Im Gespräch

«Wie die Leber an ihren Aufgaben, wächst der Juror am Bachmannpreis»

2017 wurde Michael Wiederstein Juror beim renommierten «Ingeborg-Bachmann-Preis». Der in Thalwil wohnende Germanist hat eine dezidierte Meinung zu den Aufgaben und Freiheiten der Literatur. Von Verboten hält er wenig.

Michael Wiederstein wird immer hellhörig, wenn jemand sagt: «Das darf man nicht schreiben.» Bild: Michael Trost

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Was macht gute Literatur aus?

Gute Literatur stellt etwas mit dem Leser an. Nach ihrer Lektüre ist man nicht mehr derselbe wie zuvor. Literatur bietet dem Leser die einzigartige Möglichkeit, sich in völlig fremde Situationen und Menschen hineinzuversetzen — ist ein Text wirklich gut, kann ich mich mitunter mit dem grössten Monster darin identifizieren, die Welt mit anderen Augen sehen. Als Leser ist man dann nicht nur angesprochen, sondern bestenfalls selbst «involviert». So lernt man dazu. Texte sollen etwas wagen, auch wenn es sie unbequem machen kann.

Gibt es etwas, was Literatur nicht darf?

Literatur darf fast alles. Deshalb herrscht bei uns Kunst- und Meinungsfreiheit. Ich werde immer hellhörig, wenn jemand sagt: «Das darf man nicht schreiben». Das riecht nach Denkverbot. Wie alle Künstler müssen Schriftsteller Grenzen überschreiten um zu schauen, ob sie überhaupt existieren.

Schriftsteller sollen also möglichst viel dürfen, solange sie redlich mit ihren Gegenständen umgehen. Das nimmt sie aber auch in die Pflicht: Wer unterfordert, hat meine Aufmerksamkeit nicht verdient.

Sie sind seit 2017 einer von sieben Juroren beim Ingeborg-Bachmann-Preis. Wie ist es dazu gekommen?

Ganz genau weiss ich das nicht. Für die Zusammensetzung der Bachmannjury gilt, dass Deutschland, Österreich und die Schweiz angemessen vertreten sein müssen. Als mit meinem Vorgänger Juri Steiner ein junger, männlicher Schweizer die Jury verliess, wollte man die Truppe wohl wieder mit einem «jungen Schweizer» ergänzen. Im Literaturbetrieb ist man das vielleicht schon, wenn man als Zugewanderter aus Deutschland ein Schweizer Literaturmagazin, den «Literarischen Monat», gründen und über Jahre finanzieren kann. (lacht)

Wie hebt sich der Bachmannpreis von anderen Literaturwettbewerben ab?

Es ist einer der renommiertesten Literaturpreise im deutschsprachigen Raum. Seine Gewinner haben einen grossen Vorteil auf den einschlägigen Buchmärkten. Zudem ist der Wettbewerb vergleichsweise transparent. Bei anderen Literaturpreisen sitzt eine Jury im Kämmerlein zusammen und wählt nach irgendwelchen Kriterien den Siegertext, beim Bachmann-Preis wird Literatur vorgelesen und danach von den Juroren live diskutiert. Zudem wird das Ganze an vier Tagen auf 3sat und im Radio übertragen. Das ist einzigartig. Es ist eine Ehre, Teil der Jury zu sein. Man lernt wohl in keiner Literaturjury so viel wie hier— so wie die Leber an ihren Aufgaben, wächst auch der Literaturkritiker am Bachmannpreis.

Wie kommen die Texte zu Ihnen?

Die Autoren können ihre Texte über einen Zeitraum von zwei Monaten direkt einem Juror ihrer Wahl schicken. Auch wir Juroren gehen auf Textsuche. Sie müssen unveröffentlicht und innerhalb von 20 bis 25 Minuten vorzulesen sein. Es kann jeder mitmachen - entsprechend zahlreich sind die Einsendungen. Meist sind es um die 120 bis 170 Texte, aus denen ich zwei nach Klagenfurt einladen kann.

Wie gehen Sie bei der Auswahl vor?

Anfangs hatte ich mir vorgenommen, jeden Text von A bis Z zu lesen. Das ändert sich, als ich merkte, wie zeitintensiv und wenig sinnvoll es ist. Inzwischen lege ich jene Texte, die mich nach vier, fünf Seiten nicht packen, weg. Aus den übrigen Texten wähle ich nach erneuter Lektüre die besten fünf aus.

Doch auch der tollste Text hat keine Chance, wenn der Autor ihn nicht vorlesen kann. Deshalb verabrede ich mich mit den Autoren meiner Favoriten jeweils zum Vorlesen. Nicht selten sind diese Termine entscheidend für meine Wahl.

Was ist das Besondere an den Texten, die Sie diesen Juni nach Klagenfurt einluden?

Beide sind aktuell, auch wenn sie keinen Preis gewannen. Es sind Texte, die den Leser dazu bringen, selber nachzudenken und eine Haltung dazu zu entwickeln, die über ein «gefällt mir» hinausgeht. Es gibt doch nichts Ätzenderes, als Texte, die dir diktieren, was du denken sollst. Viel interessanter ist, wenn Texte dir den Spiegel vorhalten, dich mit deinen Vorurteilen konfrontieren oder dich zwingen, eine dir bisher unbekannte Haltung einzunehmen — vielleicht sogar eine, die du aktiv ablehnst. Das ist spannend.

Der von Ihnen eingeladene Tom Kummer sorgte im Jahr 2000 mit fiktiven Interviews für einen Skandal. Was zeichnet seinen Text aus?

Kummer kann fantastisch Geschichten und Dialoge erfinden. Ich freue mich, dass er dies nun als Schriftsteller tut. Sein Text ist sehr düster und melancholisch. Er thematisiert das in der deutschen Gegenwartsliteratur leicht verpönte «Männer-Aussenseitertum»; ein alleinerziehender Vater, verfolgt von den Geistern seiner Vergangenheit, der in seinem Taxi Fremde durch die Schweiz fährt und Smalltalk machen muss.

Einige Jurykollegen wollten da primär «Machogehabe» sehen. Für mich viel offensichtlicher ist die enorme Dichte des Texts und die Tragik, die hinter Kummers scheinbar simplen Dialogen aufscheint.

«Texte sollen
etwas wagen, auch wenn es sie
unbequem
machen kann.»
Michael Wiederstein

Teilten Ihre Jurykollegen Ihre Begeisterung?

Die Diskussion zeigte, dass sich die düstere Stimmung, die auch ich beim Lesen hatte, auf die Jury übertrug. Man kann das mögen oder nicht. Die Voten waren positiv, bei der Preisvergabe hatte dies leider keinen Effekt. Das Publikum war von Kummers Lesung gefesselt: Die Leute legten ihre Lesezettel weg und hörten zu. Bei Martin Beyers Lesung gab es eine ähnliche Diskrepanz zwischen Jury und Publikum.

Im Text von Martin Beyer erlebt man die Hinrichtung der Geschwister Scholl im Zweiten Weltkrieg aus der Perspektive eines zufälligen Henkersgehilfen. Warum dieser Text?

Zeitgenössische Literatur hat immer auch die Aufgabe, intellektuelle Aufklärung zu leisten. Geht es um die NS-Zeit, wird zu gerne in Schubladen gedacht und geschrieben: es gab «die Guten» und «die Bösen». Das ist zu einfach. Diese Katastrophe des 20. Jahrhunderts war nur möglich, weil die sogenannten Bösen lauter Helfershelfer hatten, die eben nicht per se «böse» waren. Sie waren halt irgendwie Teil des Systems und haben sich damit «arrangiert».

Das kann und soll man rückblickend moralisch verwerflich finden, der jüngeren Generation hilft diese Sicht jedoch nicht, die Geschehnisse von damals richtig einzuordnen. Beyer weist genau darauf hin: Die «Mittäter», die im Text scheinbar harmlos und unbedeutend erzählen, sind mindestens so bedeutend wie die Rädelsführer, wenn es darum geht, zu verstehen, wie es soweit kommen konnte und wieder kommen kann.

Erstellt: 03.08.2019, 17:02 Uhr

Zur Person

Michael Wiederstein (1983) hat Germanistik und Allgemeine Literaturwissenschaft studiert. 2010 zog es den gebürtigen Deutschen in die Schweiz, wo er zum Magazin «Schweizer Monat» stiess. Dort gründete und betreute er über mehrere Jahre den «Literarischen Monat», bevor er 2016 Chefredaktor beider Zeitschriften wurde. Seit 2017 sitzt der 35-Jährige zudem in der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises. Im September tritt er seine neue Stelle als leitender Redaktor beim Zusammenfassungsdienst
«Getabstract» an. Darüber hinaus schreibt er unter anderem Kolumnen für diese Zeitung. Der dreifache Vater lebt mit seiner Familie in Thalwil.

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