Adliswil

«Sozialer Fortschritt dank Verhandlungen»

Dass die Lohngleichheit noch immer nicht umgesetzt ist, findet er «skandalös». Was Syna-Gewerkschaftspräsident Arno Kerst vor dem Tag der Arbeit sonst noch bewegt.

Er engagiert sich für Lohngleichheit: Syna-Gewerkschaftspräsident Arno Kerst.

Er engagiert sich für Lohngleichheit: Syna-Gewerkschaftspräsident Arno Kerst. Bild: David Baer

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Sie wohnen in Adliswil. Da werden Sie am ersten Mai bestimmt an die Maifeier des Bezirks Horgen in Wädenswil gehen?
Arno Kerst: Als Präsident einer nationalen Gewerkschaft mit Hauptsitz in Olten nehme ich jedes Jahr an einer andern Maifeier teil. Morgen marschiere ich mit unserer Regionalsektion Zürich-Schaffhausen im Umzug von Zürich mit.

«Lohngleichheit. Punkt. Schluss», lautet das Motto zum diesjährigen Tag der Arbeit. Eine alte Gewerkschaftsforderung neu aufgewärmt?
Leider ist sie auch im 21. Jahrhundert noch immer nicht erfüllt. Der Unmut über diese skandalöse Ungerechtigkeit ist gross – nicht nur bei den Frauen. Deshalb kämpfen wir jetzt erst recht dafür, dass die verfassungsmässig garantierte Lohngleichheit endlich durchgesetzt wird.

Wie aber hält es die Syna selber mit der Lohngleichheit und dem Frauenanteil in den Führungsgremien?
Die Lohngleichheit ist bei Syna umgesetzt und wir überprüfen sie alle zwei Jahre. Bei den Führungspositionen haben wir mit einem Drittel Frauen noch Nachholbedarf. Und ebenfalls in der Geschäftsleitung, die gegenwärtig aus fünf Männern und einer Frau besteht. Das wollen wir ändern.

Die Syna feiert dieses Jahr das 20-Jahr- Jubiläum. Was hat sie erreicht?
Die Syna ist 1998 aus diversen Gewerkschaften aus dem Bau- und Industriesektor hervorgegangen. Die Wurzeln dieser Vorgängerorganisationen reichen aber über 100 Jahre zurück. In den zwanzig Jahren haben wir auch im Dienstleistungssektor Fuss gefasst. Wir sind heute an über 100 Gesamtarbeitsverträgen (GAV) beteiligt.

Sie garantieren oft für ganze Branchen stabile Arbeitsbedingungen, Mindestlöhne, einen 13. Monatslohn oder auch Vorruhestandsmodelle. Das mag selbstverständlich tönen. In Wirklichkeit aber ist rund die Hälfte der Arbeitnehmenden nicht solchen GAVs, die massgeblichen Schutz bieten, unterstellt. Unsere Mitglieder profitieren zudem von unserem Rechtsschutz und von Weiterbildungsangeboten.

Just zum Jubiläum gibt es auch Kritik an den Gesamtarbeitsverträgen. Bei der Präsentation ihrer «Begrenzungsinitiative» sprach die SVP davon, dass die GAVs bloss Bürokratie bescherten.
Wer so daher redet, will einseitig über Löhne und Arbeitsbedingungen bestimmen, um den Gewinn zu maximieren. Denn die GAVs sind der Motor des sozialen Fortschritts in der Schweiz. Man will die wirtschaftliche und politische Mitbestimmung der Arbeitnehmenden zurückbinden — sogar auf Kosten des sozialen Friedens.

Wie steht es um den Mitgliederbestand der Syna?
Als landesweit zweitgrösste Gewerkschaft zählen wir 60000 Mitglieder. Rund 3000 sind der Region Zürich-Schaffhausen angeschlossen und um die 250 wohnen im Bezirk Horgen. Weil die Zahl der Beschäftigten in Industrie und Gewerbe abnimmt, wachsen wir dort kaum noch. Zulegen können wir dafür im Dienstleistungssektor. Gerade etwa im Verkauf, im Gesundheitswesen oder in der Gastro- und Reinigungsbranche arbeiten auch viele Frauen, die wir als einstmals typische Männergewerkschaft noch gezielter ansprechen wollen.

Agieren Gewerkschaften wie die Syna nicht zusehends bloss noch aus der Defensive?
Keineswegs. Wir wehren uns zwar gerade vehement gegen eine Aushöhlung des Arbeitsgesetzes, wie dies von bürgerlicher Seite im Bundesparlament mit der geforderten Abschaffung der Arbeitszeiterfassung und der Aufgabe der maximalen Arbeitszeit anvisiert wird. In anderen Bereichen aber gehen wir in die Offensive.

Wo zum Beispiel?
Zusammen mit unserer Dachorganisation Travailsuisse haben wir die Initiative für vier Wochen Vaterschaftsurlaub mit über 107000 Unterschriften eingereicht. Für dieses zeitgemässe Anliegen hat alleine Syna 45000 Unterschriften beigesteuert.

Im Vergleich mit der kämpferischen und mediengewandten Unia nimmt man die Syna in der Öffentlichkeit weit weniger wahr. Weil sie zu wenig auf den Putz haut?
Statt spektakulärer Auftritte konzentrieren wir uns lieber auf konkrete Verbesserungen für die Arbeitnehmenden. Das bringt letztlich mehr, erfordert aber oft zähe Verhandlungen und Knochenarbeit im Hintergrund.

In verschiedenen Branchen aber fischen Syna und Unia im gleichen Teich nach Mitgliedern.
Wir sind Partner und Konkurrenten zugleich. Wenn es um die Durchsetzung von Arbeitnehmenden-Interessen geht, arbeiten wir gut zusammen. Manchmal gehen wir aber auch getrennte Wege, setzen andere Schwerpunkte. Die Arbeitnehmenden können auswählen, welche Gewerkschaft besser zu ihnen passt.

Wie stehen Sie und die Syna 100 Jahre nach dem Generalstreik zur Arbeitsniederlegung als Kampfmittel?
Sozialpartnerschaft auf Augenhöhe ist für uns zentral. Die in den Gesamtarbeitsverträgen festgeschriebene Friedenspflicht bedingt indes auch Verhandlungsbereitschaft bei den Arbeitgebern und ein Bekenntnis zu sozialpartnerschaftlichen Lösungen. Daran aber mangelt es gerade in jüngerer Zeit zusehends wie sich aktuell auch im Konflikt mit den Baumeistern zeigt. Streik ist für uns immer das letzte Kampfmittel und gestreikt wird nur, wenn die Betroffenen das wollen.

Gemäss einer Studie steigen die Löhne 2018 im Schnitt immerhin um 0,7 Prozent. Also alles bestens?
Keineswegs. In manchen Branchen des Dienstleistungssektors sind die Löhne nach wie vor sehr tief. Betroffen sind vor allem typische Frauenberufe. Valora zum Beispiel zahlt Kioskmitarbeitenden einen Mindestlohn von 19.89 Franken pro Stunde – während der CEO in der gleichen Zeit fast 1000 Franken verdient. Auch bei den Pharma-Assistentinnen sind die Löhne erschütternd tief.

Im Oktober setzt sich Syna an einem Kongress mit der Digitalisierung der Arbeitswelt auseinander. Was bedeutet sie für die Gewerkschaften?
Die Digitalisierung bietet für den Werkplatz Schweiz grosse Chancen setzt aber auch Flexibilität voraus – allerdings nicht nur einseitig bei den Arbeitnehmenden. Es braucht sie auch auf Seiten der Arbeitgeber, wenn es etwa um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, oder um Weiterbildung geht. Wo Digitalisierung bloss als Vorwand dient für mehr Stress, Hire-and-Fire und eine Abkehr von unbefristeten Arbeitsverträgen, kämpfen wir dagegen an.

Wie und warum kamen Sie zu Syna?
Soziale Fragen interessierten mich schon während meines Geschichts- und Pädagogikstudiums. Und ich engagierte mich schon immer gerne mit und für Menschen und ihre Anliegen. Das ist auch nach 25 Jahren Gewerkschaftsarbeit in verschiedenen Funktionen noch immer so. Zu Syna kam ich 1992 über einen Job in der Arbeitslosenkasse des damaligen Christlichen Holz- und Bauarbeiterverbands, einer Vorgängerorganisation von Syna.

Wo trifft man Sie in Adliswil an?
Etwa beim Einkaufen in örtlichen Geschäften oder im Tüfihof-Laden, in der Bibliothek, am Fest der Kulturen und an andern kulturellen Anlässen. Gerne wandere oder jogge ich zudem im nahen Sihlwald.

Erstellt: 29.04.2018, 13:40 Uhr

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