Religion

Ehe für alle stellt Kirchenbund auf harte Probe

Die Ehe für alle löst rund um den Zürichsee Diskussionen aus. Am 4. November will der evangelische Kirchenbund Stellung beziehen – die Mitglieder sind sich uneins.

Ein Ja für die Ehe für alle könnte im Evangelischen Kirchenbund zu einer Spaltung von Gegnern und Befürwortern führen. (Symbolbild)

Ein Ja für die Ehe für alle könnte im Evangelischen Kirchenbund zu einer Spaltung von Gegnern und Befürwortern führen. (Symbolbild) Bild: Keystone

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Er befürworte die gleichgeschlechtliche Ehe. Auch Homosexualität entspreche Gottes Schöpfungswillen, Spielraum sei nicht vorhanden. Mit diesen Äusserungen, die in Form eines Interviews in dieser Zeitung erschienen, löste Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, schweizweit Aufregung aus. Die «Zürichsee-Zeitung» publizierte zahlreiche kontroverse Leserbriefe.

«Eine Woche lang war ich mit kaum etwas anderem beschäftigt als Wogen zu glätten»Michael Stollwerk

Auch die Pfarrpersonen am Zürichsee erhielten Reaktionen. «Eine Woche lang war ich mit kaum etwas anderem beschäftigt als Wogen zu glätten», sagt der Stäfner Pfarrer Michael Stollwerk. Vier engagierte Mitglieder seien wegen der Äusserungen von Locher aus seiner Kirche ausgetreten. Pfarrerin Marjoline Roth aus Männedorf und Ernst Hörler aus Wädenswil mussten sich ebenfalls auseinandersetzen mit Kirchenmitgliedern, die irritiert auf die Stellungnahme von Locher reagierten.

Zweifel an der Ehe für alle

Wie Exponenten der Kirche bei einer Umfrage dieser Zeitung bestätigen, sind es gleich mehrere Gründe, die für Unruhe unter den Kirchenmitgliedern sorgen. Einer davon ist, dass sich Locher äusserte, bevor die Abgeordnetenversammlung der 26 Mitgliedskirchen des Kirchenbundes über die Stellungnahme beraten hatte. Ein weiterer Grund ist Lochers Aussage «Auch Homosexualität entspricht Gottes Schöpfungswillen».

Der Stäfner Pfarrer Michael Stollwerk hält es für theologisch «höchst problematisch», wenn Locher Gottes Schöpfungswillen selbst interpretiert und quasi ein Denkverbot erteilt. «Ob Homosexualität Gottes ursprünglichem Schöpfungswillen entspricht oder nicht, das muss diskutiert werden.» Nicht alles, was vorhanden sei, entspreche Gottes Willen.

Mehr als die theologische Frage nach dem Schöpfungswillen beschäftigt die Kirchenmitglieder jedoch Lochers klares Bekenntnis zur Ehe für alle. «Muss die Kirche denn alles mitmachen?» fragt sich Michael Stollwerk. Die Kirche ticke in vielen Dingen anders als die Gesellschaft. Max Walter von der Bezirkskirchenpflege Horgen sagt, viele Kirchenmitglieder, mit denen er spreche, hätten resigniert.

«Ich höre bei vielen Mitgliedern Zweifel, ob die Konsequenzen einer Ehe für alle auch wirklich gut durchdacht sei»Max Walter

Für die meisten sei klar, dass alle Menschen Platz in der Kirche hätten. Wie er selbst aber fragten sie sich, ob gleichgeschlechtlichen Paare wirklich kirchlich getraut werden müssen. Die Ehe sei definiert als eine staatliche Institution zum Schutz der Familie. Und es gebe genügend eheähnliche Formen, wie zum Beispiel die eingetragene Partnerschaft.

Pfarrer Ernst Hörler, selbst homosexuell, ist mit dieser Ansicht vertraut: «Ich kenne viele Personen, die mit Homosexualität an sich keine Probleme haben, aber die Ehe geht ihnen zu weit, für diese Menschen blasen wir zum Angriff auf die christlichen Werte.»

Was viele Kirchenmitglieder offenbar beunruhigt, sind die Folgen einer Ehe für alle. «Ich höre bei vielen Mitgliedern Zweifel, ob die Konsequenzen einer Ehe für alle auch wirklich gut durchdacht sei», sagt Max Walter. Denn damit gingen auch Fragen zu Leihmutterschaft, künstlicher Befruchtung und Adoption einher. «Ich persönlich befürworte nicht, dass Homosexuelle auf diese Weise Kinder erhalten.»

Ein Plädoyer für die Liebe

«Warum sollte man Homosexuellen die Ehe verbieten? Sind wir Menschen zweiter Klasse?» fragt Ernst Hörler provokativ. Jesus habe von mehreren hundert Geboten der Bibel jene über die Liebe als die wichtigsten bezeichnet.

«Wenn etwas aus Liebe geschieht, dann kann es nicht falsch sein», sagt auch die Männedörfler Pfarrerin Marjoline Roth. Anders als in der katholischen Kirche sie die Ehe bei den Reformierten kein Sakrament, sondern ein kirchlicher Segen für ein standesamtlich getrautes Ehepaar. «Falls der Staat die Ehe für alle legalisiert, sollte es meiner Meinung nach jeder Pfarrperson offenstehen, nach ihrer theologischen Ausrichtung entscheiden zu können.»

«Wenn etwas aus Liebe geschieht, dann kann es nicht falsch sein»Marjoline Roth

Was der Schweizerische Evangelische Kirchenbund am 4. November beschliessen wird, darüber gehen die Meinungen und Wünsche von Gegnern und Befürwortern auseinander. Hörler wünscht sich ein Ja, befürchtet jedoch: «Diese Frage wird den Kirchenbund auf eine harte Probe stellen, denn die Bereitschaft, verschiedene Meinungen gelten zu lassen und dennoch aufeinander zuzugehen, hat in unserer Gesellschaft stark abgenommen.»

Max Walter erhofft sich eine differenzierte Stellungnahme, in der die Meinung der Mehrheit und der Minderheiten thematisiert werden. Michael Stollwerk wiederum fände es gut, wenn der Schweizerische Evangelische Kirchenbund es jeder Kirchgemeinde selbst überlassen würde, wie sie mit der Frage nach einer Ehe für alle umgehen soll.

Erstellt: 10.09.2019, 14:49 Uhr

Michel Müller ist seit 2011 Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich. (Bild: pd)

Nachgefragt

«Die Toleranten haben das Evangelium auf ihrer Seite»

Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund wird erst Anfang November eine Stellungnahme abgeben zur Ehe für alle. Gottfried Locher, der das Gremium präsidiert, sagt schon jetzt, dass er sie befürwortet. Es gibt Leute, die sein Vorpreschen kritisieren. Wie sehen Sie das, Michel Müller?
Es ist seine Aufgabe, Akzente zu setzen und Denkanstösse zu geben. Entschieden wird dann natürlich demokratisch. Dass der Präsident die Führungsrolle in dieser Form wahrnehmen soll, ist ab Anfang 2020 auch in der «Verfassung der Evangelischen Kirche Schweiz» festgehalten.

Der Zürcher Kirchenrat hat diesen Akzent schon im Juli gesetzt und sich in der Vernehmlassung des Nationalrats dazu geäussert.
Der Zürcher Kirchenrat sagt Ja zur Ehe für alle. Wir möchten gleichgeschlechtlichen Paaren ausserdem den Zugang zur Adoption und Fortpflanzungsmedizin ermöglichen.

Die Frage nach der Ehe für alle habe das Potential, die Kirche zu spalten, sagt Locher. Wie sehen Sie das?
Nein, das glaube ich nicht. In der Kirche haben wir viele gläubige Homosexuelle. Sie können sich ihre sexuelle Orientierung nicht aussuchen. Wir nehmen ganz klar alle Menschen an, denn das ist der Kern der Botschaft von Jesus. Die Toleranten haben das Evangelium auf Ihrer Seite.

Bei der Kinderfrage wird für viele konservative Kräfte eine Grenze überschritten.
In der Bundesverfassung ist festgehalten, dass alle Menschen gleich sind. Die Gesellschaft hat also die Aufgabe, niemanden zu diskriminieren und das ist auch im christlichen Sinn. Das gilt für die Ehe und das gilt auch für das Kinderkriegen. Leihmutterschaft ist übrigens auch für Heterosexuelle nicht erlaubt.

Manche Pfarrer wünschen sich eine Stellungnahme, andere wiederum finden, jede Kirchgemeinde solle bezüglich Ehe für alle für sich selbst entscheiden können. Wie stehen Sie dazu?
Wenn die Kirche Ja zur Ehe für alle sagt, dann müssen sich auch die Pfarrpersonen daran halten. Denn sie haben ihren Auftrag von der Landeskirche. Sie dürfen nicht willkürlich über einzelne Mitglieder urteilen und ihnen bestimmte Dienste verweigern. Andere wollten schon heute gleichgeschlechtliche Paare trauen, aber durften es nicht. Gewissensfreiheit aber gehört natürlich auch zum Reformiertsein. Wenn eine Pfarrperson es also nicht mit sich vereinbaren könnte, Homosexuelle zu trauen, dann muss sie das nicht. Sie müsste jedoch für Ersatz sorgen. (rau)

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