Horgen/Zürich

Die Horgnerin, die Neugeborene mit Singen beruhigt

Die Musiktherapeutin Rachel Gotsmann aus Horgen summt und singt mit Neugeborenen, oft auch Frühgeburten. Ihr Ziel ist es, Schmerzen und Stress zu lindern.

Medikament Musik: Im Atemrhythmus des Kindes summt Rachel Gotsmann, um Körperrhythmen in Einklang zu bringen.

Medikament Musik: Im Atemrhythmus des Kindes summt Rachel Gotsmann, um Körperrhythmen in Einklang zu bringen. Bild: Patrick Gutenberg

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Kinderspital Zürich, Neonatologie: Auf einem Nachttischchen steht eine Spieluhr; ein Baby im bunten Pyjama schreit laut und ausdauernd. Der kleine Finlay lächelt unbeirrt im Schlaf, erwacht dann, wird unruhig. Rachel Gotsmann redet ihm zu, legt ihm eine Hand aufs Köpfchen, die andere auf den Bauch und beginnt zu summen.

Zuerst sind es nur sanfte Töne, dann nehmen sie nach und nach eine Melodie an, bekommen Worte. Der winzige Junge reagiert, gibt Töne von sich und beruhigt sich sichtbar. «Bei der Musiktherapie geht es darum, die Körperrhythmen wieder in Einklang zu bringen», erklärt Gotsmann. Ein Dialog entspinnt sich: «Ich singe nicht für die Kinder, sondern mit den Kindern.» Die Therapeutin geht voll und ganz auf den kleinen Patienten ein; gesummt wird im Atemrhythmus des Kindes.

Medizinische Schocks mildern

Der Gehörsinn ist der erste ausgebildete Sinn, er funktioniert ab der 20. Schwangerschaftswoche. Bei den Babies, welche die Musiktherapeutin betreut, handelt es sich um Neugeborene, oft Frühgeborene. Manche haben Herzprobleme, Missbildungen. «Sie sind zeitweise von ihren Eltern getrennt, hängen an Infusionsschläuchen, haben unter Umständen Stress und Schmerzen», gibt Gotsmann zu bedenken. In der Musiktherapie gehe es darum, diesen Stress zu reduzieren und die Entwicklung der Babies zu fördern.

Als Musiktherapeutin singt und summt Rachel Gotsman mit Neugeborenen, oft auch Frühgeburten. Bild: Patrick Gutenberg.

Frühgeburten müssen nach der vorzeitigen Geburt einige Wochen stationär auf der Neonatologieabteilung bleiben. Einen Herzpatienten betreut Gotsmann seit einen Jahr. Wenn ein Kind länger im Spital liegt, kann sich seine Entwicklung verzögern. Verschiedene Therapeuten arbeiten daher zusammen: Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden und Heilpädagogen. Eine zentrale Rolle nehmen die Eltern ein: «Ich möchte ihnen etwas in die Hand geben, sie ermutigen», erklärt die Musiktherapeutin. Wichtig sei, «dass sie weitermachen und mit ihrem Kind reden und singen.»

Sechs bis acht Kinder pro Tag

Ab der 24. Schwangerschaftswoche kommen Frühgeborene ins Kinderspital. Das Zwillingspaar, das Gotsmann gerade betreut, kam acht Wochen zu früh auf die Welt, was bei Zwillingen keine Seltenheit darstellt. Die beiden Brüder haben keine medizinischen Probleme und daher gute Perspektiven, dass ihre Entwicklung normal verlaufen wird. Seit vier Wochen betreut Gotsmann die beiden und stellt einen interessanten Effekt fest: Obwohl sie mit jedem Baby einzeln singt, «macht der Zwilling immer mit, ganz automatisch.»

Gotsmann besucht sechs bis acht Kinder pro Tag, jedes davon zweimal pro Woche rund 20 Minuten; bei älteren Kindern werden auch Spiellieder gesungen. Dabei geht es um Aktivierung, um Beruhigung und darum, eine Beziehung zu den Eltern, positive gemeinsame Erlebnisse zu vermitteln. Finanziert wird die Musiktherapie durch zwei Stiftungen: der Stiftung Chance für das kritisch kranke Kind, von betroffenen Eltern initiiert, und der Stiftung Art Therapie.

Musik als Kommunikation

Gotsmann arbeitet seit vielen Jahren mit Menschen mit psychischen und körperlichen Beeinträchtigungen, unter anderem auch im Humanitas Horgen. Seit Herbst 2016 wirkt sie im Kinderspital Zürich. Das Ziel von Musiktherapie ist es, gegen Orientierungslosigkeit zu helfen, und dass sich die Ruhe der Therapeutin auf den kleinen Patienten überträgt.

Gotsmann fasst ihre Aufgabe so zusammen: «Das Beziehungsmittel Musik ist ein Weg zum Kommunizieren und hilft gegen die Ohnmacht der Eltern, gibt eine Stimme, auch ohne Sprache.» Auch das Spitalpersonal reagiert laut Gotsmann positiv darauf: Nicht selten äussere sich eine Pflegende, das Summen habe sie auch gleich beruhigt. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 09.01.2018, 15:30 Uhr

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