Thalwil

«Ich bin kein Fräulein Rottenmeier»

Das Miteinander im Büro ist gespickt mit Fettnäpfchen. Genau diesen hat die Marketingfachfrau Susanne Abplanalp aus Thalwil den Kampf angesagt. Sie ist ­Dozentin und Trainerin fürs richtige Benehmen.

Freundlichkeit und Höflichkeit kosten nichts – dies ist das Motto von Knigge-Expertin Susanne Abplanalp.

Freundlichkeit und Höflichkeit kosten nichts – dies ist das Motto von Knigge-Expertin Susanne Abplanalp. Bild: Sabine Rock

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Susanne Abplanalp, wenn Sie am Wochenende gemütlich mit Freunden in einem Restaurant essen gehen, passiert dann alles streng nach Knigge?
Susanne Abplanalp: Nicht im engeren Sinn. Aber richtiges Benehmen ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Es ist viel einfacher, richtiges Benehmen immer zu praktizieren als nur ab und zu. Wenn man dann zum Mehrgänger im Restaurant sitzt und nicht weiss, welche Gabel und welches Messer man nun zuerst braucht, oder sich beim Businessapéro krampfhaft fragt, wie man das Glas, die Serviette und den Teller mit den Häppchen hält, ist das einfach nur unangenehm.

Kommt es also nie vor, dass Sie in alten Jeans über die Strasse gehen, um schnell etwas einzukaufen?
Doch, das kommt durchaus vor.

Ist das regelkonform?
Ich gehe ja nur schnell zum Kiosk eine Zeitung kaufen und dann wieder heim. So zu einem Kurs ­erscheinen, das würde ich nie tun. Denn meine Kunden erwarten, dass ich einen gewissen Dresscode einhalte. Einmal haben mir Buschauffeure in einem Kurs gesagt, dass sie enttäuscht gewesen wären, wenn ich nicht piekfein angezogen gewesen wäre.

Aber nach Knigge gingen die ­alten Jeans in der Öffentlichkeit wohl gar nicht.
Nein, schlicht und einfach, weil es damals noch keine Trainerhosen gab. Der Freiherr von Knigge hat seine Sammlung von Regeln «Über den Umgang mit Menschen» 1788 herausgegeben. Mir geht es aber nicht so sehr um Knigge. Ich brauche den Begriff, weil die Leute unmittelbar verstehen, was gemeint ist. Die Leute wollen Regeln.

Entsprechende Office-Regeln gibt es in dem Sinn wohl auch nicht, weil es im 18. Jahrhundert noch keine Büros gab.
Das ist so. Dennoch haben sich gewisse Regeln eingebürgert. Wer zum Beispiel wen zuerst grüsst. Das Natürlichste wäre, dass der zuerst grüsst, der den anderen zuerst sieht. Aber so einfach ist das nicht. Im Privaten grüsst zuerst der Mann die Frau, grüssen zuerst die Jüngeren die Älteren. Und im Büro gilt die ­Hierarchie, der Mitarbeiter grüsst zuerst den Chef.

Inwiefern verändern neue Technologien die Umgangsregeln?
Tatsächlich werden die Knigge-Regeln jährlich überarbeitet, und zwar vom deutschen Knigge-Rat. Daran halten wir uns in der Schweiz, da wir keinen eigenen haben. Beispielsweise hat der deutsche Knigge-Rat auch Benimmregeln für soziale Netzwerke wie Facebook herausgegeben.

Welche Regeln gelten in Bezug auf Smartphones oder Tablets in Sitzungen?
Es ist am Sitzungsleiter, zu entscheiden, ob Handy oder Laptop erlaubt sind. Manchmal geht es ja auch gar nicht anders, wenn die Mitarbeiter Zugriff haben müssen aufs Intranet oder dergleichen. Aber auch wenn die Benützung der Geräte erlaubt ist, würde ich sagen, es ist gut, zwischendurch mal den Blick zu heben und die Teilnehmenden anzusehen.

Welches Verhalten gilt es im ­Büro unbedingt zu vermeiden?
Egoistisches Verhalten. Es ist wichtig, darauf zu achten, dass es auch den anderen wohl ist, nicht nur einem selbst. Gerade in Grossraumbüros ist es wichtig, nicht zu laut zu sein, das Territorium der anderen zu respektieren und keine unangenehmen Gerüche zu verbreiten.

Im Büro einen Döner Kebab zu essen, geht also nicht.
Das riecht stark, dann muss man wieder die Fenster öffnen, dann friert wieder jemand . . .

Kann man gute Umgangsformen lernen?
Ja, bis ins hohe Alter. Und ich bin überzeugt: Mit guten Umgangsformen kommt man leichter durchs Leben.

Dass gute Umgangsformen nicht aufgesetzt wirken, kann man das auch lernen?
Es ist sicher einfacher, einem Kind beizubringen, wie man ein Messer richtig hält, als einem40-jährigen Manager abzugewöhnen, wie man es nicht hält. Aber grundsätzlich ist es lernbar.

Sind Sie eine Art moderne ­Gouvernante?
Nein, ich bin kein Fräulein Rottenmeier aus dem «Heidi». Ich bläue keine Regeln ein. Vielmehr möchte ich den Kunden auf ­lockere Art vermitteln, wie sie ­sympathisch und vertrauenserweckend rüberkommen.

Wie wichtig sind dabei Kleider?
Ich rate meinen Kunden: Beur­teilen Sie einen Menschen nie auf­grund seiner Kleidung. Rechnen Sie aber damit, dass Sie selbst danach beurteilt werden. Wir können mit Kleidern die Wahrnehmung unserer Person gezielt lenken. Mit einem dunklen Blazer wirkt jemand seriöser und kompetenter als mit einem hellen Oberteil. Ein solches lässt einen weicher und zugänglicher erscheinen.

Was sind im Büroalltag die schlimmsten Kleiderfallen?
Wenn jemand mit ungepflegten Haaren oder Kleidern ins Büro kommt, lässt dies den Schluss zu, dass die Person keinen Wert auf Details legt, nachlässig ist und nicht genau arbeitet. Aus älterer Kleidung könnte man schliessen, die Person sei fachlich nicht auf dem aktuellen Stand.

Aber wenn das vielleicht nun mal jemandes Stil ist?
Authentisch sein ist gut, solange niemand anderer darunter leidet. In Grossraumbüros und öffent­lichen Verkehrsmitteln sind die Leute nahe aufeinander, es geht nicht ohne Rücksichtnahme.

Woher stammt Ihre Affinität zu guten Umgangsformen?
Ich bin in einer sechsköpfigen Familie aufgewachsen, und zwar in einer 4-Zimmer-Wohnung. Mein Vater arbeitete Schicht. Es ging nicht anders, wir mussten Rücksicht nehmen aufeinander. Und im Arbeitsleben habe ich erlebt, was ein wenig wertschätzender Umgang anrichtet. Es gehen so viele Ressourcen verloren.

Und was sagen Sie jemandem, der seinen Job vielleicht nur als Brotjob macht?
Auch ihnen rate ich zum Versuch. Höflichkeit und Freundlichkeit kosten weder Zeit noch Geld und bringen viel.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 19.03.2017, 14:21 Uhr

Der Office-Knigge

Souverän mit Kunden und im Team

In rund 400 Workshops hat Susanne Abplanalp schon mehr als 3000 Teilnehmern ihr Wissen in Sachen zeitgemässe Umgangsformen und professionellen Auftritt weitergegeben. Ihr nächstes öffentliches Seminar gibt sie am 28. März in Thalwil. Seit kurzem sind ihre Tipps auch in Buchform erhältlich, im «Office-Knigge» vom Verlag SKV. Das Werk ist eine Aufforderung zur Freundlichkeit. Das Einhalten der korrekten Etikette sei zwar wichtig. Viel wichtiger sei es aber, beim Geschäftspartner Vertrauen und Sympathien zu gewinnen. Susanne Abplanalp sagt: «Einen Auftrag verliert man nicht, weil man das Messer falsch hält. Man gewinnt aber vielleicht einen, wenn man auf das Gegenüber eingeht.»
Sie greift Themen auf wie im Vorstellungsgespräch überzeugen, Reklamationen entgegennehmen, Social Media oder sauber raus aus dem Fettnäpfchen. Dabei gibt Sie Tipps für das richtige Verhalten, skizziert aber auch lauernde Fettnäpfchen. Geschrieben hat das Buch die ebenfalls in Thalwil wohnhafte Bündnerin Irma Aregger. sis kniggetoday.ch

Zur Person

Susanne Abplanalp

Susanne Abplanalp (*1959) ist ausgebildete Marketing-Fachfrau mit Abschluss in Management und Leadership. Nach Stationen bei der Migros (weltweiter Einkauf), der Gastronomie- und Hotelmanagement-Gruppe SV, der Pro Juventute und dem Online-Marktplatz Ricardo hat sie sich vor vier Jahren selbstständig gemacht. Sie wohnt mit ihrem langjährigen Partner seit 16 Jahren in Thalwil. sis

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