Spital

Sternenkinder würdig empfangen und verabschieden

Die Baby-Galerie ist die beste Werbung eines Spitals. Doch nicht immer nehmen nach einer Geburt glückliche Eltern ein niedliches Neugeborenes in die Arme. Manchmal herrscht Trauer. Das Neugeborene ist tot – ein Sternenkind.

Sternenkinder werden liebevoll empfangen. Freiwillige des Vereins Stärnechind fertigen für das See-Spital Körbchen und Erinnerungsboxen.

Sternenkinder werden liebevoll empfangen. Freiwillige des Vereins Stärnechind fertigen für das See-Spital Körbchen und Erinnerungsboxen. Bild: David Baer

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Kinder kommen tot zur Welt, weil die Schwangerschaft abgebrochen wird, oder sie sterben im Bauch der Mutter, bevor sie auf die Welt kommen. Manchmal kenne man den medizinischen Grund, beispielsweise eine Chromosomenanomalie, manchmal nicht, sagt die Chefärztin Gynäkologie des Paracelsus-Spitals in Richterswil, Angela Kuck. Sandra Kubisch-Gleisberg, die Leitende Hebamme im See-Spital, formuliert es so: «Die Kinder suchen sich ihren Weg.»Zahlen zu den Sternenkindern veröffentlichen beide Spitäler nicht, es komme vor und handle sich um einzelne Fälle.

Fest steht jedenfalls, dass die Spitäler heute mit dieser Situation ganz anders umgehen als es noch vor 20 Jahren üblich war. Die Chefärztin Angela Kuck erlebte noch in den 80er und 90er Jahren, dass man Babys ohne Überlebenschancen zum Sterben wegbrachte. «Damals wollte man die Mutter schonen», sagt sie. Beide Spitäler gehen heute bewusst mit solch schwierigen Situationen um und unterstützen die Mütter intensiv. Sie erhalten beispielsweise während der Geburt grosszügig Schmerzmittel.

Stille aushalten

«Wenn ein totes Kind geboren wird, herrscht im Geburtszimmer eine Stille, die alle aushalten müssen», sagt die Hebamme. Die Eltern seien traurig, verzweifelt. Sie unterstütze sie. «Es braucht oft keine Worte. Manchmal genügt eine Berührung.»

Jede Mutter, jedes Elternpaar reagiere anders auf ein Engelskind, sagt Sandra Kubisch-Gleisberg. Die einen wollen es in den Arm nehmen und halten, andere möchten es nicht sehen. «Es ist alles in Ordnung», sagt die Hebamme. Jede Familie sei individuell und gehe auf ihre persönliche Weise mit dem Schicksalsschlag um. Sie sehe ihre Aufgabe darin, Ruhe und Wärme zu vermitteln und Vertrauen zu schaffen.

Erinnerung mitgeben

In beiden Spitälern im Bezirk Horgen werden tote Kindchen würdig auf der Welt empfangen. Im Paracelsus-Spital fertigen Angestellte Körbchen und Tücher, in die eingewickelt und gebettet werden. Für das See-Spital stricken und nähen Freiwillige kleinste Bettchen und Kleidchen. Sie gestalten eine Erinnerungsbox, zu der ein dazu passendes Notizbuch, eine zweiteilige, tönerne Herzkette, Schmetterlinge und ein Feder-Engel gehören.

«Wir gestalten den Abschied so, dass es für die Eltern stimmt», sagt Angela Kuck. Die Eltern bekommen eine Erinnerung an ihr Kindchen mit nach Hause. Beide Spitäler machen einen Fuss- oder Handabdruck des Babys und fotografieren es. Das werde immer gemacht, sagt die Leitende Hebamme des See-Spitals. Denn die Eltern seien manchmal zu traumatisiert, um im Moment einen Entscheid zu treffen. Sie geben ihnen auf Wunsch auch eine Haarlocke mit. Oder wenn das nicht möglich ist, das Tuch, in dem das Kind eingewickelt war.

In beiden Spitälern im Bezirk Horgen werden die Mütter von einer Bezugs-Hebamme begleitet. Sie liegen nicht bei den anderen Wöchnerinnen, sondern auf anderen Stationen. Das Paracelsus-Spital gestaltet meistens ein Abschiedsritual für Eltern und Mitarbeiter. Dabei wird ein Gedicht oder ein Gebet gesprochen.

Sternenkind verabschieden

Raum und Zeit geben für den Abschied sei sehr wichtig für die Verarbeitung der Trauer, sagt Sandra Kubisch-Gleisberg. Die Eltern könnten ins Spital zurückkommen, um ihr Kindchen noch einmal zu sehen und in die Arme zu nehmen. Manchmal kämen auch Grosseltern, Taufpaten und Freunde mit, um das tote Kind kennen zu lernen und sich von ihm zu verabschieden. «Das ist friedvoll», sagt die Leitende Hebamme.

Am Spitalpersonal geht es nicht spurlos vorbei, wenn ein Neugeborenes stirbt. Die Erlebnisse werden im Team besprochen und verarbeitet. «Sie gehören aber auch zum Hebammenberuf», sagt Sandra Kubisch-Gleisberg. Die Erfahrung helfe, um persönlich und gleichzeitig professionell zu handeln. Und es gebe auch wieder schöne Momente. Etwa, als eine Mutter, die ihr Kind verloren hatte, einen frischen Kuchen brachte, um sich im Spital für die Unterstützung zu bedanken. Besonders schön sei natürlich, wenn die Frau später ein gesundes Kind zur Welt bringe. «Dann schliesst sich der Kreis.»

Samstag, 4. November, 17 bis 18 Uhr, Ritualfeier von Pfarrerin Henriette Meyer Patzelt mit dem Team der Frauenklinik des Paracelsus-Spitals Richterswil «Ein Hauch Leben» zum Gedenken an Sternenkinder. Eingeladen sind Eltern, Geschwister, Grosseltern, Gotti, Götti und Freunde. Reformiertes Kirchgemeindehaus Rosengarten, Dorfstrasse 75, Richterswil. Die Fachstelle Kindsverlust hilft betroffenen Familien: www.kindsverlust.ch. Der Verein Stärnechind stellt den Spitälern Kleidchen und Erinnerungsboxen zur Verfügung und verwaltet einen geschlossenen Internet-Chat. www.staernechind.ch (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 31.10.2017, 15:02 Uhr

«Wenn ein totes Kind geboren wird, herrscht im Geburtszimmer eine Stille, die alle aushalten müssen»:
Sandra Kubisch-Gleisberg Leitende Hebamme See-Spital.

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