Wädenswil

«Von General Guisan will ich keine Eigenschaften»

Markus Somm, Chefredaktor der «Basler Zeitung», referiert am Mittwoch in Wädenswil über General Guisan, dem er ein Buch gewidmet hat. Im Interview spricht er über das Reduit, den harmoniesüchtigen General und den Abbau der Armee.

Markus Somm: «Mich hat interessiert, wie General Guisan in der ganzen Bevölkerung derart unumstritten sein konnte.»

Markus Somm: «Mich hat interessiert, wie General Guisan in der ganzen Bevölkerung derart unumstritten sein konnte.» Bild: André Springer

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bis in die 70er-Jahre hingdas Porträt von General Guisan in vielen Stuben. Haben Sie noch eines?
Markus Somm: Ja. (lacht) Es ist eine alte Postkarte, die ich in meinem Büro aufgehängt habe, als ich begann, die Biografie über ihn zu schreiben.

Aber finden Sie es nicht schade, dass Guisan heute nirgends mehr sichtbar ist?
Nein, überhaupt nicht. Guisan ist Ausdruck einer der schlimmsten Zeiten, die die Schweiz je erlebt hat. Das muss man sich nicht zurück­wünschen. Aber während des Krieges und danach war sein Porträt für die Leute ein Symbol dafür, dass es sich lohnt, durchzuhalten. In Krisenzeiten braucht ein Volk solche Symbole.

Die Schweiz hat mit dem Reduit zwar durchgehalten. Aber wäre sie angegriffen worden, hätte man das ganze Mittelland preisgegeben.
Ja, natürlich, aber die Idee hinter dem Reduit war, die Schweiz nicht kampflos herzugeben. Es ging darum, zu demonstrieren, dass eine Besetzung für die Deutschen kostspielig und langwierig würde. Jede Truppe, die die Deutschen in die Schweizer Berge hätten verlegen müssen, hätte ihnen woanders gefehlt.

Für andere Historiker sind wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend für den Erfolg der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Guisan und das Reduit spielt für sie nur eine kleine Rolle. Mit Ihrem Buch wollten Sie diesen Befund wider­legen. Warum?
Meine ursprüngliche Idee war eigentlich eine andere. Mich hat interessiert, wie eine einzelne ­Figur, also Guisan, in der ganzen Bevölkerung derart unumstritten sein kann. Das gibt es bei uns skeptischen Schweizern sonst nie. Dem wollte ich nachgehen. Ausserdem wollte ich die Geschichte der Schweiz im Zweiten Weltkrieg anhand einer Person erzählen.

Trotzdem hat man den Eindruck, Sie wollten vor allem der ­Darlegung anderer Historiker widersprechen.
Das kam erst später hinzu. Meine Auseinandersetzung und Kritik zum Beispiel am Bericht der Bergier-Kommission entstand erst während der Recherche. Gesucht habe ich dies nicht, sondern gemerkt, dass ich das muss.

Sie schreiben, Guisan habe seine Stellung nie gesucht, trotzdem hat er sie sehr genossen. Das widerspricht sich doch.
Die Rolle des Generals hat er schon gewollt. Sie war die Krönung seiner Karriere. Aber die politische und geschichtliche Rolle, die er erhielt, hat er nicht angestrebt. Genossen hat er sie jedoch sehr wohl, und er spielte die Rolle des Landesvaters auch wirklich gut.

Wie hat er das gemacht?
Indem er wenig gemacht hat. Er bildete sich nicht ein, das ganze Land führen oder verändern zu müssen. Sondern er machte klar, dass es nur darum ging, sich selber treu zu bleiben. Zudem war er integrativ. Sein welscher Charme überdeckte einen sehr autoritätsgläubigen, auch etwas pedantischen Offizier. Ebenso half ihm beispielsweise sein phänome­nales Namensgedächtnis. Jeden Soldaten, den er einmal getroffen hatte, konnte er auch nach Jahren wieder mit dem richtigen ­Namen ansprechen. Und seine Aufgabe war monumental: Eine Armee zu führen, die sechs Jahre lang auf einen Angriff wartet, der nicht kommt, und trotzdem die Stimmung aufrechtzuerhalten – das ist eine Meisterleistung.

Wäre er auch ein guter General im Kampf gewesen?
Nein, das glaube ich nicht. Guisan war taktisch und strategisch kein Überflieger. Das Reduit hat zum Beispiel nicht er selber erfunden. Und er wäre zu entscheidungsschwach gewesen. Seine Stärke war, die Bevölkerung vom Reduit zu überzeugen.

Welche Eigenschaften hätten Sie gerne von ihm?
Ich? Keine!

Wieso?
Guisan war sehr formalistisch und harmoniesüchtig, was mir gar nicht zusagt. Auch bin ich nicht so integrativ wie er. Ich bin lieber auf der polarisierenden Seite.

Von den Leuten geachtet zu werden wie Guisan, ist doch schön.
Nein, wenn mich jeder gern hat, sehe ich das nicht als Auszeichnung an. Ich möchte mit meiner Arbeit Spuren hinterlassen. Das hat zur Folge, dass es auch immer Leute gibt, denen ich nicht ge­falle.

Dass Guisan nichts für die jüdischen Flüchtlinge unternommen hat, wird ihm angekreidet. Zu Recht?
Ja, seine Passivität würde ich als seinen grössten Fehler bezeichnen. Gewiss, er dachte nur an die Handlungsfähigkeit der Armee und hielt alle Flüchtlinge, auch Polen oder Franzosen, für eine gefährliche Belastung. Das hat er meiner Meinung nach falsch beurteilt. Weil er so glaubwürdig war, hätte er ohne weiteres eingreifen und den Bundesrat zu einer anderen Politik bewegen können. Die Schweiz hat zwar viele Juden aufgenommen, aber wir hätten noch sehr viel mehr retten können. Doch rückblickend ist es immer einfacher, über solche Fehlentscheide zu urteilen.

Zur Zeit des Zweiten Weltkrieges war die Schweizer Armee sehr gross. Nun wird sie immer mehr verkleinert. Was halten Sie davon?
Das ist ganz bedauerlich. Wenn man das Milizsystem aufrechterhalten und weiterhin legitimieren will, dann muss man auch ­dafür sorgen, dass möglichst viele Männer Militärdienst leisten. Das Milizsystem ist ein wichtiges Prinzip für unsere Demokratie. Der Armeeabbau untergräbt dieses Prinzip. Darum, finde ich, sollte bei der Armee nicht gespart, sondern aufgerüstet werden.


Mittwoch, 22. März, 14.30 Uhr, Gemeinderatssaal Untermosen, Gulmenstrasse 4, Wädenswil, Unkostenbeitrag von 10 Franken, ­inklusive Kaffee. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 18.03.2017, 09:29 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Panorama Portugal, fernab vom Meer

Ein Abschied, der Spuren hinterliess

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben