Wädenswil

Sie kamen bei Nacht und Regen und bleiben für die grösste Chilbi am See

Das Spektakel der Chilbi beginnt schon Tage vor dem Feststart. Bei Nacht und unter grossem Zeitdruck müssen die Veranstalter mit ihren Lastwagen über den Bahnübergang auf den Seeplatz zirkeln. Das funktioniert nicht immer.

Die Chilbi Wädenswil findet auch auf dem Seeplatz statt - auf der anderen Seite der Bahngleise. Der Transport der Chilbi-Bahnen erwies sich dieses Jahr als besondere Herausforderung.
Video: Daniel Hitz/Martin Steinegger

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Die Momente der Ruhe sind am Bahnübergang beim Wädenswiler Hafen selten. Und wenn, dann nur von kurzer Dauer. Im Minutentakt brettern die Züge über die Gleise. In jener verregneten Dienstagsnacht kommen zur üblichen Geräuschkulisse die rege Unterhaltung einer Truppe Männer hinzu, die sich in gelben und orangen Vesten an die hölzerne Barriere des Bahnübergangs an der Hafenstrasse neben dem Bahnhof lehnen. Das Gesprächsthema: Die Chilbi vom kommenden Wochenende. Hinter den Männern steht eine Karawane von Lastwagen, beladen mit Buden, Bahnen und anderen Chilbiattraktionen, die sich bis auf die Seestrasse staut. Die Schausteller wollen alle von Samstag bis Montag ihre Stände auf dem Seeplatz präsentieren. Um an den gewünschte Ort zu gelangen, gibt es jedoch nur den einen Weg über die viel befahrenen Gleise.

Da der Bahnübergang beim Hafen nicht öffentlich ist, gehen die Barrieren nicht von alleine hoch. Nur mittels Sondergenehmigung erteilen die SBB die Erlaubnis, die Schranken zu öffnen. Eine Erlaubnis, die Platzmeister und Mitglied des Chilbikomitees Manuel Keller in jener Nacht hat. Unter strickter Einhaltung eines klar vorgegebenen Ablaufs dürfen die Schranken für einen kurzen Zeitraum von jeweils nur fünf bis sechs Minuten geöffnet werden. Dann, wenn ein freies Zeitfenster im dichten Zugverkehr besteht, können die Veranstalter mit ihren Lastwagen über die Gleise auf den Seeplatz manövrieren.

Bisher waren die Überfahrten tagsüber möglich. Die neuen Fahrpläne und verschärften Sicherheitsbestimmungen der SBB lassen das Traversieren ab diesem Jahr nur noch nach 22 Uhr zu. «Das bedeutet für uns viel mehr Aufwand», sagt Manuel Keller. «Wir sind den ganzen Tag am Organisieren und jetzt müssen wir auch in der Nacht noch arbeiten.»

«Du sollst fahren!»

Um 22 Uhr ist es an jenem Abend zum ersten Mal so weit. Schaulustige Anwohner blicken aus Fenstern und von Balkonen. Manuel Keller telefoniert mit der SBB-Zentrale am Flughafen in Kloten. Rund zehn kleinere und grössere Wagen stehen zum Losfahren bereit. Plötzlich beginnt der graue Sicherungskasten bei den Bahngleisen zu brummen. Das Geräusch ist der Startschuss für die brenzlige Aktion. Keller dreht den Schlüssel, muss dann die Barrieren zusammen mit seinen Helfern auf beiden Seiten der Gleise manuell öffnen. Lediglich drei Minuten verbleiben. Die Wagen fahren los, Aufregung bricht aus. Die Helfer geben den Chauffeuren Anweisungen, wie sie zu lenken haben. «Du sollst nicht schreien, sondern fahren!», gibt ein Helfer einem Chauffeur deutlich zu verstehen.

Seeseits der Gleise ist der Seeuferweg nur schmal. Für die Chauffeure der grossen Lastwagen bedeutet das Millimeterarbeit bei Nacht und Regen. Ein bisschen zu weit nach rechts und der Wagen fährt in die Mauer. Ein paar Zentimeter zu weit nach links und der Lastwagen droht ins Hafenbecken zu stürzen.

«Vor vier Jahren klemmte ein Lastwagen zwischen Mauer und Hafenbecken und musste zurück fahren.»Manuel Keller, Chilbi OK

Gestaffelt fahren die rund 20 Lastwagen und Fahrzeuge mit kleineren Anhängern in mehreren Zeitfenstern bis nach Mitternacht über die Gleise. In dieser Nacht verläuft alles reibungslos. Selbstverständlich ist das nicht. «Vor vier Jahren klemmte ein Lastwagen zwischen Mauer und Hafenbecken und musste zurück fahren», erinnert sich Keller. Die grossen Wagen fahren aus diesem Grund alle rückwärts über die Gleise. «Geht es nicht mehr weiter, können wir so vorwärts schneller wieder auf die andere Seite gelangen», sagt er. Wird das Zeitfenster mal überschritten, hält dies den Bahnverkehr auf. «Das würde uns schnell mal einen dreistelligen Frankenbetrag pro Minute kosten.» Soweit sei es bisher noch nie gekommen.

Riesenrad nicht auf Seeplatz

Finanzielle Auswirkungen, hat die neue Regelung, die Gleise nur noch nachts überqueren zu können, keine. Diese könnten in den kommenden Jahren aber kommen. Denn um die Barriere auch künftig öffnen zu dürfen, benötigt Manuel Keller eine weitere, mehrtägige Schulung. Da er seinen Posten an der Chilbi ehrenamtlich ausführt, weiss Keller noch nicht, ob er die Ausbildung absolvieren wird. Stellt die Stadt Wädenswil keinen eigenen Mitarbeiter mit der Ausbildung, wird die SBB künftig eine Sicherheitsfirma beauftragen. Dies wäre mit grossen Kosten für die Veranstalter verbunden. Der kleine Zirkus Minicirc, der seit 20 Jahren jeweils im Frühjahr auf dem Seeplatz gastierte, ist wegen der neuen Schrankenregelung schon heuer nicht mehr nach Wädenswil gekommen.

Ebenfalls nicht auf dem Seeplatz steht dieses Jahr das traditionelle Riesenrad. Dies hängt jedoch nicht mit der neuen Schrankenregelung zusammen. Das neue «Swiss Wheel» ist zum ersten Mal in Wädenswil und grösser als jene in den letzten Jahren. So gross, dass es nicht mehr über den Bahnübergang transportiert werden kann.

Bis sich der Zugang zum Seeplatz verbessert, dürften noch einige Jahre verstreichen. Ein neuer Übergang wäre im Zuge der Bahnhofserneuerung möglich. Bis der Bahnhof umgebaut wird, könnte es aber 2035 werden.

Erstellt: 21.08.2019, 15:47 Uhr

Die Chilbi Wädenswil im Überblick

Auf dem Seeplatz stehen dieses Jahr unter anderem das traditionelle Rösslikarussel und die Attraktion «Water Ball», bei welcher man in einen Plastikball gehüllt übers Wasser laufen kann. Neu in Wädenswil ist die Bahn Phönix, welche die Besucher mit ihrem drehenden Arm 24 Meter in die Höhe schaukelt. Ebenfalls zum ersten mal dabei ist die Attraktion «Phaenomenon», in der man mit einer Virtual-Reality-Brille eine virtuelle Reise erlebt.

Beim Güterschuppen neben dem Bahnhof kommt das «Swiss Wheel» zu stehen. Das Riesenrad befördert die Chilbigäste mit 36 Gondeln auf 46 Meter Höhe. Eine andere Attraktion ist der «Burner», ein langer Arm, der sich kopfüber um die eigene Achse schlägt. Für die kleineren Chilbibesucher steht am Bahnhofplatz eine Kindereisenbahn und in der Äusseren Sust ein Kinderflieger. An letzterem Ort befinden sich auch die traditionellen Autoscooter.

Weitere Bahnen befinden am Gerbeplatz, an der Gerbestrasse, am Plätzli sowie in der Inneren Sust. Weiter stehen rund 100 Markt- und Verpflegungsstände in den Strassen und Gassen. Gefeiert werden kann auch in einem der von den Wädenswiler Vereinen betriebenen Festzelt. (hid)

Samstag: 14 bis 4 Uhr (Fahrgeschäfte und Verkaufsstände bis 2 Uhr). Sonntag: 12 bis 2 Uhr (Fahrgeschäfte und Verkaufsstände bis 1 Uhr). Montag: 14 bis 1 Uhr (Fahrgeschäfte und Verkaufsstände bis 22 Uhr).

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