Thalwil

Der Mister Serengeti vom Zürichsee

Markus Borner führte das Lebenswerk des bekannten Zoologen Bernhard Grzimek weiter und ins Heute. Für sein grosses Engagement für den Naturschutz in Afrika ist der Thalwiler mehrfach ausgezeichnet worden.

Markus Borner in seiner Wohnung in Thalwil. Einen Teil des Jahres verbringt er in der Serengeti.

Markus Borner in seiner Wohnung in Thalwil. Einen Teil des Jahres verbringt er in der Serengeti. Bild: André Springer

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Markus Borner, das können nur wenige von sich sagen,«ich bin vom Aff gebissen worden», Sie aber schon. Mögen Sie sich noch erinnern?
Markus Borner: Ich lebte in den Siebzigerjahren mit meiner Fami­lie auf der Insel Rubondo im Victoriasee und betreute ein Projekt von Bernhard Grzimek, wo Schimpansen aus Zoos aus­gewildert wurden. Tiere, die zum Teil nicht mehr tragbar waren, weil sie einem Wärter einen Finger abgebissen hatten.

Ist dieses Beissverhalten art­gemäss?
Ja. Schimpansen jagen regel­mässig kleine Affen und kleine Antilopen. Angriffe auf Menschen sind eher ungewöhnlich.

Wurden auch andere Tiere auf dieser Insel ausgesetzt?
Zum Beispiel Giraffen und Elefanten. Es sollte eine Art Arche Noah werden. Die Schimpansen waren ziemlich clever. Sie sind immer dann ins Haus eingebrochen, wenn wir nicht da waren, sind in unseren Betten gelegen und haben Lebensmittelpackungen aufgerissen.

Wie kam es zum Biss?
Ich wollte die Affen fotografieren und dachte, die beissen doch nicht, man muss nur still stehen. Ich richtete die Kamera auf ein Weibchen mit einem Jungtier. In der Primatensprache wirkt das wie Anstarren und ist ein aggressives Zeichen. Das Weibchen ist auf mich los und biss mir zuerst in den Fuss, dann in die Hand und in den Arm. Ich schlug ihr die ­Kamera auf den Kopf und rannte weg. Das Schlimmste war, dass die ganze Affengruppe sich näherte und ohrenbetäubend geschrien hat. Auch heute kann ich es fast nicht aushalten, wenn ich Affen im Zoo schreien höre.

Apropos Zoo, was halten Sie von diesen Institutionen?
Für mich ist es überhaupt schwierig, in einen Zoo zu gehen, wenn man so wie ich Jahrzehnte mit Wildtieren gearbeitet hat. Zoos haben sicherlich ihre Berechtigung zur Aufklärung und Erhaltung. Aber Tiere wie Eisbären oder Affen sollte man nicht einsperren.

In Afrika waren Sie Nachfolger des Serengeti-Retters Bernhard Grzimek, was hat Sie an ihm beein­druckt?
Sein grosses Verdienst war, dass er die Wildnis in die deutschen und Schweizer Stuben brachte und so das Verständnis für Wildtiere weckte. In Afrika konnte er die Staatsoberhäupter überzeugen, Naturschutzgebiete einzurichten. Seine menschliche Tragödie war, dass sein Sohn durch einen Flugzeugabsturz in Afrika ums Leben kam. Grzimek arbeitete ein Jahr nach dem Absturz an dem Film, in dem er seinen Sohn immer noch sah. Das machte mir Eindruck, dass er diese Tragödie in etwas Positives im Sinne des Naturschutzes umwandeln konnte.

Sein tierschützerisches Erbe?
Ich sah ihn jeweils mehrere Wochen in Afrika. Er war ein Visionär. Er sagte immer, wir müssen mit den Menschen zusammenarbeiten. Ohne die Einbindung der Menschen in Parknähe funktioniert der Naturschutz nicht. Vielfach mussten sie ja ihr Land aufgeben oder Tiere fressen ihre Ernte. Deshalb ist es wichtig, dass die lokale Bevölkerung an den Einnahmen des Tourismus teilhaben kann. Das geht aber nur, wenn sie auch Verantwortung zum Schutze der Tierwelt übernehmen.

Sie befürworten also den Safaritourismus?
Ohne ihn kommt kein Geld in die Nationalparks, und nur so kann man diese erhalten. Ein Viertel des Landes in Tansania ist geschützt. Man muss allerdings dafür sorgen, dass nicht zu grosse Massen kommen. Wenn 50 Autos um einen Löwen herumstehen, dann ist das auch für die Menschen kein Naturerlebnis mehr. Der Massentourismus stört die Tierwelt, obwohl sich manche Tiere eigentlich wenig stören lassen. Löwen jagen nachts. Geparde haben sich angepasst. Ursprünglich jagten sie am Morgen und tags­über. Heute jagen sie mittags zwischen 12 und 15 Uhr, wenn die Touristen am Essen sind.

Wie kann man Auswüchse des Tourismus verhindern?
Indem ein Tourismus gefördert wird, der wenig Einfluss auf die Umwelt hat. Es ist dies ein Qualitätstourismus, der relativ wenig Besucher zulässt. Die kaum einen negativen Einfluss auf die Wildnisgebiete haben, für das Privileg aber mehr bezahlen müssen. Neue Lodges im alten Stil sind heute abzulehnen, sondern ­Zelte sind als flexible Unterkunft für Touristen zu fördern.

Was halten Sie von Grosswildjagd?
Manche Gebiete sind nicht attrak­tiv für Foto-Touristen. Sie sind riesig, die Wilddichte ist gering, und sie sind meist mit Tse­tse­fliegen verseucht. Da kann man nur Geld für den Schutz des Gebietes mit Jagdtourismus machen. Grosswildjäger müssen meist 21 Tage Safari buchen, und das sind 300 bis 2000 Franken pro Tag und Person, die da verlangt werden.

Müssen nicht Populationen mancher Tierarten so wie bei uns durch Jagd dezimiert werden?
In den grossen dynamischen Wildschutzgebieten Afrikas reguliert das die Natur unter anderem mit Trockenheit, Krankheiten und mit Löwen und Hyänen.

Ist der Tierschutz noch immer von Wilderern bedroht, die Elefanten wegen des Elfenbeins töten?
Das ist immer noch eine Katas­trophe. In einem Reservat im ­Süden Tansanias, so gross wie die Schweiz, habe ich Anfang der Achtzigerjahre 100 000 Elefanten gezählt, heute sind es nur noch 15 000. Die Dezimierung kann nur gestoppt werden, wenn der Markt mitspielt. Kürzlich hat China versprochen, es wolle ab nächstem Jahr kein Elfenbein mehr einführen.

Sie erhielten 2016 für Ihr lebens­langes Naturschutz­engage­ment den Blue Planet Prize, einen der höchst dotierten Umweltpreise. Darf man fragen, was Sie mit dem Preisgeld ­gemacht haben?
Das fragen mich viele. Ich habe diesen Preis eigentlich nur für mein Team angenommen und ­habe ihn auch mit meinen afrikanischen Kollegen geteilt. Diese unbesungenen Helden des Naturschutzes riskieren ihr Leben, kämp­fen gegen Korruption, Politiker und Wilderer. Der Rest des Geldes ging an Stipendien für afrikanische Studenten, um ihnen einen Masterkurs in Naturschutz an der Uni Glasgow zu ermöglichen. Diese Ausbildung braucht es, denn das rasante Bevölkerungswachstum Afrikas übt einen starken Druck auf die Naturschutzgebiete aus. Deshalb müssen Leute auf einem internationalen Standard ausgebildet sein, um diese bewahren zu können.

Lernen die Studenten auch, wie man mit Korruption umgeht?
Ja, das ist auch Thema meiner Vorlesungen. Es braucht ja eine rechte Portion Mut, wenn man gegen Korruption vorgehen will.

Reisen Sie immer noch nach Afrika?
Seit 2013 bin ich als Afrika-Direk­tor der Zoologischen Gesell­schaft Frankfurt pensioniert, ­habe aber noch einen kleinen Haus­teil in der Seren­geti. Mehrmals im Jahr bin ich einige ­Wochen dort und betreue neben anderen Naturschutzprojekten noch ein Wildhundeprojekt. Das macht mir immer noch sehr viel Spass. Ein Teil meiner Seele ist sowieso in der Serengeti.

Zurück zu Ihren Wurzeln in Thalwil, wer hat Ihre grosse Tierliebe geweckt?
Das hatte viel mit meinem Grossvater zu tun, der mit mir oft zum Waldweiher oder auf den Albis spazierte. Er lehrte mich viel über Bäume, und ich nahm Frösche mit nach Hause. Man muss den Kindern nicht die Liebe zur Natur beibringen, die hat jedes Kind in sich. Das Drama ist, dass viele diese Liebe dann verlieren.

Erstellt: 29.01.2017, 14:38 Uhr

Zur Person

Markus Borner

Markus Borner ist Jahrgang 1945 und in Thalwil aufgewachsen, wo er heute zwischen ­sei­nen Auslandeinsätzen lebt. Er studierte Biologie an der Universität Zürich. 1974 leitete er ein Projekt für den WWF in Indonesien zum Schutz der Sumatra-Nashörner und Tiger. Von 1978 bis 1983 war er im Auftrag von Bernhard Grzimek im Rubondo-Nationalpark tätig. Danach baute er im Auftrag der Frankfurter Zoo­logischen Gesellschaft deren Afrikaprogramm auf und leitete es als Direktor bis 2012. 2016 erhielt er für sein Lebenswerk den Preis für Natur- und Umweltschutz der Universität Zürich sowie den Blue Planet Prize. Heute setzt er seine Natur- und Forschungsarbeit als Professor an der Universität Glasgow fort. gs

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