Pro & Kontra

Soll mit Landaufschüttungen ein durchgehender Seeuferweg ermöglicht werden?

Eine Anfrage dreier SP-Kantonsräte schlägt Wellen: Neben Landenteignungen sollen Landaufschüttungen einen durchgehenden Weg am Seeufer ermöglichen. Eine sinnvolle Lösung?

Aufgeschüttetes Land existiert bereits, wie hier am linken Seeufer zwischen Wädenswil und Richterswil. Dieses Gebiet soll als Vorbild für weitere Landaufschüttungen dienen.

Aufgeschüttetes Land existiert bereits, wie hier am linken Seeufer zwischen Wädenswil und Richterswil. Dieses Gebiet soll als Vorbild für weitere Landaufschüttungen dienen. Bild: Sabine Rock

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PRO

Der Vorstoss soll den Kanton aus seinem Tiefschlaf holen

Eigentlich ist der Fall klar: Der Kanton ist beauftragt, einen durchgehenden Seeuferweg um den Zürichsee zu erstellen. 2011 wurde die Initiative «Zürisee für alli» zurückgezogen, zugunsten eines Gegenvorschlags des Regierungsrats. Bloss, was tut dieser seither? Von aussen her gesehen: Kaum etwas. Sechs Millionen Franken will er jährlich für neue Teilstücke an den Zürcher Gewässern zur Verfügung stellen. Die Verantwortung hat der Regierungsrat an die Gemeinde abgeschoben. Wenn diese nichts beantragen, gibt es keinen Uferweg. Interesse zeigt bisher nur Wädenswil, welches das Teilstück Seeplatz-Giessen schliessen will.

Die Antwort des Kantons ist, dass ein Steg gebaut werden könnte, der eine absurd hohe Summe kosten würde. Andere Vorschläge hat er nicht eingebracht. So kann das nicht weitergehen. Neue Lösungen müssen her und das tut die SP mit dem Vorschlag der Landaufschüttung. Regierungsrat, Kantonsrat und die Gemeinderäte am Zürichsee sind bürgerlich geprägt. Niemand scheint ein Interesse daran zu haben, sich mit den gutbetuchten Landbesitzern anzulegen. Um Landenteignungen müsste wohl jahrelang gestritten werden. Aber die Seestrasse entlanggehen, statt dem Ufer des Zürichsees ist keine attraktive Alternative. Also, was kann sonst getan werden? Inseln, schwimmende Stege, fixe Stege und nun Landaufschüttungen. Alles ist möglich.

Das Entscheidenste am Vorschlag der drei Kantonsräte ist, dass der Druck auf den Kanton erhöht wird.

Landaufschüttungen werden schwierig zu verkaufen sein. Für den Landbesitzer macht es kaum einen Unterschied, wenn die Passanten durch seinen Garten gehen oder einen Meter davor. Er will sich ja vom See nicht abschotten, also wird er keine meterhohe Mauern oder Hecken erstellen, was ihn vor aufdringlichen Blicken schützen könnte. Fraglich ist auch, was gemacht wird, wenn der Besitzer ein Bootshaus am See stehen hat. Dennoch verdient der Vorschlag der SP Aufmerksamkeit. Es gibt bereits kleinere Aufschüttungen zwischen Wädenswil und Richterswil. Das zeigt, dass der Aufwand, im Gegensatz zu Stegen, gering wäre. In Gesprächen mit Landbesitzern stellt sich vielleicht heraus, dass diese einem Weg, der nicht über ihr Grundstück führt, nicht abgeneigt sind. Man wird ja noch träumen dürfen.

Das Entscheidenste am Vorschlag der drei Kantonsräte ist aber, dass der Druck auf den Kanton erhöht wird. Er soll endlich vorwärts machen mit dem Seeuferweg. Der Verein «Zürisee für alli» sagt so: «Wir haben einen langen Atem. Wenn ihr nichts macht, geben wir alles, um unser Ziel zu erreichen». Reagiert der Kanton nicht, bleibt immer eine letzte Option — das Einreichen einer neuen Initiative. Meine Prognose: Diese wird an der Urne haushoch angenommen. Denn die Bevölkerung hat für reiche Seeanstösser weniger Verständnis, als bürgerliche Politiker. Pascal Jäggi

KONTRA

Ein untauglicher Aufbruch zu neuen Ufern am Zürichsee

Die Verfechter eines Seeuferwegs um den Zürichsee legen ein paar Brickets nach. Nun wollen sie mit Aufschüttungen entlang der Ufer das Wegrecht erzwingen. Es liest sich wie ein Ultimatum: Entweder du (Villenbesitzer) überlässt die vordersten fünf Meter deines Grundstücks der Allgemeinheit (quasi durch freiwillige Enteignung), oder wir setzen dir ein neues Ufer vor die Nase.

Zum Teil habe ich Verständnis für die Idee. Jahrzehntelang werden die Befürworter des Seeuferwegs vertröstet, brüskiert, ge- und enttäuscht. Sie haben sogar eine Initiative – «Zürisee für alli» – durchgebracht. Und stehen doch mit leeren Händen da. Selbst wenn der Kanton Zürich längst beschlossen hat, jährlich 6 Millionen Franken für neue Wegabschnitte zu investierten, gibt es immer wieder einen Grund, um nichts unternehmen zu müssen. Mal ist kein Geld da, mal liegen gerade keine baureifen Projekte vor. Mit der anstehenden Revision des Planungs- und Baugesetzes möchte sich der Kanton sogar ganz aus der Verantwortung stehlen und die Seeufergestaltung den Gemeinden überlassen.

Das muss frustierend sein. Aber Aufschüttungen sind ein untauglicher Aufbruch zu neuen Ufern. Genauso wie schwimmende Stege. Der Naturschutz würde Amok laufen gegen diese Pläne. Solche Vorschläge drücken höchstens die Verzweiflung aus, zu retten was vom Seeuferweg noch zu retten ist.

Aufschüttungen sind ein untauglicher Aufbruch zu neuen Ufern. Genauso wie schwimmende Stege.

Man stelle sich auch vor was es kostet, kilometerlange Uferstreifen so mit Material aufzufüllen, dass ein mindestens zwei Meter breiter Weg entsteht. Man stelle sich vor, was es kostet, dieses neue Land zu befestigen und zu unterhalten. Ganzjährig. Dort, wo sich die öffentliche Hand bisher um nichts kümmern musste, weil Private zuständig sind, soll sie in Zukunft regelmässig aufräumen, kehren, Müll einsammeln, Schnee pfaden, Mauern und Vegetation pflegen. Wer die öffentlichen Plätze am See morgens nach einem lauen Sommerabend besucht weiss, dass das Sisyphusarbeit ist. Ich behaupte: Kaum ein Mensch hat das Bedürfnis 66 Kilometer um den Zürichsee zu gehen. Vielmehr zieht es fast alle auf dem direkten Weg ans Ufer. Sie baden, liegen, lesen, picknicken, grillieren, spielen. Darum halte ich es für viel wichtiger, dass die Gemeinden Zugänge zum See bieten: Oasen für Wasser-, Sonnen- und Naturliebhaber.

Es braucht keine kilometerlangen Wege, immer mit mehr oder weniger schicken Häusern und Gärten auf der einen und langweiligem Steinufer auf der anderen Seite. Wilde Natur sieht anders aus. Die Bewohner würden sich von den Spaziergängern beobachtet fühlen, die Spaziergänger von den Bewohnern. Argwohn statt Idylle am See. Da kann ich mich viel eher mit der Idee von kleinen Inseln im See vor öffentlichen Plätzen und Strandbädern anfreunden. Die dürften von mir aus aufgeschüttet werden. Christian Dietz-Saluz (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 21.07.2017, 14:04 Uhr

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