Thalwil

Thalwil zelebriert das Chaos

Im Rahmen der Kulturtage hat in Thalwil ein besonderer Rundgang stattgefunden. Dies entlang den Spuren von Chaos und «Gnusch» an 35 bekannten und verborgenen Orten im Dorf.

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Dieser Blick ist den meisten Männern normalerweise verwehrt. Nun können sie ihn endlich wagen. Ja, sie sollen sogar: Dafür steht die Kleiderstange da, die voll gehängt ist mit Damenhandtaschen – grossen und kleinen Modellen, altbackenen und modischen, prall und spärlich gefüllten. Noch aber scheuen sich die – nicht nur männlichen – Anwesenden indes, Hand an die fremden Schnallen, Druckknöpfe und Reissverschlüsse zu legen. Erst nach mehrmaliger Aufforderung und gutem Zureden greifen sie zu. Und alsbald gewinnt das Interesse oder auch die pure Lust am Inspizieren des Unbekannten die Oberhand.

Wir sind an der Thalwiler Gotthardstrasse unweit des Bahnhofs. Genauer in dem kleinen Raum, der sich hinter dem Schaufenster mit der handgeschriebenen Aufschrift «Kino» verbirgt. Hier macht gerade ein besonderer Dorfrundgang Halt. «Gnusch» ist er betitelt und wird von Frau Knäuel und Herrn Kompost geleitet. Sie – mit bürgerlichen Namen Susanne Vonarburg und Peter Hauser – sind es denn auch, die die gut 50 Personen zum Durchforsten der Handtaschen animieren.

35-mal «Gnusch»

Damit sollen die Anwesenden überprüfen, wie sie es mit Chaos und Ordnung halten. Es ist dies denn auch die Fragestellung der Führung überhaupt. In gut eineinhalb Stunden wird dieser Fragestellung an 35 Standorten nachgegangen – dies auf ganz unterschiedliche, immer aber höchst kreative Weise. Denn die verschiedenen «Gnusch»-Ecken, die sich im Zentrum von Thalwil noch bis Ende Monat auftun, sind von einheimischen Künstlern geschaffen worden.

Dazu gehören etwa Marisa Meroni und Eva Wischnitzky. In dem Film, der dann im Kino gezeigt wird, propagieren die beiden das chaotische Leben. Statt akkurat in Reih und Glied, sortiert nach Grösse, Farbe oder Muster die Dinge aufzuräumen, schlagen sie das Merry-Anaconda-Prinzip vor. Was soviel bedeutet wie: Leben in die Sachen zu bringen.

Chaos im Fokus

Meroni und Wischnitzky gehören zur Kerngruppe der Künstler, die den Rundgang initiiert haben. Dies im Rahmen der diesjährigen Kulturtage, die noch bis Ende Monat mit einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm dauern, und zwar zum Motto «verwoben». «Wir haben das Thema in der Idee des miteinander Verwebens aller Künstler interpretiert», erklärt «Gnusch»-Mitbegründer Peter Hauser, «darin, gemeinsam etwas zu auf die Beine zu stellen.» Chaos, sagt er, sei die Basis für Perfektion. Das erkläre, warum die Künstler in ihren Installationen vorwiegend auf die Unordnung fokussiert hätten.

Diese Sichtweise sollen die Teilnehmer der Dorfführung an deren Ende beim Jennyschloss – wo die Tour auch begonnen hat – auf überraschende Weise erfahren. Doch nach dem Kino-Besuch gilt es vorerst, Halt bei einem weiteren guten Dutzend Objekten zu machen. An Strassenrändern, in Hinterhöfen oder öffentlichen Anlagen sind diese anzutreffen; sie geben mal Geräusche von sich, sind mal kunterbunt, mal eher unscheinbar, mal ganz im Verborgenen.

Zu Letzteren gehört etwa ein von Szenograf Hauser und Andi Peter geschaffenes Werk. Erst wer durch die Ritzen und ausgesägten Zierelemente des Bretterverschlags in der Isisbüelstrasse späht, sieht es: das rotäugig fauchende «Maskottchen des reinen Chaos».

13 Tage gesammelt

Augenfälliger ist hingegen «Lux Curatura». Das Kunstwerk von Meroni und Wischnitzky haben die Tourteilnehmer zu dem Zeitpunkt schon passiert: Ein beeindruckendes «Gnusch» aus Sperrgut, «der 13 Tage lang auf den Strassen von Thalwil gesammelt worden ist», erklärt Hauser dazu. Die Installation beim Gemeindehaus ist ein interaktiv gedachter Beitrag: Wer Gefallen an der verwendeten Kaffeekanne, dem Fahrrad oder dem Koffer finde, könne das Stück mitnehmen. Und umgekehrt Dinge beisteuern, die er oder sie nicht mehr wolle.

Ein «Gnusch» aus Tönen, Kartonkisten und Menschen breitet sich etwas später neben dem Schulhaus Schwandel aus. Debora Gerber inszeniert da mit einem bunten Haufen Mitwirkender Orni-Töne, eine schräge gesangliche Auseinandersetzung der Beziehung von Mensch und Vögeln. Das Publikum, zu dem sich auch Passanten spontan dazugesellen, zeigt sich amüsiert über das improvisiert anmutende Konzert. Den Kunstbegriff jedenfalls lotet dieses, wie auch andere Objekte, auf eigene Weise aus. Und so sieht sich auch der Betrachter damit konfrontiert, sich zu hinterfragen, neu zu erfahren und zu reflektieren, wie er Kunst definiert.

Weitere »Gnusch»-Rundgänge diesen Donnerstag, 19 Uhr, und Sonntag, 17 und 19 Uhr sowie am Samstag, 29. Juni, 17 Uhr. Reservation unter www.kulturraumthalwil.ch. Die Kulturtage dauern noch bis zum 29. Juni.

Erstellt: 17.06.2019, 21:03 Uhr

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