Nez Rouge

Sie sind die Lotsen in feuchtfröhlichen Nächten

Die Stiftung Nez Rouge fährt jährlich rund 30'000 Personen nach Hause, die sich im fahruntüchtigen Zustand befinden. Unter den Chauffeuren ist auch Gabriela Brehm aus Wädenswil, die am letzten Mittwoch zum ersten Mal den Freiwilligendienst antrat.

 Am Steuer Evelyn Segessemann aus Gossau ZH und rechts Gabriela Brehm aus Wädenswil im Nez Rouge Smart auf der Fahrt von Dübendorf nach Dietikon.

Am Steuer Evelyn Segessemann aus Gossau ZH und rechts Gabriela Brehm aus Wädenswil im Nez Rouge Smart auf der Fahrt von Dübendorf nach Dietikon. Bild: David Baer

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Der Schnee tänzelt gemächlich auf die Strassen nieder. Nur vereinzelte kalte Windböen bringen die Flocken aus ihrem Konzept. Es ist kurz nach 22 Uhr und die eisige Nacht menschenleer. Plötzlich nähert sich das Dröhnen eines Motors. Zwei Lichter durchbrechen die Dunkelheit und werden immer grösser. Ein schwarzer Smart donnert über die Strassen. Darin sitzen zwei Frauen, amüsiert in ein Gespräch vertieft. Die Heizung kämpft auf höchster Stufe gegen die Kälte an und im Radio singt Phil Collins «I can feel it coming in the air tonight».

Die beiden Frauen sind Evelyn Segessemann aus Gossau und Gabriela Brehm aus Wädenswil. Sie bilden eines von zehn Teams, welche für die gemeinnützige Organisation Nez Rouge in der Nacht vom 27. auf den 28. Dezember fahruntüchtige Automobilisten nach Hause bringen. «Die Teams sind jeweils zu zweit unterwegs, da ein Mitglied der Gruppe das Auto des Kunden nach Hause fährt und das andere mit dem Nez-Rouge-Wagen folgt», sagt Evelyn Segessemann. Sie ist seit vier Jahren ehrenamtliche Fahrerin für den Verein. Für Gabriela Brehm ist es das erste Mal. Die Frauen kennen sich schon länger, da beide in einem Theaterverein mitmachen. Nun sind sie gerade auf dem Weg nach Dietikon, um die erste Kundin abzuholen.

«Bitte wenden»

Trotz eines kurzen Briefings eine halbe Stunde zuvor im Hauptquartier der Nez Rouge Zürich auf dem Militärflugplatz Dübendorf informiert die erfahrene Evelyn Segessemann Garbiela Brehm nochmals über die wichtigsten Punkte. «Zuerst die Winterreifen prüfen, dann das Auto des Kunden auf Beulen und Kratzer untersuchen und alles protokollieren». Am Ende der Fahrt solle sie jeweils erwähnen, dass der Service kostenlos ist, sie aber gerne Spenden für einen wohltätigen Zweck annehmen würden, sagt Segessemann.

In Dietikon angekommen, suchen die beiden Frauen nach dem Parkplatz, auf dem die Kundin und ihr Wagen stehen. Ein kleines Verständigungsproblem verzögert die Ankunft. Der Smart fährt nach rechts, die Kundin am Telefon meint, sie müssten nach links fahren und das Navigationssystem sagt: «Bitte wenden». Nach einer kurzen Odyssee ist der richtige Parkplatz gefunden. Gut gelaunt begrüssen Gabriele und Hanspeter Heid die beiden Nez-Rouge-Fahrerinnen. «Wir waren an einem Fest und wollen den Wagen lieber nicht mehr selber fahren», sagt Hanspeter Heid.

Spenden sind die Regel

Gabriela Brehm steigt ins Auto der Heids und fährt diese nach Urdorf. Stets dicht gefolgt von Evelyn Segessemann im Wagen von Nez Rouge. Am Ziel angekommen sagt Hanspeter Heid: «Ich bin froh, dass es Menschen gibt, die so etwas ehrenamtlich machen.» Nachdem die nötigen Papiere unterzeichnet wurden, dass Fahrzeug und Gäste unversehrt am Ziel angekommen sind und die Heids ein freiwilliges Entgelt überreicht haben, gibt Brehm der Disposition in Dübendorf durch, dass die Fahrt abgeschlossen ist. Es geht zurück in die Hauptzentrale.

Auf der Rückfahrt erzählt Segessemann, dass die Höhe der Spenden unterschiedlich sei. «Manchmal erhalte ich für eine kurze Strecke bereits 100 Franken und manchmal fahre ich jemanden durch den ganzen Kanton Zürich und erhalte nichts». Meistens sei der Betrag aber angemessen. «Man muss sich immer fragen, was ein Taxi kosten würde oder das Zugticket, um am nächsten Tag das Auto zu holen», sagt Brehm.

Im Hauptquartier angekommen, machen es sich die beiden Frauen nach ihrem ersten Einsatz an diesem Abend in der Fahrerstube bequem. Sie riecht nach Kaffee und Energy Drinks. Eine Gruppe Chauffeure spielt Karten, andere sind ins Gespräch vertieft. Alle warten auf den nächsten Auftrag. Zeit, um über den Grund zu sprechen, weshalb die beiden Frauen Nez Rouge überhaupt beigetreten sind und freiwillig nächtelang unterwegs sind. «Ich möchte lieber Zeit als Geld spenden. Nur so kann ich mir sicher sein, dass meine Spende auch den richtigen Zweck erfüllt», sagt Segessemann. Auch Garbiela Brehm ist überzeugt von Nez Rouge: «Evelyn hat mich angefragt, ob ich nicht mitfahren möchte. Da ich gerne Auto fahre und Nez Rouge gerne unterstützen wollte, habe ich zugesagt.»

«Nicht der letzte Einsatz»

Die Zeit in der Fahrerstube vergeht schnell, obwohl es eine ruhige Nacht mit vergleichsweise wenigen Anrufen ist. Es ist schon kurz nach ein Uhr. Immer mehr Fahrer kommen hinzu und mischen sich in das Gespräch der beiden Frauen ein. Geschichten von früheren Fahrten und Erlebnissen bei Nez Rouge werden erzählt. Eine Anekdote jagt die nächste. «Ich habe schon zerstrittene Familien an Weihnachtsfeiern im Auto gehabt, ein von Liebeskummer geplagtes Mädchen oder Polizisten, bei denen ich besonders vorsichtig fahren musste», erzählt Segessemann. Wirklich unangenehm werde es aber selten. «Einmal wurde ein Mann aufdringlich und hat sich herablassend über Frauen geäussert.» Sie habe ihn mehrmals aufgefordert, damit aufzuhören. «Als er meiner Bitte nicht nachkam, habe ich angehalten und ihn stehen lassen», sagt Segessemann.

Um exakt 2.11 Uhr klingelt das Telefon in der Zentrale. Vom Disponent erhalten die beiden Fahrerinnen den Auftrag, einen Mann und seine Freundin am Limmatplatz in Zürich abzuholen. Die beiden waren an einem Fest bei Freunden und die Feier ging länger als geplant. Da sie keine Hand mehr ans Steuer legen wollten, haben sie zum ersten Mal Nez Rouge angerufen. Vor Ort steigt Gabriela Brehm nach der üblichen Bestandesaufnahme ins Auto des Kunden. Ein breiter Volvo, ausgestattet mit allerlei elektronischen Fahrhilfen. «Ich bin mir solche modernen Autos nicht so gewohnt», sagt Brehm. Trotzdem manövriert sie die Kunden durch die Nacht bis nach Bülach. Zurück in der Zentrale in Dübendorf enden die letzte Fahrt und der Freiwilligendienst der beiden Frauen. Für Gabriela Brehm ist aber eines klar: «Es war mein erster, aber nicht mein letzter Einsatz für Nez Rouge.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 28.12.2017, 16:59 Uhr

Fahrer gesucht

Da an Silvester besonders viele Anrufe in der Zentrale eingehen, sucht Nez Rouge Zürich für die Silvesternacht noch freiwillige Fahrer. Interessierte können sich auf www.nezrougezuerich.ch bis am 31. Dezember um 12 Uhr anmelden.(red)

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