Adliswil

Ein Ausflug durch die Stationen der Migration

Der Ratsausflug der Parlamentarier führte von einem Durchgangszentrum für abgewiesene Asylbewerber bis ins Zürcher Rathaus. Der höchste Adliswiler Davide Loss organisierte eine Reise, die zum Nachdenken und Schmunzeln anregte.

Wie sieht es im Adliswiler Durchgangszentrum aus? Davide Loss, dieses Jahr Präsident des Grossen Gemeinderats (Zweiter von rechts), ermöglichte den Adliswiler Parlamentariern auf dem traditionellen Ausflug einen Einblick in die Stationen, die Asylsuchende durchlaufen.

Wie sieht es im Adliswiler Durchgangszentrum aus? Davide Loss, dieses Jahr Präsident des Grossen Gemeinderats (Zweiter von rechts), ermöglichte den Adliswiler Parlamentariern auf dem traditionellen Ausflug einen Einblick in die Stationen, die Asylsuchende durchlaufen. Bild: Patrick Gutenberg

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Aische lacht viel, doch zu lachen hat sie wenig. Sie wohnt im Durchgangszentrum Adliswil, einer Notunterkunft für Menschen, deren Asylantrag abgelehnt wurde und die nun zurück in ihr Ursprungsland müssen. Am letzten Freitag stand sie mit ihren Kolleginnen schon früh in der Küche. Sie machten Börek, einen türkischen Strudel mit Hackfleisch. Es war ein besonderer Tag, denn sie erhielten hohen Besuch. Kurz nach 13 Uhr trudelten die Gäste ein: rund 30 Gemeinderäte und Stadträte aus Adliswil auf ihrem alljährlichen Ratsausflug. Die Notunterkunft war der erste Zwischenstopp der Reise, die der Präsident des Grossen Gemeinderates, Davide Loss (SP), organisiert hatte.

Flair eines Campingplatzes

Tobias Hochstrasser ist der Leiter des Durchgangszentrums. Er führte die Politiker durch die Unterkunft. In einem Zimmer stehen zwei Betten, ein Spind, ein Tisch und eine Kommode mit Kochutensilien. Für viel mehr ist nicht Platz. Von den insgesamt 140 Betten sind momentan 101 belegt. Die Toiletten und Duschen sind ausserhalb der Zimmer und werden von den Bewohnern geteilt. Hochstrasser führte die Adliswiler Parlamentarier in die Gemeinschaftsräume. Unter anderem in einen langen, mitSofa und Billardtisch ausgestatteten Raum oder in ein Zimmer, das bis zur Decke mit Spielzeug gefüllt ist und auch als Raum für Aufgabenhilfe gebraucht wird. Die Gebäude der Unterkunft wirken alt. Sie vermitteln das Flair eines Campingplatzes.

«Es ist nicht immer einfach, das Gebäude in Schuss zu halten», sagte Hochstrasser. Aber sie würden viel daran arbeiten. Vor einem Jahr gab es beim Stadtrat gar eine Interpellation über die Zustände in der Unterkunft. Der Stadtrat gab damals Entwarnung und auch am letzten Freitag konnten die Politiker keine unwürdigen Zustände erkennen. Auf die Frage, was sich Hochstrasser von der Lokalpolitik wünsche, entgegnete er: «Ein bisschen mehr Vertrauen.» Anschliessend probierten die Stadträte Aisches Börek. Eine Versuchung, die beinahe zum Verpassen des Anschlusszuges geführt hätte.

Für die Parlamentarier ging es weiter nach Zürich. Von der Notunterkunft in ein modernes, steriles Gebäude. Davide Loss, selber Jurist im Bereich Migrationsrecht, lotste seine Kollegen ins Verfahrenszentrum. Dieses testet seit 2014 ein neues, beschleunigtes Asylverfahren. Dort angekommen, begrüsste sie Claudio Martelli, Leiter des Testbetriebs. Er erklärte den Räten das neue Verfahren. Damit sollen etwa 60 Prozent aller Asylgesuche innerhalb von 140 Tagen rechtskräftig entschieden werden können. Auch ein Rechtsvertreter soll den Asylsuchenden von Anfang an kostenlos zur Seite stehen. Das Verfahren soll ab März 2019 schweizweit eingeführt werden.

Im Testbetrieb in Zürich hat Martelli vor allem positive Erfahrungen gemacht: «Die Asylgesuche können schneller bearbeitet werden, die Beschwerdequote ist kleiner und die Zahl freiwilliger Rückreisen von Betroffenen grösser als im alten Verfahren.»

Ganz wie die Grossen

Die Adliswiler Räte besuchten die verschiedenen Anlaufstellen im Gebäude, mit denen es ein Asylbewerber zu tun bekommt. Zuerst wird die Identität der neu Angekommenen überprüft. Dabei werden Fingerabdrücke genommen, Dokumente überprüft und nach möglichen Fahndungen oder Einträgen im Polizeiregister gesucht. Danach müssen die Asylsuchenden zum Teil bis zu zwei Tage lang Gespräche führen, damit die Behörde feststellen kann, ob die gesuchstellende Person in der Schweiz Asyl erhält, vorläufig aufgenommen wird oder ob eine Rückkehr in den Herkunftsstaat möglich und zumutbar ist. Anschliessend erhält der Rechtsvertreter 24 Stunden Zeit für eine Stellungnahme, um den Entscheid anzufechten.

Nach der Führung stellte Davide Loss einen besonderen Gast vor: Farhad Jahani. Der 18-jährige Afghane kam als Asylsuchender in die Schweiz. Heute macht er eine Vorlehre bei der Post. «Ich habe Farhad kennen gelernt, als er ein paar rechtliche Fragen hatte. Er wollte gerne mal ein paar Politikern seine Meinung sagen», sagte Loss. Jahani freut sich zwar, in der Schweiz zu sein, einfach sei es aber nicht immer gewesen. «Wir werden oft mit dem Begriff ‹Flüchtlinge› abgestempelt und in einen Topf geworfen», sagte er. Das müsse sich ändern.

Zum Schluss wollte Davide Loss den Gemeinde- und Stadträten noch einen Einblick in sein politisches Leben ausserhalb von Adliswil geben. Seit 2011 ist er Mitglied des Kantonsrats. Das 1690 erbaute Gebäude an der Limmat war der letzte Halt des Parlamentarierausflugs. Im mit Kronleuchtern und Ölgemälden ausgestatteten Festsaal gab es einen Apéro. Der Saal wird nur sehr selten und lediglich bei hohem Besuch geöffnet wie beispielsweise für Winston Churchill, Michail Gorbatschow oder eben den Grossen Gemeinderat von Adliswil. Während der Führung durch den Kantonsrats- und den Regierungsratssaal zeigten sich die Adliswiler Parlamentarier denn auch mal von ihrer weniger seriösen Seite. Sie spielten mit den Mikrofonen, machten Selfies im Ratssaal und einer setzte sich gar auf den Stuhl des Regierungsratspräsidenten – ganz so wie die Grossen.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 23.09.2018, 18:28 Uhr

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