Wochengespräch

«Das Gelingen von Leben ist nicht abhängig von den gängigen Werten der Gesellschaft»

Acht Jahre hat Noa Zenger als reformierte Pfarrerin in Thalwil gewirkt. Demnächst zieht sie ins interreligiös geprägte Lassalle-Haus. Mit der Sprache den Zugang zu unterschiedlichsten Lebenswelten zu finden, bleibt ihr Anliegen.

Noa Zenger verlässt Thalwil mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Noa Zenger verlässt Thalwil mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Bild: André Spirnge

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Wir sind von gepackten Schachteln umgeben, das Büro ist fast leer geräumt. Bald gilt es ernst mit dem Umzug ins Lassalle-Haus. Freuen Sie sich?
Noa Zenger: Ja, ich freue mich. Die Entscheidung ist lange her­an­gereift. Das Lassalle-Haus fragte mich vor einigen Jahren an, ob ich mir ein Leben vor Ort als Pfarrerin, Kursleiterin und Mittragende des jesuitisch geprägten Hauses vorstellen könne. Da musste ich wirklich abwägen. Zum einen fühlte ich sofort eine positive Resonanz, zum andern fragte ich mich, ob ich bereit sei, das Pfarramt Thalwil loszulassen. Nun ist es soweit. Ich freue mich auf die Herausforderung.

Und dennoch scheint Ihnen der Abschied von Thalwil nicht leicht zu fallen.
Der Wechsel ist gleichzeitig mit echter Trauer verbunden. Ich habe als Pfarrerin acht gute Jahre in Thalwil erlebt, bekam viel Freiraum, um mich zu entfalten. Das Teilhaben am Leben verschiedener Gemeindeglieder habe ich als grosse Bereicherung empfunden – es war das Schönste an meiner pfarramtlichen Tätigkeit.

Sie sind auf einem Bauernhof im Berner Oberland aufgewachsen und haben Theologie studiert. Wie kam es dazu, die bodenständige Welt zu verlassen?
Ich hatte schon als kleines Kind das Wissen um eine Anderswelt neben der realen Welt. Dass dies Gott war, habe ich damals noch nicht gewusst. Auf stundenlangen Streifzügen durch die Natur, in Träumen und in einer Märchenwelt habe ich meine kindliche Spiritualität ausgelebt. Dadurch habe ich mich stark von meinem Umfeld unterschieden, das landwirtschaftlich und handwerklich geprägt war. Ins Gymnasium zu gehen, war nicht vorgesehen. Ich habe dann das Lehrerseminar besucht. So konnte ich einen Abschluss erlangen, der gleichwertig zur Matur war.

Wie hat Ihre Familie reagiert, als Sie erklärten, Sie würden Theologie studieren?
Es war Feuer im Dach! Dem Spirituellen gegenüber hatte meine Familie eine skeptische Einstellung, da es manchmal schwer zu fassen ist. In erster Linie zählte, mit den Händen zu arbeiten. Sie konnten sich zudem unter dem Theologiestudium schlicht nichts vorstellen.

Und wie war das später, als Sie als Pfarrerin zu arbeiten begonnen haben?
Als meine Eltern mich als Pfarrerin erlebten, waren sie stolz. Mit meinem Wechsel ins interreligiös ausgerichtete Lassalle-Haus bekunden sie nun erneut Mühe. Es ist für sie nicht einfach, wenn die Tochter eigene und für sie unbekannte Wege geht – eine Thematik vieler Eltern. Wir haben aber trotz allem ein herzliches Verhältnis zueinander.

Wie stehen Sie heute zu Ihrer bäuerlichen Herkunft?
Ich bin dankbar für meine Wurzeln. Die Erdverbundenheit hilft mir, Zugang zu Menschen zu finden. Ich möchte in der Sprache der jeweiligen Menschen ver­mitteln, was der Glaube für das Leben bedeuten kann und was es heisst, ein Teil Gottes zu sein. Das war mir als Pfarrerin immer ein grosses Anliegen, etwa bei Abdan­kungen, Taufen oder Trauungen, auch bei Menschen, die nicht religiös sind.

Bei Ihrer neuen Tätigkeit im ­Lassalle-Haus wird die Beschäftigung mit dem Glauben weniger bodenständig sein.
Nicht unbedingt. Ins Lassalle-Haus kommen Leute, die explizit ihren spirituellen Weg vertiefen wollen. Sie besuchen dafür Kurse, längere Lehrgänge oder nehmen eine mehrmonatige Auszeit. Die Voraussetzungen sind also anders als bei der Gemeindearbeit. Doch auch hier gilt es, eine Sprache zu finden, die auf die aktuelle Lebenswelt der Menschen Bezug nimmt. Das ist zentral in der geistlichen Begleitung der Gäste, meiner Hauptaufgabe im Lassalle-Haus – handelt es sich dabei nun um Teilnehmende eines Kontemplationskurses oder um Langzeitgäste, die bis sechs ­Monate im Haus weilen.

Sie bieten Exerzitien an. Wie muss man sich diese vorstellen?
Darunter versteht man Übungen, die in einem geschützten Raum der Stille stattfinden. Es gibt ­keine Telefone, keine Computer. Im Schweigen konzentrieren sich die Menschen auf ihr Inneres. Sie meditieren die Bibel und setzen sie in Bezug zum eigenen Leben.

Was ist hierbei Ihre Aufgabe?
Dieses Zu-sich-selber-Kommen braucht Begleitung. Dafür bin ich da. Ich höre den Gästen zu und suche mit ihnen, wie sie in ihrer Situation Vertrauen fassen und Hoffnung finden können. Sie lernen, sich als wertvolle Menschen zu erfahren, losgelöst davon, wie andere über sie werten. Dadurch erkennen sie ihren eigenen Weg, auf dem sie von Gott getragen werden. Dieser Weg ist oft von belastenden Gedanken verschüttet.

Was sind das für Menschen, die sich von Ihnen in den Exerzitien begleiten lassen?
Menschen, die spüren, dass das tägliche Drehen im alltäglichen Trott sie nicht mehr erfüllt. Andere kommen, weil sie eine Krise, einen Lebensbruch oder eine Krankheit durchleben. Sie suchen nach einem Sinn, nach Gott in ihrem Leben. Meine Aufgabe ist nicht, ihnen Lösungen oder eine Therapie zu bieten, sondern sie zu bestärken, zu ihrer inneren Kraft zu finden, die sie durch das Leben trägt.

Birgt das Meditieren im Stillen nicht auch die Gefahr, dass man noch mehr seine Sorgen wälzt?
Deshalb ist die Begleitung wichtig. Wir thematisieren diese Spirale der negativen Gedanken und wie wir sie durchbrechen können. Das ist ein langer Prozess, bestehen innere Verletzungen doch oft schon jahrelang.

Wie begegnen Sie Menschen, die stark von ihrem Verstand gelei­tet werden?
Der Verstand und der Intellekt gehören zum Menschsein – ich werte sie nicht ab. Vieles am Glauben ist aber nicht einfach fassbar. Deshalb ist der Verstand für viele Menschen ein Hindernis, weil sie beim Fragen und Zweifeln stehen bleiben. Auch das Kreisen um das Materielle kann hinderlich sein. Es ist wichtig, sich nicht gänzlich vom Verstand abhängig zu machen, und seine Freiheit nicht von Gesundheit und Erfolg. Auch kranke Menschen können glücklich sein. Mir ist ein Anliegen zu zeigen, dass das Gelingen von Leben nicht abhängig ist von den gängigen Werten der Gesellschaft. Zurück zu Ihrer Frage: Ich versuche, Menschen so zu begleiten, dass sie Erfahrungen machen können auf der Ebene des Herzens.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 19.06.2016, 17:53 Uhr

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