Horgen

Sie verschafft sich Gehör

Petra Schuh hat kreative Wege entdeckt, mit ihrer Hörbeeinträchtigung zu leben. Sie referiert darüber an einem Anlass des Vereins Pro Audito Horgen-Thalwil.

Zu kommunizieren, wenn viele Geräusche im Hintergrund sind, wie am Bahnhof in Horgen, fällt der Hörbeeinträchtigten Petra Schuh nicht leicht.

Zu kommunizieren, wenn viele Geräusche im Hintergrund sind, wie am Bahnhof in Horgen, fällt der Hörbeeinträchtigten Petra Schuh nicht leicht. Bild: Manuela Matt

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Munter spricht die mittelgrosse Frau mit Wildlederjacke und Kurzhaarschnitt am Bahnhof Horgen los. Die Sprache fliessend, die grossen braunen Augen wach auf das Gegenüber gerichtet. Im ersten Moment würde wohl niemand auf die Idee kommen, dass Petra Schuh eine Frau mit Hörbehinderung ist. Wäre da nicht gut sichtbar an ihrer linken Kopfseite das Cochlea-Implantat – ein Hörimplantat, das Klangsignale auffängt, digitalisiert und diese Signale an das hinter dem Ohr eingebettete Implantat sendet.

Auch dass Petra Schuh direkt von der Nachtschicht als Rettungssanitäterin bei Schutz & Rettung Zürich kommt, würde kaum einer vermuten. Im Gegenteil, die Energie sprudelt, als hätte sie zwölf Stunden am Stück geschlafen.

Ein Beruf wie dieser ist keine Selbstverständlichkeit für jemanden mit einer Sinnesbeeinträchtigung, wie sie Schuh hat. Aber sie ist keine Person, die sich vom Schicksal unterkriegen lassen würde, sie nimmt es lieber selbst in die Hand. Als 14-Jährige habe sie bei einem Kontrollbesuch die Worte des Arztes von seinen Lippen gelesen, die eigentlich an ihre Mutter gerichtet gewesen seien. «Sie ist ein wacher Geist, aber sie wird es damit zu nichts bringen», habe er gesagt. Das war ein Schlüsselmoment in ihrem Leben.

Alltag mit Hindernissen

Plötzlich wird die 54-Jährige ruhiger. Auf dem Perron rollt ein Zug an, der Geräuschpegel steigt. Menschen reden, andere sind mit ihrem Handy beschäftigt, Kopfhörer stecken in den Ohren. Für Schuh ist es auch mit Hörhilfen schwierig, mit Hintergrundgeräuschen zu kommunizieren. Dann die Durchsage über den Lautsprecher. Vokale und Wortfetzen bleiben bei der Rettungssanitäterin hängen. «..ei, dann irgendeine Zahl..», fasst sie das Gehörte zusammen. «Wahrscheinlich hat die S2 Verspätung», interpretiert sie die Aussage, überprüfen kann sie diese nur mit dem eigenen Handy und der SBB-App. Sie liegt richtig.

Solche Schwierigkeiten kennt Petra Schuh in ihrem Alltag viele. Nach der Konfrontation mit der Aussage des Arztes vor 40 Jahren sei aber ein Impuls in ihr erwacht, der sie bis heute zu kreativen Lösungen angespornt habe. «Ich habe mir die Haltung angewöhnt, mich nicht gleich davon abhalten zu lassen, wenn etwas nicht auf dem direkten Weg funktioniert», erzählt sie. Sie ärgere sich nicht über Erschwernisse, sondern frage sich: «Wie kann ich das lösen?»

Hartnäckig durchs Leben

Ihr Lebensweg bestätig ihre Haltung. Nach dem Gymnasium absolvierte Schuh eine Ausbildung als Pflegefachfrau, mit 35 Jahren schloss sie zusätzlich eine Ausbildung als Rettungssanitäterin ab. Seit 20 Jahren ist sie im Schichtdienst unterwegs, mittlerweile im mittleren Kader. Zum Ausgleich spielt sie leidenschaftlich Posaune und verfolgt damit ein Hobby, das nicht unbedingt mit einer Hörbeeinträchtigung in Zusammenhang gebracht wird.

Als sie mit der Bläser-Harmonie Kontakt aufgenommen habe, sei der Leiter etwas irritiert gewesen ob ihrer Anfrage. Mittlerweile sei das kein Thema mehr. «Ich übe dafür mehr als manch andere, die mitmusizieren», sagt sie und lacht verschmitzt, «etwas anderes kann ich mir gar nicht leisten, wenn ich mitmachen möchte.»

Petra Schuh ist gewillt, ihr Leben mit Mehraufwand zu bestreiten und dafür das zu machen, was ihr gefällt. Eine Lebenseinstellung, die sie auch am Vortrag der Pro Audito weitergeben möchte.

Pro Audito Horgen - Thalwil «Schwerhörig, mit Beruf und Familie – eine Herausforderung» Vortrag von Petra Schuh, Betroffene, danach gemeinsamer Apéro. 15. November, 18.30 Uhr, Ref. Kirchgemeindehaus, Kelliweg 21, Horgen. Anmeldung an beatrix.schwitter@bluewin.ch

Erstellt: 12.11.2019, 16:04 Uhr

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