Thalwil

«Ich halte authentische Momente fest»

Der Thalwiler Fotograf Patrik Gerber hat den ersten Swiss Wedding Award gewonnen. Dabei schlägt sein Herz vor allem für die Landschaftsfotografie.

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Patrik Gerber, können Sie sich an Ihre erste Hochzeit erinnern, an der Sie fotografiert haben? Patrik Gerber:

Oh ja, sehr genau. Es war ein Riesenstress (lacht). Jemand hatte mich gefragt, ob ich nicht ausnahmsweise … Ich versuchte damals, als Fashion-Fotograf Fuss zu fassen, und war daran gewöhnt, zu Beginn eines Shootings das Licht einzurichten und dann bei stabilen Lichtverhältnissen zu fotografieren. An einer Hochzeit dagegen ist man mit unzähligen verschiedenen Lichtverhältnissen konfrontiert, von gleissend bis dämmrig. Das hatte ich total unterschätzt, wurde nervös, liess ein Objektiv in der Kirche liegen … Es lief einiges schief. Das Brautpaar war zwar zufrieden mit den Bildern. Dennoch sagte ich mir danach: Nie mehr!

Was macht einen guten ­Hochzeitsfotografen aus: die fotografische Technik, die Ausrüstung oder das Auge?

Es ist ein Gesamtpaket. Auf alle Fälle macht ein gutes Equipment allein noch keinen guten Foto­grafen. Wichtig ist die Ausrüstung aber durchaus. Gerade in der ­Kirche. Mit Blitz fotografieren kommt in der Kirche gar nicht infrage. Da ist es wichtig, lichtstarke Objektive und eine Kamera mit einem guten Sensor zu haben. Aber vor allem auch der Umgang mit dem Brautpaar ist entscheidend. Ich investiere bewusst viel Zeit in die Vorarbeit, um die nötige Vertrauensbasis zu schaffen.

Warum haben Sie trotz der ­ersten nicht ganz einfachen ­Erfahrung weitergemacht?

Es war ein Model, mit dem ich ­bereits viel gearbeitet hatte, das mich gebeten hat, ihre Hochzeit zu fotografieren. Das habe ich dann gemacht und gemerkt, dass mir eine Hochzeit viel mehr gibt, als Models in ihren gewohnten Posen mit Modelblick zu fotografieren. Es sind so viele Emotionen im Spiel, und zwar richtige. Als Hochzeitsfotograf kann ich die schönsten Augenblicke an einem ganz besonderen Tag festhalten. Es ist ein grosser Moment, wenn ich den Frischvermählten ein Album übergeben kann. Ein Model hat schon Tausende Fotos von sich gesehen. Für ein Paar ist es dagegen etwas Besonderes, professionelle Bilder von sich zu sehen.

Ist es nicht auch unter Nicht-Models eine Manie geworden, sich möglichst vorteilhaft in Szene zu setzen?

Eine Manie ist es wohl in den wenigsten Fällen. Dass man sich jedoch vorteilhaft in Szene setzt, ist leicht nachvollziehbar und ganz normal.

Wie stehen Sie zu gestellten Bildern?

Gestellte Fotos sind nicht mein Ding. Ich versuche, Situationen zu schaffen, in welchen natürliche, emotionale Bilder entstehen.

Gestellte Bilder gehören aber zu einer Hochzeit wie das Amen in die Kirche.

Ja und nein. Klar gebe ich Anweisungen, etwa, das Paar solle sich etwas ins Ohr flüstern. Was ich dann festhalte, sind authentische Momente.

Und wie halten Sie es mit Gruppenbildern?

Gruppenfotos mache ich nicht gerne. Mit den Eltern, den Grosseltern, eines der gesamten Gästeschar – okay. Mehr als fünf pro Hochzeit schiesse ich aber nicht. Sonst wird das nicht nur fürs Brautpaar anstrengend, sondern auch für die Gäste. Gruppenfotos sind eigentliche Stimmungskiller.

Aber Gruppenfotos sind eine Absicherung, dass alle Gäste ­irgendwo im Bild sind.

Mein Ziel ist auch, von jedem Gast ein schönes Porträt zu haben. Die versuche ich aber, aus dem Hintergrund einzufangen. Da wir Hochzeiten immer als Team begleiten, kann sich einer von uns während des Apéros auf Por­träts konzentrieren. Das ergibt ausdrucksvolle Bilder.

Und Missgeschicke? Finden die auf ihren Bildern statt?

Ich versuche, auch solche Szenen unauffällig festzuhalten. Einmal wollte eine Braut ihre Tochter schminken. Sie befleckte ihr Kleid mit dem Kajal. Beim Versuch, den Flecken wegzureiben, kam es immer schlimmer. Weil sie keinen passenden Stoff fand und keinen Faden und keine Nadel zur Hand hatte, schnitt sie kurzerhand ein Stück Stoff aus dem Unterrock und fixierte es mit Bostitch an ihrem Kleid … Sie nahm das total locker. Von den Gästen hat niemand etwas gemerkt. Das sind Geschichten, die man sich im Nachhinein erzählt und über die man lacht. Wichtig ist mir, dass solche Geschichten leben, ohne dass jemand blossgestellt wird.

Sie begleiten Hochzeitspaare nicht nur in die Kirche und zum Fest, sondern zum Teil auch an ungewöhnliche Orte. Vor allem Berg-Shootings scheinen eine Leidenschaft zu sein.

Das stimmt. Gerade vor einigen Wochen war ich mit einem Brautpaar auf dem Gornergrat. Wir hatten Wolldecken dabei und die Braut einen dicken Mantel. Sie legte ihn jeweils für ein bis zwei Minuten weg und kuschelte sich dann gleich wieder rein. An dem Tag kam auch ein russisches Pärchen auf den Gornergrat. Er warf sich vor ihr auf die Knie und machte ihr einen Antrag. Da habe ich spontan fotografisch zugeschlagen – seither warten wir auf die Einladung an eine russische Hochzeit. (lacht)

Was war Ihr verrücktestes Shooting? Das war eines, das nichts mit einer Hochzeit zu tun hatte. Als ich nach meiner früheren Tätigkeit an der Börse und als Aktienhändler eine Auszeit nahm. Ich reiste damals nach Nepal. Ich wollte unbedingt einmal die Achttausender des Himalaja fotografieren. Beim Besteigen des Island Peak, der fünf Kilometer Luftlinie vom Mount Everest entfernt ist, bin ich körperlich an meine Grenzen gelangt. Der Berg ist 6200 Meter hoch. Und ich hätte sicher mehr Schnauf gehabt, wenn ich nicht drei Objektive und fünf Akkus raufgeschleppt hätte …

Mitten im Aufstieg haben Sie die Kamera gezückt?

Auf den letzten 100, 200 Höhenmetern nicht mehr, das ist eine senkrechte Eiswand. Sonst schon.

Zwischen Landschafts- und Hochzeitsfotograf scheint mir ein grosser Spagat. Wo sehen Sie sich im Spannungsfeld ­zwischen Kunst und Kommerz?

Ich kenne Fotografen, die sich so stark als Künstler verstehen, dass sie sich nicht ums Marketing kümmern und sich nicht als Un­ter­nehmer sehen. Viele von ihnen machen zwar wunderschöne Bilder, aber können nur schwer davon leben. Ich bin da eher auch der Unternehmer und Dienst­leister. Wenn ich meine künstlerische Seite ausleben will, dann klinke ich mich aus. Vor zwei Jahren habe ich beispielsweise eine alte Villa in der Toskana gemietet. Oder meine Neon-Body-Painter-Bilderserie, die habe ich mit einem Sprayer aus Thalwil gemacht und sie an der Foto 13 präsentiert. ()

Erstellt: 17.04.2016, 16:27 Uhr

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