Zürichsee

Pension ahoi! Der Chefkapitän geht von Bord

Ein Abschied zum Anfang: Die Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft erlebte gestern ihren Saisonstart, während Ernst Bosshard zum letzten Mal das Steuerrad des Dampfschiffs Stadt Zürich in die Hand nahm. Nach 38 Jahren geht der Kapitän in Pension. Die ZSZ hat ihn auf seiner Ehrenrunde auf dem Zürichsee begleitet.

Nach 38 Jahren auf dem Zürichsee hat Ernst Bosshard gestern seinen Dienst als Kapitän abgeschlossen und geht in den Ruhestand.

Nach 38 Jahren auf dem Zürichsee hat Ernst Bosshard gestern seinen Dienst als Kapitän abgeschlossen und geht in den Ruhestand. Bild: Markus Fröhlich

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Alles ist anders an diesem Freitagmittag am Schiffssteg in Zürich. Ernst Bosshard, Kapitän der grossen Rundfahrt mit dem Dampfschiff Stadt Zürich, steht draussen, begrüsst jeden Passagier persönlich. Viele sind seinetwegen gekommen. Männer umarmen, Frauen küssen ihn.

Dann steigt der 65-Jährige aus Hinteregg auf der dem Zürichsee abgewandten Seite des Pfannenstiels hoch auf die Brücke. Ins Sprachrohr ruft er: «Bereit.» Acht Meter unter ihm im Maschinenraum wird der Befehl quittiert. Ein Hornstoss zum Ablegen, dann folgen die Kommandos «Langsam zurück» – «Stopp» – «Vorwärts». Gleichzeitig steuert er das Schiff mit sanfter Hand, behäbig nimmt das Schiff Fahrt auf.

Vorzeichen im Kindergarten

Bosshard, der Zürichsee, der alte Raddampfer: Das ist eine eingespielte Dreiecksbeziehung. Der Kapitän beginnt seine letzte grosse Tour auf dem Zürichsee. Vor ihm liegt nicht nur die Kulisse mit Pfannenstiel, Zimmerberg und Alpen in der Ferne, sondern auch der weite Horizont des Ruhestands. Da kommen Erinnerungen auf, als der in Rüti ausgebildete Monteur für Textilmaschinen am 1. Februar 1980 bei der ZSG begann.

«Meine Premiere war eine Probefahrt mit dem Motorschiff Linth», erzählt Bosshard. «Ich war begeistert, der Funke ist sofort auf mich übergesprungen.» Dass der Zürcher Oberländer zum Seebären würde, ist keineswegs Folge eines Bubentraums. «Alles Zufall», sagt er. Wirklich? Er grinst: «Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich im Kindergarten immer Schiffe gezeichnet habe.»

Ehrenspalier auf dem See

Die Liebe zur Schifffahrt steckte also doch heimlich im Blut. Die zum Zürichsee kam später im Beruf dazu. «Der Zürichsee ist ein wunderschöner See. Wir haben hier eine wunderschöne Ecke der Schweiz», sagt er.

Das Schiff läuft Küsnacht an. «Langsam» – «Stopp» – «Zurück» – «Stopp». Leute vom Ufer ­winken ihm zu. Die Seerettungsdienst Küsnacht ist ausgelaufen und begleitet das DS Stadt Zürich – Ehrenspalier für dessen Kapitän. Jedes Schiff grüsst mit langem Hornton. Bosshard kommt aus dem Winken nicht heraus. Gut übernimmt Kapitän Michael Schäfer immer wieder das Kommando auf der Brücke, so ist der Baldpensionist frei für alle Abschiedsszenen.

«Kein Tag ist gleich», beschreibt der die Faszination seines Berufs. Jedes Schiff der Flotte fahre sich anders. Ob Sommerwärme, Herbstwinde oder Frühlingsregen – immer gelte es sich darauf einzustellen. Routine zehrte nie an seiner Freude. «Fast jeder Sonnenuntergang ist etwas Spezielles», erzählt Bosshard mit Begeisterung. Wenn der helle Kalkstein des Säntis im Sommer gleissend weiss scheint oder schwere Gewitterstimmung über dem See liegt, seien das jedes Mal einmalige Erlebnisse. Am wichtigsten sind ihm die Passagiere. «Sie kommen fröhlich an Bord und sagen beim Aussteigen Dankeschön. Das schätze ich sehr.»

Ein Schiff für alle Sinne

Ernst Bosshard machte in der ZSG klassische Karriere vom Matrosen über den Kassier zum Schiffsführer. 2002 folgte die Krönung mit der Prüfung für Raddampfer. Nun war er Dampfschiffkapitän. Kein Wunder, ­wurde er auch als Ausbildner geschätzt, gab rund 25 Mitarbeitern das Rüstzeug zum Führen eines Schiffs. 2007 bestimmte ihn die ZSG sogar für den neu eingeführten Posten eines Chefkapitäns.

Vor Wädenswil dreht der Seerettungsdienst eine Runde ums Dampfschiff. Wieder wird gewinkt und gehornt. Den Abschied feiert man mit der Liebsten. Ja, das ist auch Ehefrau Susi, die ebenfalls an Bord ist. Hier ist aber der 1909 gebaute Dampfer Stadt Zürich gemeint, das Lieblingsschiff von Ernst Bosshard. «Was die Leute vor über 100 Jahren ­gebaut haben, ist faszinierend», schwärmt er. Dieses Schiff lasse sich mit allen Sinnen erleben. Es stampft unter der Wucht der Maschine, es zischt und riecht nach heissem Öl.

Das An- und Ablegemanöver an der Insel Ufenau verläuft butterweich. «Man darf sich nie als ­Beherrscher sehen, sondern als Partner, als Teil des Schiffs», sagt er. Der Kapitän weiss, wie mit so einer betagten Dame umzugehen ist. «Sie steuert sich leichter als ein Motorschiff», erklärt Bosshard. «Der lange, schlanke Rumpf lässt das Schiff besser im Wasser fliessen.» Gleiches gilt für das Dampfschiff Stadt Rapperswil. Warum ist dann die Stadt Zürich sein Favorit? «Weil ich Zürcher bin», lacht er.

Einfach über Bord gesprungen

In Rapperswil gehen Passagiere von Bord, neue kommen. Bosshard hat schon Bundesräte, Regierungsräte und bei Festanlässen oder auf Sonderfahrten Prominenz chauffiert. Es gab auch kuriose Gäste. «Einmal hat mich an Deck ein junger Mann gefragt, ob das Schiff nach Zürich fährt», erzählt er. «Als ich ihm sagte, dass es nach Rapperswil geht, ist er einfach ans Heck gelaufen und mit den Kleidern über Bord ­gesprungen.» Ein anderes Schiff habe den verwirrt wirkenden Mann aufgenommen.

Nicht erwischt wurden zwei Zechpreller, die sich nach aus­giebiger Verköstigung mit einem Sprung vom Deck vor dem Zahlen drückten. «Wir konnten sie nicht mehr einholen», sagt Bosshard. Es ist eine der wenigen Situationen seiner Laufbahn, die er nicht im Griff gehabt habe. «Ein Kapitän soll Ausgeglichenheit und ­Ruhe ausstrahlen.» Er müsse sich durchsetzen können – in der Mannschaft als auch in gewissen Momenten bei den Passagieren.»

Horgen, die Rundfahrt geht langsam ihrem Ende zu. «Die Hochseeschifffahrt hätte mich schon gereizt», sagt er. «Wenn ich nochmals anfangen könnte, würde ich das machen.» Auf Schiffsreisen hat er mit seiner Frau schon erlebt, wie es ist, rundher­um nur Wasser zu sehen. Diese Reisen werden nun vermehrt pflegen. Wie auch die Zeit mit dem Enkelkind. «Das zweite ist schon unterwegs», strahlt Bosshard. Ansonsten wird er die schwankenden Planken eher mit festem Boden tauschen. Etwa beim Wandern oder mit Modellbau. Ja, Schiffe sollen es vor allem sein. Es lässt ihn halt doch nicht mehr los. Einmal Kapitän, immer Kapitän. Daran kann auch das Ende der Fahrt in Zürich nach vier Stunden nichts mehr ändern. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 31.03.2018, 08:51 Uhr

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