Architektur

Spuren des Bauhauses am Zürichsee

Die deutsche Kunstschule Bauhaus feiert ihr 100-Jahr Jubiläum. Einige Schüler des Bauhauses haben auch am Zürichsee gelebt und gewirkt.

Als Mustersiedlung gilt die Siedlung Gwad von Hans Fischli in der Au in Wädenswil. Hier spiegeln sich genossenschaftliche Bauhausideale wieder.

Als Mustersiedlung gilt die Siedlung Gwad von Hans Fischli in der Au in Wädenswil. Hier spiegeln sich genossenschaftliche Bauhausideale wieder. Bild: Michael Trost

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Architektur und Design werden dieses Jahr gross geschrieben. Schliesslich feiert das Bauhaus seinen hundertsten Geburtstag. Anfang September konnte passend zu diesem Anlass das neue Bauhaus-Museum in Dessau eingeweiht werden. Doch nicht nur in Deutschland findet man Spuren der berühmten Bauhaus-Schule. Auch am Zürichsee haben Bauhausschüler und Lehrer ihre Fussabdrücke hinterlassen.

Das verwundert nicht, denn es existierte ein wechselseitiger Austausch zwischen der Schweizer Avantgarde und dem Bauhaus über prominente Schweizer Künstler und Architekten wie Johannes Itten, Paul Klee und Hannes Meyer, die am Bauhaus wirkten. Zudem kam die grösste Gruppe ausländischer Studierender aus der Schweiz. Von insgesamt 40 schweizer Studenten stammten 16 aus dem Kanton Zürich. Alles in allem studierten während der 14 Jahre, in denen das Bauhaus existierte, 1200 Personen an der Schule. Erst in Weimar, dann in Dessau und schliesslich in Berlin. Dreimal musste das links-liberal orientierte Bauhaus aufgrund rechtsgerichteten Landesregierungen seinen Sitz wechseln. Zudem wurde die Schule durch ihre unterschiedlichen Direktoren Walter Gropius (1919 - 1928), Hannes Meyer (1928-1930) und Ludwig Mies van der Rohe (1930-1933) geprägt.

Werkstatt dann Studium

Um zu verstehen, welche Spuren die Bauhäusler am Zürichsee hinterlassen haben, muss man erst einen Blick hinter die Kulissen des Bauhauses werfen und sich dessen Lehre vor Augen halten. «Jeder Schüler, der am Bauhaus anfing, musste erst einmal den Vorkurs absolvieren», berichtet Ita Heinze-Greenberg, Titularprofessorin für Architekturgeschichte der Moderne an der ETH Zürich. In diesem Vorkurs erwarben sich die Studierenden im ersten Semester Grundkenntnisse im Bereich von Farbe, Form und Material. «Die Studierenden sollten bei Null anfangen und somit ihre eigenen kreativen Kräfte entwickeln», sagt Heinze-Greenberg. «Erst nach dem Vorkurs entschieden sie sich für eine Ausbildung in einer der Werkstätten, wie Töpferei, Weberei oder Schreinerei. Danach schloss sich je nach Wunsch und Fähigkeit des Schülers eine Architekturausbildung an, die allerdings erst 1927 eingerichtet wurde.»

Ein auf den ersten Blick unprätentiöser Bau ist das Haus von Max Bill in Zumikon. Foto: Archiv

Diesen Werdegang durchlief auch Max Bill, «einer der bekanntesten schweizer Bauhausschüler», fügt Heinze-Greenberg hinzu. Nach dem Vorkurs ging er zuerst in die Metallwerkstatt und wechselte dann in die Bühnenwerkstatt. Das anvisierte Architekturstudium, konnte er aus finanziellen Gründen nicht realisieren. Zurück in der Schweiz wurde er als Maler, Bildhauer, Typograf, Werbegrafiker, Ausstellungsgestalter und Architekt tätig. In seiner Person vereint sich im besten Sinn das fachübergreifende Konzept des Bauhauses. Am Zürichsee, genauer in Zumikon, baute er sich 1967/68 sein rund 1500 Quadratmeter grosses Haus mit Wohn- und Atelierfläche. «Trotz seiner Grösse ein auf den ersten Blick unprätentiöser Bau», beschreibt Heinze-Greenberg und fährt fort: «Zuerst sieht man nur die Garage. Doch nähert man sich dem Gebäude, entwickelt es sich entlang der fallenden Topografie zu einem der Natur offenen Haus und man kommt in Räume mit einem unglaublichen Ausblick.»

Bill pflegte zeit seines Lebens die Kontakte zu seinen Studienkollegen am Bauhaus, darunter auch zu Hans Fischli, mit dem er zusammen in Dessau gewohnt hat. Fischli besuchte das Bauhaus von 1928 bis 1929, blieb wie Bill ohne Abschluss und betätigte sich danach ebenfalls auf mehreren Gebieten: als Maler, Bildhauer und Architekt. Er entwarf 1933 im Auftrag seines Vaters das Wohn- und Atelierhaus Schlehstud in Meilen. «Dies verhalf ihm zum Durchbruch und führte zur Gründung eines eigenen Architekturbüros, das bis 1976 bestand», berichtet Heinze-Greenberg. Wie schon für das Haus Schlehstud, verwendete Fischli auch für ein Atelierhaus, das er für seinen ehemaligen Bauhaus Lehrer Oskar Schlemmer im Schwarzwald nahe der Schweizer Grenze plante, Holz als Baumaterial. Die «hölzerne Moderne» wurde schliesslich zu seinem Markenzeichen.

Das Wohn- und Atelierhaus Schlehstud in Meilen verhalf Hans Fischli zum Durchbruch. Foto: Michael Trost

Mustersiedlung aus Holz

Auch seine zusammen mit Oskar Stock zwischen 1942 und 1944 realisierte Siedlung Gwad in Wädenswil zeigte eine Fusion von modernem Formenvokabular und herkömmlichem Baumaterial. «Sie gilt als Mustersiedlung», sagt Heinze-Greenberg. Denn kooperative genossenschaftliche Bauhausideale, die unter dem Direktor Hannes Meyer herrschten, würden sich in dieser Siedlung widerspiegeln. Fischli errichtete die Siedlung im Auftrag des Wädenswiler Fabrikanten Willi Blattmann, der seinen Arbeitern in einer schwierigen Zeit günstigen Wohnraum schaffen wollte. Er gründete eine Siedlungsgenossenschaft und erhielt von der Gemeinde Wädenswil im Baurecht abgetretenes Land.

Zum intelligenten Finanzierungskonzept gehörten günstige Darlehen, ein Bauverfahren mit vorfabrizierten Holzelementen und eigene Arbeitsleistungen der Siedler. Es entstanden neun Reihen von einstöckigen Einfamlienhäusern mit grosszügigen Freiräumen. Hangstaffelung und Flachdächer ermöglichten von allen Wohneinheiten einen freien Blick auf den See. So wurden die Fabrikarbeiter zu Einfamlienhausbesitzern und zu Hobbygärtnern, gehörte doch zu jedem Haus ein grosser Gemüsegarten für die Selbstversorgung. Noch heute ist die Siedlung im Gwad in Wädenswil ein bedeutendes Zeugnis für ein am Bauhaus unter Meyer gelehrtes funktionales und soziales Bauen.

Marcel Breuer entwarf das Lakehouse in Meilen nach einem Vorbild von Richard Neutra. Foto: Archiv

Nicht am Zürichsee gewohnt, aber dort Spuren hinterlassen hat der Bauhauslehrer Marcel Breuer - berühmt für seine Stahlrohrmöbel. Er baute in den 1950er Jahren im Auftrag von Wirtschaftsanwalt Willy Staehelin das sogenannte Breuer-Lakehaus in Feldmeilen. Bei seiner Planung liess Breuer, gemäss den Wünschen des Bauherrn, Charakteristika des Desert House in Palm Springs des österreichischen Architekten Richard Neutra einfliessen. Auffallend sind eine modulartige Bauweise. Durch grosse Fensterfronten und die Verwenundung der gleichen Materialien für innen und aussen wirken die Innen- und Aussenräume miteinander verbunden.

«Zählt man die Siedlung Neubühl in Wollishofen nahe der Grenze zu Kilchberg zu den Bauhaus inspirierten Projekten, so sind Beispiele aller Gesellschaftsschichten am Zürichsee vertreten, von der Arbeitersiedlung über den Wohnraum für den Mittelstand bis hin zur Luxusvilla», sagt Heinze-Greenberg und verdeutlicht: «Die Villen wurden als Prestigeobjekte gebaut, während z.B. bei der Siedlung Gwad der Genossenschaftsgedanke im Vordergrund stand.»

Einzige Frau unter Meistern

Über die Architektur hinaus finden sich weitere Spuren von Bauhäuslern am Zürichsee. So lebte der Bauhausmeister Johannes Itten von 1923 bis 1926 in Herrliberg als Anhänger der Mazdaznan Lehre. Die Mischreligion hatte hier kurz nach der Jahrhundertwende ein Zentrum mit Versammlungsraum und Übernachtungsmöglichkeiten errichtet. In den 1920er Jahren lebten in der sogenannten Aryana Siedlung circa 200 Menschen. Itten zeichnete verantwortlich für die Einrichtung der Ontos-Kunstschule und einer dazugehörigen Werkstätte für Handweberei. Für die Einrichtung der letzteren holte er Gunta Stölzl, die Leiterin der Textilwerkstatt und einzige Frau unter den Meistern am Bauhaus, für eine kurze Zeit nach Herrliberg. Die gebürtige Münchnerin emigrierte 1931 in die Schweiz und schaffte sich einen Namen in der Innenarchitekturszene. Zehn Jahre später zog sie nach Küsnacht, wo sie sich vermehrt der Textilkunst widmete - ständig auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen.

Ihrer Textilkunst widmete sich Gunta Stölzl intensiv in Küsnacht. Foto: Archiv

Abschliessend bemerkt Ita Heinze-Greenberg, dass das Bauhaus heute gerne als Synonym für die Moderne schlechthin gehandelt wird und als Marke für viele Werbezwecke herhalten muss. «Mit dem historischen Bauhaus hat dies allerdings oft wenig zu tun.»

Erstellt: 30.09.2019, 16:20 Uhr

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