnitt festgelegt. Auf der Sihlhochstrasse in Zürich werde beispielsweise bei normaler Verkehrslage nicht vor halb zehn Uhr morgens gesperrt, erklärt Strassenunterhaltspolier Peter Stocker.

Durchschnittlich brettern im Bezirk Horgen täglich über 60 000 Fahrzeuge über die A3. Während den Sommerferien merke man aber schon, dass die Verkehrsmenge deutlich kleiner ist. Doch etwas gelte für die Unterhaltsarbeiter zu jeder Zeit: «Den Respekt gegenüber dem Verkehr darf man nie verlieren. Das ist das höchste Gebot.» Und so gibt es Regeln, an die die Mitarbeiter sich zu ihrer eigenen Sicher­heit halten müssen. Zum Beispiel bei der Überquerung der Fahrbahn ist Rennen nicht erlaubt. «Wenn man rennt, ist die Gefahr grösser, dass man hinfällt», sagt Stocker. Das könnte ­fatale Folgen haben.

Inzwischen sind wir in Oberrieden angelangt. Die beiden Arbeiter, die vorher auf der Raststätte mähten, legen jetzt hinter der Leitplanke Hand an. In der abschüssigen Böschung reissen sie Neophyten, also nicht-einheimische Pflanzen, aus. «Wenn wir die nicht ausrupfen, verbreiten sie sich innert Kürze», sagt Werner Schuler, während er ein ganzes Bündel Jakobskreuzkraut in den Händen hält. Die gelbe Pflanze ist giftig. Rinder und Pferde können im Extremfall sogar ­daran sterben.

Während ihren Unterhaltsarbeiten entdecken und entsorgen die Männer vom Werk­hof Neu­büel auch immer wieder Tiere, die die Reise über die A3 nicht überlebt haben. «Zurzeit sind es vor allem viele Dachse», sagt Stocker. Häufig seien es aber auch Katzen und Füchse und selten einmal ein Reh. Eine Regelmässigkeit sei aber nicht auszu­machen: «Manchmal stirbt eine Woche lang kein Tier, ein anderes Mal können es alleine an einem Tag sechs Stück sein.»

Bereit machen für den Winter

Zurück im Werkhof Neu­büel. In einer Werkstatt ist ein Schneepflug aufgebockt. Dieser und die restlichen 13 Pflüge sowie die sieben Salzstreuwagen werden revidiert und für den Winter wieder einsatzfähig gemacht. «Auch das gehört zu unseren Aufgaben im Sommer», erklärt Stocker. Es ist eine der vielen verschiedenen Arbeiten der Unterhaltsmänner vom Neu­büel. Und genau diese Vielseitigkeit fasziniert Peter Sto­cker seit 24 Jahren: «Kein Tag ist wie der andere.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 08.08.2016, 16:53 Uhr

Sommerserie

Im Mai 1966 wurde der Autobahnabschnitt zwischen Zürich-Wollishofen und Richterswil eröffnet. Die ZSZ beleuchtet in einer mehrteiligen Serie ­verschiedene Aspekte rund um die Autobahn. Bisher erschienen: «Die N3 – ein wohlgelungenes Werk» (29.7.), «Einer rollte auf der Autobahn seinen Gebetsteppich aus» (3.8.). (zsz)

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