Wädenswil

«Morgens fühle ich mich wie 70, abends wie 120 Jahre alt»

100 Kerzen darf Anne-Marie Stüssi am 13. Mai auf ihrer Geburtstagstorte ausblasen. Die Jubilarin ist sich sicher: Es war die Liebe, die sie so alt werden liess.

Puzzeln ist eine der Lieblingsbeschäftigungen von Anne-Marie Stüssi.

Puzzeln ist eine der Lieblingsbeschäftigungen von Anne-Marie Stüssi. Bild: Patrick Gutenberg

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Am 13. Mai 1919 um 1 Uhr morgens erblickte Anne-Marie Stüssi in Zürich das Licht der Welt. Heute, fast hundert Jahre später, wohnt sie in Wädenswil. Im Wohnzimmer ihres Hauses hängen zahlreiche Bilder und Fotografien an der Wand. Fotografien, die an eine vergangene Zeit erinnern. Anlässlich ihres Geburtstags schaut die Jubilarin auf ihr Leben zurück. 

Anne-Marie Stüssi wuchs in Höngg als jüngstes Kind eines Bauingenieurs und einer Romande auf. Ihre Kindheit und Jugendzeit bezeichnet sie als sehr schön. An die vielen Wanderungen mit ihrem Vater und eine Reise nach Italien 1934 erinnert sie sich besonders gerne.

«Meine Schwester und ich waren junge, hübsche Frauen, wir durften keinen Schritt ohne unseren Vater machen», erzählt sie und lacht. Später lernte Anne-Marie Stüssi technische Assistentin im zoologischen Institut an der ETH Zürich. Mit 21 Jahren dann traf sie auf ihren Mann, Frithjof Stüssi – ihre erste grosse Liebe.

Es war nicht immer einfach

In Engelberg bei einem Rennen des Skiclubs der ETH Zürich liefen sie sich das erste Mal über den Weg. Sie kamen schnell ins Gespräch, tanzten. «In dieser Vollmondnacht hat er zu mir gesagt, dass er mich heiraten wird. Ich habe nur gelacht.»

Am 24. Februar 1940 lernten sie sich kennen, am 8. April hat sie Ja zum Antrag gesagt, und am 13. Juli im selben Jahr wurde geheiratet. 49 Jahre lang, bis zu seinem Tod, waren die beiden glücklich verheiratet.

«Die Nachkriegszeit war hart, man musste schauen, wo man blieb.»

Nach der Hochzeit zog das junge Paar in Frithjofs Elternhaus in Wädenswil, wo die Jubilarin auch heute noch lebt. Der Vater von Frithjof war der bekannte Musiker und Komponist Fritz Stüssi. Ihn lernte sie aber nie kennen.

Fünf Kinder brachte Anne-Marie Stüssi zur Welt, der älteste Sohn starb allerdings 1944 mit nur drei Jahren. Stüssi kümmerte sich liebevoll um die Familie und das Haus, war Mutter, Hausfrau, Näherin und Gärtnerin. Wenn Zeit blieb, ging sie gerne mit ihrem Mann in die Berge zum Wandern und Bergsteigen, besuchte Konzerte und das Theater.

Einfach war es in den letzten 100 Jahren nicht immer. «Die Nachkriegszeit war hart, man musste schauen, wo man blieb.» Sie arbeitete viel, nähte alle Kleider für die Kinder selber. Ihr Mann war beim Militär und oft unterwegs. Auch an den Wochenenden ging er häufig allein in die Berge. Anne-Marie Stüssi klagte aber nie, sie war gerne Mutter und Hausfrau.

«Schon bei meinem 90. Geburtstag habe ich gesagt, das sei mein letzter.»

Auch heute noch pflegt sie mit all ihren Kindern, Ruth, Ueli, Heidi und Christian, eine enge Beziehung. Wenn auch die älteste Tochter, Ruth, auf Ibiza lebt und sie sich nicht so oft sehen können. Seit zwei Jahren kann und möchte Anne-Marie Stüssi nicht mehr fliegen, damals war sie das letzte Mal auf Ibiza und zum letzten Mal im Meer.

Eine besonders enge Beziehung hat sie mit ihrem zweitjüngsten Kind, Heidi Isler-Stüssi. Diese wohnt in einer Wohnung im gleichen Haus und kümmert sich täglich um ihre Mutter. Anne-Marie Stüssi ist zwar im Kopf noch voll da, seit geraumer Zeit kann sie aber nur noch ein paar kleine Schritte an Krücken gehen, ansonsten ist sie auf den Rollstuhl angewiesen.

Liebe kennt kein Alter

Auf die Frage, wie es sich anfühle, 100 Jahre alt zu werden, antwortet Anne-Marie Stüssi mit einem spitzbübischen Grinsen im Gesicht: «Morgens fühle ich mich wie 70, abends wie 120 Jahre alt.» Dass sie einen solch hohen Geburtstag feiern kann, damit hätte sie nie gerechnet. «Schon bei meinem 90. Geburtstag habe ich gesagt, das sei mein letzter.» Anne-Marie Stüssi ist zufrieden mit ihrem Leben. Sie liest viel und macht liebend gerne Puzzles. 

«Es ist schon eigenartig, dass man mit 70 Jahren nochmals genauso verliebt sein kann wie mit 20.»

Dass sie in ihrem Leben, nach dem Tod ihres Mannes, nochmals eine grosse Liebe erfahren durfte, damit hätte sie allerdings nie gerechnet. «Es ist schon eigenartig, dass man mit 70 Jahren nochmals genauso verliebt sein kann wie mit 20.»

Diese zweite Liebe hiess Fortunato und war der Ehemann einer Jugendfreundin von Anne-Marie Stüssi. Als diese starb, trafen sich die beiden nach vielen Jahren wieder und verliebten sich sofort. «Er war ein ganz feiner Typ, sehr humorvoll. Mit ihm erlebte ich nochmals eine wunderschöne Liebe», schwärmt die Jubilarin.

Nach einer Weile zog Fortunato zu ihr nach Wädenswil. 13 Jahre durften die beiden eine besondere Zeit mit vielen Unternehmungen und Reisen gemeinsam verbringen. Dann wurde er krank und starb 2006. Anne-Marie Stüssi ist dankbar für diese Zeit. «Diese zweite Liebe hat mich überhaupt so alt werden lassen», davon ist sie überzeugt.

70 Jahre lang befreundet

Obwohl sie eine tolle Familie – vier Kinder, acht Enkel und acht Urenkel – habe, fühle sie sich manchmal einsam. «Aus meiner Generation sind alle weg», sagt Stüssi. Vor kurzem ist ihre beste Freundin Vreni Bräm, ebenfalls aus Wädenswil, gestorben. Ein grosser Verlust, die beiden waren 70 Jahre lang befreundet. «Eine Freundin fürs Leben, eine zum Pferdestehlen.»

«Aus meiner Generation sind alle weg.»

Zu ihrem speziellen Geburtstag hat Anne-Marie Stüssi keine grossen Wünsche mehr. Sie freut sich, ihr 100-Jahr-Jubiläum im Kreise ihrer Familie, ihrer Freunde und Bekannten zu begehen.

Erstellt: 12.05.2019, 19:08 Uhr

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