Wädenswil

Stiftung will Forschung fördern – und Agroscope-Arbeitsplätze retten

Seit Jahren wird in der Schweizer Landwirtschaftsforschung gespart. Aktuell wird bei der Forschungsanstalt Agroscope fleissig reorganisiert. In Wädenswil versucht man nun, dieser mit einer Stiftung neuen Schwung zu verleihen.

Bei Agroscope in Wädenswil wird unter anderem intensiv an Pflanzenschutzmitteln geforscht.

Bei Agroscope in Wädenswil wird unter anderem intensiv an Pflanzenschutzmitteln geforscht. Bild: Keystone

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In Wädenswil wird an Gemüse und Früchten der Zukunft geforscht. Der Standort der Forschungsanstalt Agroscope steht selbst aber vor einer unsicheren Zukunft. Zwar ist der Bundesrat von seinen Schliessungsplänen zurückgekrebst, doch nach wie vor wissen die knapp 150 Angestellten des Standorts nicht, wie viele dereinst noch am Zürichsee arbeiten können. Noch immer tüfteln die Bundesbehörden zusammen mit den Kantonen an den Reorganisations- und Zentralisierungsplänen für die diversen Agroscope-Standorte.

Die fortschreitenden Einsparungen bei Agroscope sind einigen in der Region ein Dorn im Auge. Mit einer Stiftung wollen sie die möglichen Folgen abfedern, wie aus einem Protokoll der Gründungsversammlung im vergangenen Sommer hervorgeht, das dieser Zeitung vorliegt. Die Mitglieder der gemeinnützigen Müller-Thurgau-Stiftung haben hoffnungsvolle Ziele. So meinten Sitzungsteilnehmer etwa, die Stiftung solle in der Forschung nicht weniger als «nicht kommerzielle Lücken schliessen, von denen sich Agroscope zurückzieht». Die Stiftung soll zudem «dazu beitragen, dass die 150 Agroscope-Arbeitsplätze nicht verloren gehen».

Stadt und ZHAW sprechen Gelder

Hinter der neu gegründeten Stiftung stehen die Stadt Wädenswil, die Stiftungen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und der Technischen Obstverwertung Wädenswil, die Tuwag Immobilien AG, die Standortförderung Zimmerberg-Sihltal und Privatpersonen. Sie haben der Stiftung ein Startkapital von 112'500 Franken gewidmet.

Die Stiftung wird mit einem Startkapital von 112'500 Franken unterstützt.

Bisher hat es die Stiftung unterlassen, breit über die Gründung zu informieren – auch aus Angst, wie es im Protokoll aus dem Sommer heisst: «Die Stiftungsgründung kann im Rahmen der aktuellen Reorganisationsbestrebungen bei Agroscope negativ ankommen, auch wenn de facto Agroscope sogar via Projektförderung von der Stiftung profitieren könnte.»

Keine Konkurrenz zu Agroscope

Von dieser Zeitung auf die im November beurkundete Stiftungsgründung angesprochen, geht Stiftungspräsident Lukas Bertschinger in die Offensive: «Die gemeinnützige Müller-Thurgau-Stiftung ist keine Konkurrenz zu Agroscope. Wir können die Forschung der Agroscope nicht übernehmen.» Es sei aber ein Fakt, dass der Bund die Agroforschung neu organisiere, und hier gehe es deshalb darum, nachhaltige Lösungen zu finden. Die Müller-Thurgau-Stiftung sei denn auch keine Stiftung, die rein auf Agroscope fokussiert sei. «Wir wollen die Erforschung von Spezialkulturen fördern, explizit Institutionen und Forschungsfelder miteinander vernetzen und Mehrwert durch mehr Zusammenarbeit schaffen.»

In der Region könnten das neben der Agroscope auch das Weinbauzentrum, die ZHAW und weitere Forschungsakteure sein. Aber auch forschungsnahe Organisationen, wie zum Beispiel die Fructus für alte Obstsorten, könnten dereinst von der Forschungsunterstützung der Stiftung profitieren. Gerade in der heutigen Zeit des Klimawandels oder der Bedrohung der Biodiversität sei es wichtig, fachübergreifend Lösungen zu fördern.

Das Universalgenie Müller-Thurgau

Man dürfe zudem keinesfalls die Stiftung mit der bekannten Rebsorte Müller-Thurgau gleichsetzen. «Das Erbe von Professor Hermann Müller-Thurgau und seinen Nachfolgern umfasst weit mehr als nur Reben. Müller-Thurgau war Botaniker, Züchter, Pflanzenphysiologe und -pathologe und Lebensmitteltechniker.»

«Professor Hermann Müller-Thurgau war Botaniker, Züchter, Pflanzenphysiologe und -pathologe und Lebensmitteltechniker.»Stiftungspräsident Lukas Bertschinger

Heute würde man von einem «Universalgenie» sprechen, meint Bertschinger. Die Stiftung wolle deshalb die Spezialkulturenforschung ganzheitlich fördern. «Wir können die verschiedenen Institutionen an einen Tisch bringen», meint Bertschinger. Hier gebe es regional, aber auch national noch viel Potenzial, weil eben auch benachbarte Institutionen wie beispielsweise die ZHAW und Agroscope aufgrund ihrer unterschiedlichen Aufträge nicht in erster Linie gemeinsam forschen könnten und müssten.

Stiftung beginnt mit der Geldsuche

Präsident Bertschinger selbst erklärt die bisherige Zurückhaltung der Stiftung in der Öffentlichkeitsarbeit damit, dass man nach der Gründung nun zuerst intensiv mit der Geldakquise beginne. Um in der Agrarforschung etwas aufzugleisen, braucht es viel Geld: Schnell einmal wird für ein einzelnes Projekt ein sechsstelliger Betrag notwendig. Um grössere Geldbeträge sammeln zu können, wolle man möglichst bald aber mit kleinen Projekten beginnen, um die Stiftung sichtbar zu machen. «Wichtig ist, dass die Forschungsergebnisse immer der Gemeinschaft zukommen.» So ist eine Bedingung für Finanzierungen etwa, dass die Resultate öffentlich und für alle zugänglich gemacht werden. Ein konkreter Zeitplan, wann die Stiftung erstmals ein Projekt unterstützt, ist in Erarbeitung.





Erstellt: 06.01.2020, 21:21 Uhr

ZHAW ist mit an Bord - Stiftungsratspräsident kündigt bei Agroscope

Die neu gegründete Müller-Thurgau-Stiftung ist bestens vernetzt: Im Stiftungsrat eingetragen sind unter anderem die Wädenswiler Stadträtin, Kantonsrätin und Önologin Astrid Furrer, der Direktor der ZHAW Wädenswil, Urs Hilber, sowie der Chef des kantonalen Zürcher Amts für Landschaft und Natur (ALN), Marco Pezzatti. Sein Amt ist derzeit auch in die Gespräche mit dem Bund über die Zukunft von Agroscope involviert. Die Medienstelle der zuständigen Zürcher Baudirektion gibt an, Pezzatti sei Mitglied der Stiftung geworden, «da das ALN mit dem Strickhof für die Ausbildung der Obst- und Weinbauern zuständig ist und zudem der gesamte Landwirtschaftsgesetz-Vollzug in der Abteilung Landwirtschaft des ALN angesiedelt ist». Die Projektleitung «Restrukturierung Agroscope» habe aber Kenntnis von der Gründung der Müller-Thurgau-Stiftung.

Stiftungsratspräsident Lukas Bertschinger ist aktuell selbst noch bis Ende Januar teilzeitlich bei Agroscope tätig, unter anderem als Delegierter für nationale und internationale Forschungszusammenarbeit. Er hatte seinen Arbeitgeber wie vorgeschrieben über sein Engagement bei der Müller-Thurgau-Stiftung informiert. Agroscope hat dabei keinen Interessenkonflikt festgestellt.
Zur Stiftung an sich äussert sich Agroscope nicht.

Beim Stiftungsratspräsidenten selbst kommt es in Kürze ebenfalls zu Veränderungen. Bertschinger arbeitet ab Februar selbstständig im Bereich Strategieberatung und Innovationscoaching und hat deshalb bei Agroscope seinen Job gekündigt, wie er gegenüber dieser Zeitung erklärt. Die derzeit laufende Reorganisation bei Agroscope sei aber nicht ausschlaggebend für seinen Jobwechsel. Bertschinger betont, sein Engagement als Stiftungsratspräsident erfolge als Privatperson und sei ehrenamtlich.

Konstruktive Gespräche - Entscheide im zweiten Quartal erwartet

Zwölf Agroscope-Standorte betreibt der Bund schweizweit. Diese Zahl soll im Zuge einer seit längerem laufenden Reorganisation reduziert werden. Obwohl der Bundesrat die Zentralisierung von Agroscope wieder gestoppt hat, ist der Standort Wädenswil nicht zwingend gesichert. Wädenswil dürfte zumindest als sogenannte dezentrale Forschungsstation bestehen bleiben. Stadtpräsident Philipp Kutter (CVP) strebt an, dass in Wädenswil auch in Zukunft geforscht werden kann und nicht nur ein Standort für Plantagen besteht. Wädenswil gilt in der Spezialkulturenforschung als wichtiger Standort, weil er durch die vielen Niederschläge als guter Ort für Züchtungen und Hotspot im Forschungsbereich des Pflanzenschutzes dient.

Die Gespräche zum Fortbestand der Zürcher Agroscope-Standorte – nebst Wädenswil auch der Hauptstandort Reckenholz – seien vor kurzem gestartet, heisst es bei der Zürcher Baudirektion. Zum Inhalt könne man sich derzeit nicht äussern. Agroscope teilt mit, man sei sehr erfreut darüber, wie die Gespräche insgesamt verlaufen. Es gebe mehrere Kantone, die stark und konstruktiv «praxistaugliche Lösungen für die Probleme und Herausforderungen der Land- und Ernährungswirtschaft in der Region finden wollen». Übergeordnetes Ziel der Standortstrategie sei eine Stärkung der Agrarforschung. «Das heisst, die Infrastrukturkosten zu senken und diese Gelder der lösungsorientierten Forschung zukommen zu lassen.» Würde man die aktuellen Strukturen beibehalten, liessen sich keine Mehrwerte generieren. «Gerade mit Blick auf die aktuellen, grossen Herausforderungen der Land- und Ernährungswirtschaft wäre dies eine verpasste Chance.» Zu Wädenswil sagt Agroscope lediglich, es fänden aktuell Gespräche statt. Spätestens im zweiten Quartal 2020 will der Bundesrat ein Detailkonzept vorlegen.

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