Zürichsee

Dem Zürichsee geht im Sommer die Luft aus

In keinem anderen Lebensraum auf der Erde nimmt die Artenvielfalt so schnell ab wie in Süssgewässern. Deshalb erhält eine Studie des Wasserforschungsinstituts Eawag über den Zürichsee grosses Gewicht. Sie deckt Besorgniserregendes auf.

Sauberes Wasser und leere Netze – wie passt das zusammen? Die Studie Projet Lac zeigt auf, wie sich Wasserbeschaffenheit, Klimaerwärmung und Uferraum auf den Fischbestand im Zürichsee auswirken.

Sauberes Wasser und leere Netze – wie passt das zusammen? Die Studie Projet Lac zeigt auf, wie sich Wasserbeschaffenheit, Klimaerwärmung und Uferraum auf den Fischbestand im Zürichsee auswirken. Bild: Sabine Rock

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Wie geht es den Fischen in den 25 grössten Alpenrandseen in der Schweiz? Was verbindet diese Gewässer, und worin unterscheiden sie sich? Diese Fragen wollte die Eidgenössische Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag) beantworten. Mit dem Projet Lac wurden während vier Jahren im August und September systematisch die Schweizer Seen am Alpenrand untersucht. Ziel war, ein Abbild des Fischbestandes eines Sees zu erfassen und mit anderen zu vergleichen.

Die Resultate sind alles andere als beruhigend. Bis 1900 lebten im Zürichsee noch 27 Fischarten. Heute sind es um ein Drittel weniger. Im Obersee zählten die Forscher noch 18 Fischarten, wovon 17 heimisch sind. Der ebenfalls dort lebende Kaulbarsch gilt als standortfremd. Noch stärker verändert hat sich der Untersee. Hier wurden im Rahmen von Projet Lac 20 Arten gefangen, von denen vier als eingeschleppt gelten: Kaulbarsch, Sonnenbarsch, Karpfen und Schwarzfeder. Somit kommt im Untersee nur noch rund die Hälfte jener Fischarten vor, wie sie noch vor knapp 120 Jahren vertreten waren. Im Rahmen des Forschungsprojekts nicht mehr gefangen wurden die früher einheimischen Fischarten Aal, Äsche, Bachneunauge, Barbe, Blicke, Elritze, Lachs, Nase, Rotfeder und Seesaibling.

Zu wenig Sauerstoff

Das Ökosystem hat sich vor allem wegen physikalischer und chemischer Einflüsse verschlechtert. Langzeitmessungen ergaben, dass die Wassertemperaturen stetig gestiegen sind. Das Oberflächenwasser ist seit 1937 in einigen Monaten des Jahres – vor allem im Winter – um durchschnittlich 2 Grad wärmer geworden. Seit Ende der 1980er-Jahre schreitet die Erwärmung schneller voran – mit Folgen.

Die Untersuchungen im Rahmen des Projet Lac haben die Befun­de des Zürcher Amtes für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) bestätigt, dass dem See beson­ders von Spätsommer bis Winterbeginn Sauerstoff fehlt. So wurden etwa an den drei Mess­stationen in Stäfa, Thalwil und Lachen­ während der Befischungen unterhalb von 15 Metern Tiefe weniger als 6 Milligramm Sauerstoff pro Liter gemessen.

Zwei Zonen mit besonders tiefem Sauerstoffgehalt von weniger als 4 mg/l lagen vor Thal­wil: in 12 bis 17 Meter Tiefe und von 85 Metern bis zum Seegrund (136 Meter). Für Fische ist das kein Lebensraum mehr. Verursacht wird die Sauerstoffarmut zum einen durch die Atmung von Fischen und anderen lebenden Organismen. Zum andern «frisst» der Abbau von totem organischem Material in circa 20 Meter Tiefe Sauerstoff. Das trifft auch auf eine Zone vor Stäfa zu, wo der See nur 20 bis 25 Meter tief ist. Dort verbraucht eine grosse Sedimentfläche viel Sauerstoff. Diese könnte laut Projet Lac «zur Bildung der hypoxischen (lebensfeindlichen) Zone im gesamten Untersee im Herbst jedes Jahres beitragen».

Die hohe Konzentration der Burgundblutalge in dieser Tiefe über weite Gebiete des Zürichsees könnte ebenfalls eine Rolle spielen. Denn diese Massenansammlung von Cyanobakterien bindet Sauerstoff, ohne dass dieser wieder in den Kreislauf der Natur zurückkehrt. Fressfeinde hat diese dominierende Algenart nicht, weil sie giftig ist. Nur der Druck des Wassers in der Tiefe lässt ihre Auftriebskörper kollabieren und sie stirbt ab. Aber ohne­ starke Zirkulation der Wasserschichten bleibt sie unbehelligt und vermehrt sich weiter massenhaft.

Obersee besser als Untersee

Die Erwärmung der Wassertemperaturen an der Oberfläche wirkt sich im Untersee nachtei­liger aus als im Obersee. Denn grosse Temperaturunterschiede zwischen den Wasserschichten blockieren wie ein Deckel den Austausch und somit die Zufuhr von Sauerstoff in tiefere Zonen. Dieser Effekt und damit einhergehend die Bildung der sauerstoffarmen «Todeszone» in der Tiefe «ist in den letzten Jahren besonders stark geworden», heisst es im Bericht von Projet Lac. Besser steht es hier um den Obersee. Er ist flacher und lässt eher eine Durchmischung zu, wodurch­ das Tiefenwasser sich erneuern kann.

Die Forscher bezeichnen den Untersee in ihrer Analyse als tiefen, oberflächenwarmen Alpenrandsee mit mittlerem Nährstoffangebot. «Obwohl die Nährstoffbelastung in den letzten Jahr­zehnten stark abgenommen hat, leidet der Untersee noch heute unter einem erheblichen Sauerstoffdefizit im Tiefenwasser. Eine geringere Durchmischung hat dazu geführt, dass die Sauerstoffkonzentration in den tieferen Wasserschichten in den letzten zehn Jahren weiter gesunken ist. Somit steht den Fischen im Untersee nur circa die Hälfte der Seetiefe als Lebensraum ganzjährig zur Verfügung.»

Obersee besser durchmischt

Die grosse Mehrheit der Fische konzentrierte sich im Unter­suchungszeitraum August/September auf 6 bis 12 Meter Tiefe. «Das war in anderen Schweizer Seen zur selben Jahreszeit nicht der Fall.» Der Bericht kommt beim Untersee zum Fazit: «Der Lebensraum für Fische und andere­ aquatische Organismen wird in Zukunft noch mehr schrumpfen, wenn die sauerstofffreien Bereiche sich im See weiter ausbreiten.»

Dem Obersee geben die Forscher ein besseres Zeugnis ab: «Der Obersee leidet im Spätsommer ebenfalls unter Sauerstoffschwund, erfährt aber jedes Jahr eine Vollzirkulation im Februar, welche auch die Tiefe wieder versorgt. Der Fischbestand des Ober­sees ist näher am ursprünglichen Zustand als die des Untersees.»
www.eawag.ch/de/abteilung/fishec/projekte/projet-lac
(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 01.05.2018, 15:48 Uhr

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Vierte Felchenart identifiziert

Alljährlich wandern Sandfelchen zum Laichen in den Linthkanal. Bisher glaubte man, dass sie vom Walensee in den Linthkanal absteigen, weil sie genetisch dem Felchen im Walensee nahestehen. Messungen zeigen jetzt aber, dass die Linthkanalfelchen in ihrer Isotopensignatur den Exemplaren im Zürichsee gleichen und sich von jenen im Walensee unterscheiden. «Das war ein unerwartetes Ergebnis», heisst es im Schlussbericht des Projet Lac. Denn dies bedeutet, dass der Linthkanalfelchen im Zürichsee lebt und in den Linthkanal zum Laichen aufsteigt.
Da er sich aber vom Sandfelchen im Zürichsee unterscheidet, sprechen die Forschenden beim Linthkanalfelchen neben Albeli (Hägling), Schweber und Sandfelchen (Grunder) von einer vierten Felchenpopulation im Zürichsee, die sich genetisch und ökologisch von den anderen drei abhebt.

Zahlen zum Zürichsee

Der Zürichsee liegt auf 406 Metern über Meer und entstand durch gestautes Schmelzwasser nach der letzten Eiszeit vor rund 10 000 Jahren. Getrennt durch Landzunge und Seedamm zwischen Rapperswil-Jona und Pfäffikon wird der westliche grosse Teil als Untersee (65,1 Quadratkilometer), der kleinere östliche Teil als Obersee (23,1 km2) bezeichnet. Die Gesamtfläche beträgt 88,2 Quadratkilometer (59,8 km2 Kanton Zürich, 17,5 km2 Schwyz und 10,9 km2 St. Gallen).

Von Zürich bis Schmerikon ist der See 42 Kilometer lang. Zwischen Richterswil und Stäfa ist er am breitesten (3,85 Kilometer). Die tiefste Stelle misst 136 Meter und liegt vor Thal­wil. Der Obersee weist eine Maximaltiefe von 48 Metern auf. di

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